Kolonie und Wahnsinn

Interview mit Florian Gallenberger zu Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück

Nach John Rabe nimmt sich Florian Gallenberger erneut eines Kapitels der Zeitgeschichte an, in dem die Deutschen ihre Finger mit drin hatten: In Colonia Dignidad geht es um die unglaublichen Verbrechen des deutschen Sektenführers Paul Schäfer in Chile, erzählt anhand einer fiktiven Liebesgeschichte.

SKIP: Wie haben Sie Daniel Brühl und Emma Watson dazu bekommen, bei einem Film zu diesem finsteren Thema mitzumachen?

FLORIAN GALLENBERGER: Daniel war auch in meinem letzten Film dabei, und ich habe die Rolle für ihn geschrieben. Mir war wichtig, diese Geschichte einem möglichst großen Publikum zu erzählen, also war eine besondere Schauspielerin im Zentrum des Films notwendig. Emma Watsons Rolle ist ja die Heldenfigur; hier versucht einmal die Prinzessin, den Prinzen zu retten. Dafür brauchte ich eine Schauspielerin, die Verletzlichkeit und zugleich große Entschlossenheit vermittelt, jemanden mit einer hellen Ausstrahlung als Kontrast zu diesem dunklen Ort. Genau das ist Emma.

SKIP: Es ist kaum fassbar, auf wie vielen Ebenen die politisch gedeckten Verbrechen der Colonia Dignidad funktioniert haben. Wie ist es Ihnen gelungen, das auf einen Spielfilm herunterzubrechen?

FLORIAN GALLENBERGER: Das Thema ist tatsächlich noch deutlich größer als der Film das zeigen kann. Die Colonia war im Prinzip wie eine riesige Landwirtschaft, aber gesichert wie eine Militärbasis, mit Wachtürmen und Bewegungsmeldern und Selbstschussanlagen und Sprengfallen. Ende der Siebziger Jahre haben die beispielsweise Waffen für das Pinochet-Regime importiert, weil Chile unter Waffenembargo war und die Colonia ihren eigenen zollfreien Hafen hatte. Und, kein Witz, irgendwann haben sie sogar Uran auf ihrem Gelände gefunden und versucht, das anzureichern. Da sind große Räder gedreht worden, dabei war das immer nur eine kleine Gemeinschaft, maximal etwa 330 Leute. Dieser Paul Schäfer stand an der Spitze, und darunter gab es eine steile Hierarchie von Leuten, die alle bis zu einem gewissen Grad auch Opfer waren. Für den Film haben wir uns auf die Jahre 1973-74 beschränkt, direkt nach dem Putsch; damals war Schäfers Macht am größten. Mit Pinochet als Diktator im Land und dem Geheimdienstchef Manuel Contreras als Schäfers bestem Freund konnte ihm gar nichts passieren.

SKIP: Im Film ist auch die fragwürdige Rolle der deutschen Botschaft ein Thema. Empfinden Sie es als deutsche Verantwortung, diesen Film zu machen?

FLORIAN GALLENBERGER: Absolut. Die Involvierung der deutschen Botschaft ist ja bislang überhaupt nicht aufgearbeitet. Es haben damals viele versucht zu fliehen, und es haben auch einige über den Zaun geschafft, aber die hatten ja alle keine Pässe. Die haben sich dann irgendwie nach Santiago durchgeschlagen und mussten zur Botschaft, weil man ohne Pass niemand ist und nicht das Land verlassen kann, und die wurden dann alle aus der Botschaft wieder in die Colonia zurückgeschickt. Das ist ein heißes Eisen, das bis heute niemand anfassen will.

Interview: Magdalena Miedl / Februar 2016

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