Proletenpassion

Interview mit Sacha Baron Cohen zu Der Spion und sein Bruder

Ali G., Borat, Brüno und jetzt der Anti-Agent Nobby in Der Spion und sein Bruder: Sacha Baron Cohen ist der Meister der böse witzigen Kunstfiguren. SKIP traf den begnadeten britischen Komiker in London zum Interview.

SKIP: Erst einmal ein neuerliches Dankeschön für Ihre Kunstfigur Brüno – Sie haben unserem Land damit einen unschätzbaren kulturellen Dienst erwiesen!

Sacha Baron Cohen: Und umgekehrt! Es war mir eine Ehre.

SKIP: Mr. Baron Cohen, für Ihre Figuren – von Brüno bis Nobby – suchen Sie fast immer Vertreter aus sozialen Randgruppen oder Minderheiten aus. Wie wichtig ist Ihnen da der politische Aspekt?

Sacha Baron Cohen: Nun, in erster Linie sollen meine Filme komisch sein. Aber in unserer Welt leben wir nun mal in Gesellschaften aus verschiedenen, voneinander getrennten Schichten, in der die Wohlhabenden und die Nichtshabenden immer mehr auseinanderdriften. Und so schien mir ganz konkret für diesen Film der Kontrast hochinteressant zwischen dem Spion und seinem Partner wider Willen, der alles das repräsentiert, was der Upper-Class-Spion verachtet. Deshalb haben wir Nobby zur Karikatur des schlimmsten gesellschaftlichen Albtraums gemacht – der dann trotzdem zum Held wird.

SKIP: Worin bestand der besondere Reiz, eine Kombination aus Komödie und hartem Actionfilm zu kreieren?

Sacha Baron Cohen: Einer meiner Co-Autoren hatte die Idee: „Was haltet ihr von einer Geschichte über James Bonds Bruder?“ Und ich fand das sehr spannend: Was wäre der unmöglichste Bruder eines Eliteagenten, sein genaues Gegenteil? Einer, der nicht cool, sondern warmherzig, nicht einsam, sondern Familienvater, nicht wortkarg, sondern ein totaler Quatschkopf ist. Letztlich geht’s drum, dem mitleidlosen Hitman sowas wie eine menschliche Komponente zu geben. Denn wenn man sich all diese Agenten anschaut, James Bond, Jason Bourne und so weiter, die sind ja im Grunde nichts anderes als Muskelmänner mit Asperger-Syndrom. Die haben keinerlei Empathie, keinen Respekt für ihre so genannten „Ziele“, die sind für sie nur Objekte.

SKIP: Und damit ist deine Chance, der nächste Bond zu werden, wohl schon dahin …

Sacha Baron Cohen: Yeah, fuck James Bond.

SKIP: Wie genau ist Nobby entstanden?

Sacha Baron Cohen: Wenn ich eine neue Figur entwickle, dann sehe ich mir erst mal das Umfeld an. Bei Ali G. war das noch einfach, weil ich als junger Teenager selber das weiße Mittelklasse-Bubi war, das unbedingt Ghetto-Gangsta-Rapper sein wollte. Für Borat habe ich viel über Osteuropa gelernt, für Der Diktator hab ich viel Zeit im arabischen Raum verbracht und bin dort auch mit Mitgliedern der Königsfamilien rumgehangen. Und für Nobby bin ich auf eine Rundreise durch Nordengland gegangen, habe versucht, arbeitslose Väter von Großfamilien kennenzulernen und herauszufinden, wie die so ticken. Sind die wirklich der Inbegriff der Sozialschmarotzer? Und das Erste, was mir aufgefallen ist, war, dass es dort ja nicht so viele Arbeitslose gibt, weil die Leute so faul sind, sondern weil es schlicht und einfach keine Jobs gibt. Im echten nordenglischen Grimsby zum Beispiel lebte ein Großteil der Menschen früher von der blühenden Fischereiindustrie – bis diese vor Jahren zusammengebrochen ist. Als Familenvater hat man dort genau zwei Möglichkeiten: Entweder man lässt seine Familie alleine, um woanders zu arbeiten, oder man lebt halt vom Arbeitslosengeld.

SKIP: Wie war die Arbeit mit Rebel Wilson, die Ihre Freundin spielt? Hat sie sich als Australierin schwer getan mit dem Nordenglischen?

Sacha Baron Cohen: Rebel ist wochenlang durch nordenglische Fish-&-Chips-Shops gezogen, um den Akzent zu üben und ihre Figur zu entwickeln. Und sie hat das echt groß-artig hinbekommen, obwohl das nicht gerade einfach ist. Am Ende der Dreharbeiten waren wir und unsere 9 Filmkinder tatsächlich so etwas wie eine happy Family (lacht).

SKIP: Wie haben Sie eigentlich diese herrlichen Kinder gefunden?

Sacha Baron Cohen: Naja, zuerst haben sie mir ja einen Haufen „richtiger“ Kinderschauspieler geschickt, ein paar Kids mit Schauspielausbildung und ein paar, die halt einfach berühmt werden wollen. Aber die waren alle furchtbar und total unecht. Also sagte ich: „Wir brauchen Kinder mit echtem Working-Class-Background!“ Darauf haben wir den ganzen Norden von England abgegrast und sie schließlich auch gefunden: Neun toughe, freche, großartige Rotzlöffel.

SKIP: Sie sind bekannt für Ihre sehr provokanten, respektlosen Witze; auch in diesem Film reizen Sie das wieder trefflich aus. Gibt es für Sie da irgendwo eine Grenze? Einen Punkt, wo Humor tatsächlich zu weit geht?

Sacha Baron Cohen: Ja, auf jeden Fall. Man hat, grade wenn man einen Kinofilm macht, hier eine große Verantwortung – ich will nicht provokant sein, nur um der Provokation willen, nicht einfach dumme Stereotypen verbreiten, halt generell kein Arschloch sein, selbst wenn meine Filmfigur ein Idiot ist.

Interview: Kurt Zechner / März 2016

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.