In jeder Beziehung

Interview mit Woody Allen zu Irrational Man

In seinem neuesten Film Irrational Man beweist Woody Allen einmal mehr seine grandiose Beobachtungsgabe – und seinen schier bodenlosen Zynismus. Im Interview erzählt er von Lehrer-Schülerinnen-Liebe und vom Selbstzweifel-Contest mit Joaquin Phoenix.

SKIP: Sie haben diese ganz spezielle Dynamik von Beziehungen zwischen einem Lehrer und einer Schülerin sehr treffend eingefangen. Wo haben Sie das so genau beobachten können?

WOODY ALLEN: Nun, das ist ja kein seltenes Phänomen. Gerade an Unis sieht man das ja sehr oft – das Interessante ist, dass sich das in 99% der Fälle zwischen männlichen Lehrenden und weiblichen Studentinnen abspielt. Wenn ein Lehrer halbwegs klug ist und ein bisschen Sinn für Humor hat, dann kann er überraschend hässlich sein, trotzdem werden sich Schülerinnen in ihn verknallen. Autoritätspersonen, die man Tag für Tag sieht, gewinnen automatisch ein gewisses Charisma. Das ist ähnlich wie mit männlichen Psychotherapeuten oder Ärzten und jüngeren weiblichen Patientinnen; ein hochinteressantes Phänomen. Ich habe das vor Jahren selber miterlebt: Ich hatte eine Freundin, die an der Uni studierte, und die verliebte sich schließlich unsterblich in einen ihrer Professoren. Der sah allerdings auch ziemlich gut aus, sicher besser als ich.

SKIP: Sie zeigen in Ihren Filmen oft Liebesbeziehungen zwischen jungen Frauen und älteren Männern. Absichtlich?

WOODY ALLEN: Wenn ich schreibe, dann denke ich über so etwas nicht nach. Die Geschichte kommt einfach aus mir heraus, ich setze das Alter meiner Figuren nicht bewusst fest. Wenn ein Psychoanalytiker sich allerdings ansehen würde, welche Motive sich in meinen Filmen häufen, könnte er sicher etwas über meinen Seelenzustand sagen. Es ist jedenfalls offenbar etwas, was mich beschäftigt, das stimmt.

SKIP: Haben Sie an Joaquin für die Rolle des Professors eigentlich von Beginn an gedacht?

WOODY ALLEN: Nein, überhaupt nicht! Meiner Casterin ist er eingefallen, und ich fand die Idee sofort großartig. Er ist perfekt für diese Rolle des genialen Professors, der sich in der wirklichen Welt nicht so zurechtfindet. Joaquin ist sooo kompliziert. Ich meine, wenn man ihn beim Essen nur bittet, das Salz rüberzureichen, dann startet das einen halbstündigen Denkprozess, wie er das jetzt richtig machen soll (lacht). Seine ständige Seelenqual ist ihm ins Gesicht geschrieben, er leidet dauernd so viel, wegen nichts! Der Mann ist wirklich eine Modellstudie der Unsicherheit. Dabei ist er ein großartiger Schauspieler. Aber nach jedem einzelnen Take kam er zu mir und fragte mich: „Wie war ich? Wie war ich?“, und ich sagte: „Sehr gut!“, und er drauf: „Was, wirklich, das fandest du gut?“ Und damit hat er es oft geschafft, mich zu verunsichern. (lacht)

SKIP: Sie sind ja selbst dafür bekannt, nicht gerade frei von Selbstzweifeln zu sein.

WOODY ALLEN: Stimmt. Aber bei der Arbeit muss ich die verstecken. Als Regisseur muss man ja immer so wirken, als wüsste man zu jedem Zeitpunkt ganz genau, was man tut – auch wenn natürlich das genaue Gegenteil der Fall ist. Filme zu machen, genau wie jede andere Kunstform auch, ist keine Wissenschaft, die man erforschen und erlernen kann. Es ist bei jedem Film so, als würde ich ganz von vorne anfangen. Und da geht es nicht nur mir so – vor Jahren habe ich einmal mit Ingmar Bergman darüber gesprochen, und er hat ganz genau dasselbe gesagt. Die Schauspieler glauben, dass ich, weil ich das ganze Ding ja geschrieben habe und auch schon ziemlich viele Filme gedreht habe, mit einem ganz genauen Plan ans Set komme. Klar gibt’s einen Plan, aber der ist bei Weitem nicht so detailliert wie alle glauben. Der Trick an der Sache ist, den Schauspielern immer einen Schritt voraus zu sein – und möglichst glaubhaft zu behaupten, dass man eh den kompletten Überblick hat. Auch wenn das nie so ist. Man erkennt immer erst nach dem Dreh, wenn man das fertige Material zur Gänze sieht, was man eigentlich gemacht hat. Und manchmal ist das überhaupt nicht so gut, wie man sich das vorgestellt hat. Das kann schon sehr frustrierend sein.

Interview: Gini Brenner / Oktober 2015

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