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Interview mit Robert Zemeckis zu The Walk

Er ist der Meister des schlauen Familienfilms – aber mit The Walk erklimmt Robert Zemeckis ganz neue Höhen: Ein SKIP-Interview in Cancún über Schwindelgefühle, Leidenschaft und die Bereitschaft, für die Kunst alles zu geben.

SKIP: Sie haben sehr lange an dieser Geschichtegearbeitet, nicht wahr?

ROBERT ZEMECKIS: Ja, wir haben bereits 2006 begonnen, mit Philippe Petit über die Rechte für seine Lebensgeschichte zu verhandeln. Meine Idee war, im Film wirklich erlebbar zu machen, wie es ist, auf einem Hochseil zwischen den Twin Towers zu tanzen – also das zu fühlen, was der Künstler fühlt, und nicht nur von unten raufzustarren.

SKIP: Sie haben Philippe gut kennengelernt. Wie schätzen Sie ihn ein?

ROBERT ZEMECKIS: Er ist ein erstaunlicher Mann, und mir gefällt, wie dieses Abenteuer den Künstler in ihm definiert. Genau davon handelt die Geschichte: von seiner Leidenschaft für diese Unternehmung. Ich denke, letztlich kann sich jede Künstlerin, jeder Künstler damit identifizieren, dass jemand wirklich alles für seine Kunst zu tun bereit ist. Zumindest ich habe mich darin sehr wiedergefunden.

SKIP: Was war visuell die größte Herausforderung?

ROBERT ZEMECKIS: Am schwierigsten war es, die Twin Towers wiederzuerwecken. Wir haben dafür jahrelang recherchiert, und ich glaube, wir haben jedes einzelne Foto angeschaut, das in den siebziger Jahren von den Türmen gemacht wurde. Und es war wichtig, einen Eindruck der Raumtiefe zu erzeugen, um wirklich das Gefühl zu wecken, da oben quasi mit Philippe zu sein. Wir haben viel mit Atmosphäre experimentiert und auch mit Performance Capture-Technik gearbeitet. Dieser Film ist die Kulmination aller Filme mit visuellen Effekten, die ich je gemacht habe: Alles, was ich gelernt habe, von Zurück in die Zukunft über Forrest Gump bis Die Legende von Beowulf, konnte ich hier irgendwie verwenden.

SKIP: Da ist Philippe, da sind die Türme – aber fast ein weiterer Protagonist im Film ist die Höhenangst …

ROBERT ZEMECKIS: Ja, ich wollte dieses Schwindelgefühl für die Zuschauer wirklich spürbar machen. Ich habe nicht nur unzählige einschlägige Filme gesichtet, sondern bin stundenlang auf hohen Türmen und Vorsprüngen gestanden und habe darüber nachgedacht, wie das visuell umzusetzen ist.

SKIP: 2008 gab es den Dokumentarfilm Man on Wire über Philippe. Wie sehr hat die Doku Ihren Film beeinflusst?

ROBERT ZEMECKIS: Die Doku ist sehr gut, die hat sogar den Oscar bekommen. Sie vermittelt, was die Mitwirken-den dachten, vor allem den Einbruch in das World Trade Center betreffend. Aber sie konnte Philippes großartige Performance auf dem Seil nicht zeigen, die das emotionale Herz unseres Films ist, weil die damals nicht gefilmt werden konnte. Der Einbruch ist fantastisch und aufregend, aber die eigentliche Performance bringt The Walk in eine ganz neue Richtung. Da es davon keine Aufnahmen gibt, erlaubte uns das, den Seiltanz in eine Art Fabelstatus zu holen und ihn so spektakulär wir möglich zu machen.

Interview: Kurt Zechner, Magdalena Miedl / Oktober 2015

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