Sozialverunsicherung

Interview mit Ken Loach zu Ich, Daniel Blake

Die Goldene Palme gab‘s heuer für die britische Filmemacher-Legende Ken Loach und sein engagiertes Sozialdrama I, Daniel Blake – und auch beim Interview wird‘s wie immer politisch.

SKIP: Als Sie vor zwei Jahren hier in Cannes waren, um Jimmy’s Hall zu präsentieren, haben Sie gemeint, das wäre Ihr allerletzter Film gewesen. Wieso haben Sie Ihre Meinung nun doch noch geändert?

Ken Loach: Ach, da habe ich ziemlichen Unsinn geredet (lacht). Wissen Sie, für Jimmy’s Hall war ich 18 Monate lang von zu Hause weg, das kam mir so unsagbar lang vor, und ich wollte das nie wieder durchmachen. Aber schon nach einer Woche wieder daheim habe ich angefangen, an diesem Projekt hier zu arbeiten. I, Daniel Blake war auch viel einfacher zu machen, wir haben ja ausschließlich in Newcastle gedreht, und das nur wenige Wochen lang. Newcastle ist eine nette Stadt. Die Menschen dort sind sehr warmherzig und freundlich.

SKIP: Die Dialoge mit den Job-Center-Mitarbeitern und die einzelnen Fallgeschichten in Ihrem Film wirken beinahe wie aus einem Kafka-Roman. Wie realistisch sind die eigentlich?

Ken Loach: Sehr. Wir haben sie nur etwas harmloser gemacht, sonst hätte uns das keiner geglaubt. Die Wirklichkeit ist noch um einiges härter. Es gibt da so viele unglaubliche Geschichten. Zum Beispiel wurde einem Mann die Arbeitslosenunterstützung gekürzt, weil bei seiner schwangeren Frau die Wehen zu früh einsetzten, er sie ins Krankenhaus brachte und er dadurch seinen Termin im Jobcenter verpasste. Ein anderer wollte zum Begräbnis seines Vaters gehen, das am Tag seines Termins war. Das wurde nicht gestattet; als er trotzdem ging, verlor er die Arbeitslose … Es ist ein unmenschliches System geworden.

SKIP: Haben Sie direkt in den Job-Centern gefilmt?

Ken Loach: Nein, man kann diese Job-Center nicht einmal betreten, ohne einen Termin mit einem Job-Berater zu haben. Da steht überall Security. Wir haben dann einen Jobcenter-Manager aufgetrieben, der uns erlaubt hat, nach Betriebsschluss reinzugehen, damit wir sehen, wie das da drin aussieht. Das sind tatsächlich quasi geheime Orte. Auch interessant: Echte Jobcenter-Mitarbeiter dürfen in Filmen keine Jobcenter-Mitarbeiter darstellen. Polizisten etwa dürfen sehr wohl Polizeibeamte spielen, die in unserem Film sind alle echt. Die Jobcenter-Mitarbeiter sind allesamt Leute, die da mal gemacht haben, aber irgendwann gekündigt haben, weil sie es nicht mehr aushielten.

SKIP: Wie sind Sie auf Ihren großartigen Hauptdarsteller Dave Johns gekommen?

Ken Loach: Ich versuche immer, jemanden zu finden, der in einer Rolle wirklich glaubwürdig ist. Dave kommt wirklich aus Newcastle, sogar aus der Nachbarschaft, in der wir gedreht haben. Sein Vater war selber Tischler und lebte mit seiner Familie in so einem Gemeindebau wie im Film. Dave kennt diese Welt, und in den Castings war er einfach der Beste.

SKIP: Daniel Blake ist ein einfacher Mensch mit gutem Herzen. Gibt es denn solche Leute wirklich noch?

Ken Loach: Ja, natürlich! Die meisten Menschen sind so. Fast alle sind im Grunde gut, sie wollen ein angenehmes Leben, und das nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen. Wenn man genau hinschaut, sind es gar nicht so viele, die absichtlich Böses tun.

SKIP: Wie wird der Film, glauben Sie, bei denen aufgenommen werden, die er direkt betrifft?

Ken Loach: Ich glaube nicht, dass ihn viele davon sehen werden. In Großbritannien wird es keinen großen Kinoeinsatz geben.

SKIP: Ist Kino immer noch ein Medium für Leute, die die Welt verändern wollen?

Ken Loach: Nicht mehr so wie früher. Junge, engagierte Filmemacher, die mit der Situation unzufrieden sind, machen Kurzfilme, drehen digital – es gibt auch viel mehr Produktionsmittel als damals. Obwohl ich glaube, dass die Jüngeren, die, die mit Thatcher aufgewachsen sind, weniger soziales Gewissen haben. Die wurden eher im Sinne des Individualismus und des persönlichen Profits erzogen.

SKIP: Und Sie? Fühlen Sie noch das Feuer des Widerstands?

Ken Loach: Ich versuche, es zu vermeiden – es ist schlecht für den Blutdruck, und das muss man in meinem Alter beachten. Aber ernsthaft: Wie könnte ich nicht?

Interview: Gini Brenner, Foto: © Graham Whitby Boot / Mai 2016

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