Idyll und Wirklichkeit

Interview mit Andreas Hans Guttner zu Bei Tag und bei Nacht - Aus dem Leben eines Bergdoktors

Mit seinem neuesten Film ging der passionierte Dokumentarfilmer Hans Andreas Guttner (Im Niemandsland, Kreuz und quer) zurück zu den eigenen Wurzeln: Bei Tag und bei Nacht folgt Guttners Bruder, einem Bergdoktor, bei der Arbeit. SKIP sprach mit ihm am Telefon.

SKIP: Irgendwie scheint in Ihrem Film das echte Leben gar nicht so weit weg vom Bergdoktor-Idyll – wie haben Sie das erlebt?

Hans Andreas Guttner: Es war eine sehr interessante Erfahrung. Ich bin ja nicht jemand, der schnell auf eine Idylle hereinfällt. Ich bin ein kritischer Geist, habe schon Ende der 70er Jahre als einer der Ersten Filme über Migration gedreht, ich bin gewohnt, hinter die Fassade zu schauen. Und als ich in dieses Dorf gekommen bin, hab ich mir gedacht, das wird ein schwieriges Jahr, weil die werden sicher unheimlich klagen und jammern und kritisieren, und da muss ich mich drauf einstellen. Es war dann aber genau umgekehrt. 

SKIP: Inwiefern?

Hans Andreas Guttner: Ich habe dort etwas erlebt, was ich lange nicht mehr gesehen habe. Ich bin ja die Städter gewöhnt mit ihrem Optimierungswahn, ihrem übersteigerten Individualismus und ihrer Beziehungsunfähigkeit. Und dort im Dorf sind die Leute alle so nett! Ich habe das am Anfang überhaupt nicht verstanden. Ich dachte, was dreh’ ich denn da, da stimmt doch irgendwas nicht! Bin ich plötzlich zum Kitschbruder geworden? Aber dann hab ich bei Houellebeq, dem französischen Romancier, meine Antwort gefunden. Er sagt: „Es gibt ethische Gemeinschaften, und die können den Zerfall der Gesellschaft auffangen.“ Genauso ist das dort nämlich: Die stehen alle zusammen, es gibt kein Mobbing, die nehmen die Behinderten, die Alten mit, ganz selbstverständlich. Das hat mich sehr überrascht. 

SKIP: Wenn’s so eine Idylle ist, warum stirbt es denn dann aus?

Hans Andreas Guttner: Naja, natürlich ist das Leben schwer. Es ist harte Arbeit, die meisten sind Nebenerwerbsbauern mit einem zweiten Beruf. Die Landwirtschaft ist hauptsächlich identitätsstiftend. Der Druck ist groß, und alle müssen schauen, dass sie durchkommen. 

SKIP: Wie war das, mit ihrem Bruder zu drehen?

Hans Andreas Guttner: Nun, erst dachte ich, ich habe vielleicht einen Vorteil als Familienmitglied, aber das war gar nicht so. Martins Arbeit ist extrem anstrengend, und er achtet strikt auf seine Ruhezeiten, auf die musste ich Rücksicht nehmen. Wissen Sie, Ich habe mit dem berühmten Maler Sean Scully gedreht, der Hunderttausende Euro für ein Bild kriegt, und wenn ich den gefragt habe: „Herr Scully, können wir Sie mal am Strand filmen?“, dann hat der unwirsch gesagt „Nein, keinen Strand.“ Und so viel anders war das mit meinem Bruder auch nicht (lacht). Er war sich gar nicht sicher, ob ich da einen g’scheiten Film zusammenbringe, und war ein bisschen misstrauisch. Jetzt ist er ganz erstaunt, wie groß das Interesse ist, er hat sogar schon im Zuge der Dreharbeiten der Medical Tribune ein Interview gegeben. Mehr kann man als Landarzt nicht erreichen, für ihn hat sich der Film wirklich gelohnt.

Interview: Gini Brenner / Oktober 2016

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