Blick zurück im Zorn

Interview mit Harvey Keitel zu Der Fall Furtwängler

Als er in Berlin eintraf, sagte Harvey Keitel gleich alle Interview-Termine ab, um erst mal ein kräftiges Nickerchen einzuschieben. Kurt Zechner wurde kurz vor dem Bettgang des Meisters trotzdem exklusiv vorgelassen und traf den King of Cool geistig äußerst ausgeschlafen.

SKIP: In Der Fall Furtwängler spielen Sie einen US-Major, der nach dem 2. Weltkrieg zornig und stur nach Sühne und Vergeltung sucht und am legendären Dirigenten Wilhelm Furtwängler ein Exempel statuiert. Wie haben Sie sich diesem schwierigen Stoff genähert?

Harvey Keitel: Ich kümmerte mich gar nicht so sehr um Furtwängler. Mein Zugang war ein eher primitiver. Ich schaute mehr auf meine eigenen Gefühle. Für mich geht es bei Der Fall Furtwängler vordringlich um die Fragen Toleranz, Courage, Angst: Was wäre, wenn ich als Junge, der in Brooklyn aufgewachsen ist, selbst sehen würde, wie unschuldige Kinder brutal abgeschlachtet werden – was würde ich dann tun?

SKIP: Sind Sie für sich selbst zu einer Lösung gekommen?

Harvey Keitel: Klar. Ich lege alle bösen Jungs um und rette die Welt! (lacht)

SKIP: Das haben Sie ja auch schon in vielen Filmen getan.

Harvey Keitel: Glauben Sie nicht alles, was Sie auf der Leinwand sehen. (lacht)

SKIP: Ihr Charakter hat keinerlei Verständnis für Furtwänglers Verteidigungslinie, nach derer Kunst und Politik nichts miteinander zu tun hätten. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Harvey Keitel: Man sagt, Pistolen können nicht töten – es sind immer Menschen, die das tun. Selbstverständlich gilt das auch für die Musik. Die Musik selbst ist nicht verantwortlich, sondern nur die Leute, die sie spielen. Und als angesehener künstlerischer Repräsentant des Dritten Reichs hatte Furtwängler ohne Zweifel auch eine politische Funktion für das Nazi-Regime. Über das Mittel der Musik lieferte er Heerscharen von politisch aufgehetzten Menschen – gewollt oder ungewollt – Inspiration und Bestärkung für ihre Greueltaten. Und damit hat er klarerweise auch Schuld auf sich geladen.

SKIP: War ihnen die Figur Furtwängler vor diesem Film ein Begriff?

Harvey Keitel: Nein, ich wußte nichts über ihn. Ich wußte ein bißchen was über diesen österreichischen Dirigenten, der auch in Der Fall Furtwängler vorkommt ...

SKIP: ... Herbert von Karajan?

Harvey Keitel: Genau. Was ich allerdings erst durch Der Fall Furtwängler erfuhr, war, dass von Karajan zweifaches NSDAP-Mitglied war ...

SKIP: ... was ihn nicht daran hinderte, schon 1955 Furtwängler als Chefdirigent des Berliner Philharmonischen Orchesters zu beerben.

Harvey Keitel: Ja, erstaunlich, nicht? Aber andererseits ist da wieder die selbe Frage: Wie hätte ich zu der Zeit gehandelt? Karajan war ein junger Mann, sehr karrierefixiert – klar hat er sich nicht gerade nobel verhalten. Ich bin weit davon entfernt, ihn hier freizusprechen, aber können wir ihn wegen dieses Fehlers für immer verdammen? Wenn ich mir dann wieder die Bilder von den KZs anschaue, sage ich sofort: Ja, er gehört verdammt! Eine schwierige Frage auf jeden Fall. Es gibt ein paar Bilder aus dem Dritten Reich, die ich nicht aus dem Kopf kriege. So wie das von einem SS-Mann, der vor einem offenen Massengrab voller Leichen von ermordeten Juden steht. Und er stößt mit dem Fuß einen Leichenteil weg, der ihm im Weg liegt, als wär´s ein Stück Dreck. Ich sehe den Mann an und denke mir: Was für eine zutiefst verstörte Seele.

SKIP: Würden Sie sagen, so jemand ist ein hoffnungsloser Fall?

Harvey Keitel: Ich getraue mich das fast nicht zu sagen, aber ich glaube, niemand ist ein völlig hoffnungsloser Fall. Die Kraft von Rache und Haß ist stark, und auch ich habe mir schon bei einigen Menschen geschworen, dass ich ihnen niemals verzeihen werde. Aber ein anderer Teil in mir sagt, dass man niemanden ganz aufgeben darf.

Interview: Februar 2002

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