Workingmans Death

Interview mit Ken Loach zu Ich, Daniel Blake

In seinem Sozialdrama I, Daniel Blake prangert der ewige Klassenkämpfer Ken Loach das britische (Anti-)Sozialsystem an. Bei den Filmfestspielen von Cannes gab’s dafür heuer die verdiente Goldene Palme.

SKIP: Die Dialoge mit den Job-Center-Mitarbeitern und die einzelnen Fallgeschichten in Ihrem Film wirken fast wie aus einem Kafka-Roman. Wie realistisch sind die?

Ken Loach: Wir haben sie harmloser gemacht. Sonst hätte uns das keiner geglaubt. In Wirklichkeit passieren noch viel furchtbarere Dinge. Es gibt da so viele unglaubliche Geschichten. Zum Beispiel wurde einem Mann die Arbeitslosenunterstützung gekürzt, weil er seine schwangere Frau ins Krankenhaus bringen musste und er dadurch seinen Termin im Job-Center verpasste. Ich habe einen Mann kennengelernt, dem drei Jahre lang die Arbeitslosenunterstützung strafhalber nicht ausbezahlt wurde, weil man ihn zwingen wollte, quasi gratis für die Firma zu arbeiten, die ihn zuvor entlassen hatte. Es ist einfach ein unmenschliches System geworden.

SKIP: Haben Sie direkt in den Job-Centern gefilmt?

Ken Loach:  Nein, man kann diese Job-Center nicht einmal betreten, ohne einen Termin mit einem Job-Berater zu haben. Da steht überall Security. Wir haben dann einen Jobcenter-Manager aufgetrieben, der uns erlaubt hat, nach Betriebsschluss reinzugehen, damit wir sehen, wie das da drin aussieht. Das sind tatsächlich quasi geheime Orte. Auch interessant: Echte Jobcenter-Mitarbeiter dürfen in Filmen keine Jobcenter-Mitarbeiter darstellen. Polizisten etwa dürfen das sehr wohl. Unsere Polizisten im Film sind echt. Die Jobcenter-Mitarbeiter sind allesamt welche, die das mal gemacht haben, aber irgendwann gekündigt haben, weil sie es nicht mehr aushielten. 

SKIP: Wie sind Sie auf Ihren großartigen Hauptdarsteller Dave Johns gekommen?

Ken Loach: Ich versuche immer, jemanden zu finden, der in einer Rolle wirklich glaubwürdig ist. Dave kommt wirklich aus Newcastle, sogar aus der Nachbarschaft, in der wir gedreht haben. Sein Vater war selber Tischler und lebte mit seiner Familie in so einem Gemeindebau wie im Film. Dave kennt diese Welt, und in den Castings war er einfach der Beste. 

SKIP: Daniel Blake ist ein einfacher Mensch mit gutem Herzen. Gibt es denn solche Leute wirklich noch?

Ken Loach: Ja, natürlich! Die meisten Menschen sind so. Fast alle sind im Grunde gut, sie wollen ein angenehmes Leben, und das nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen. Wenn man genau hinschaut, sind es gar nicht so viele, die absichtlich Böses tun.

Interview: Gini Brenner, Foto: © Graham Whitby Boot / Oktober 2016

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