Die Reifeprüfung

Interview mit Ewan McGregor zu Amerikanisches Idyll

Ein Schotte findet sein Amerikanisches Idyll: Mit der Verfilmung von Philip Roths Weltbestseller erfüllte sich Ewan McGregor einen lang ersehnten Traum. Im SKIP-Interview sprach er offen über Versagensängste und unerwartete Begegnungen …

SKIP: Wie kam es dazu, dass Sie nach fast 25 Jahren als Schauspieler zum ersten Mal Regie führten?

Ewan McGregor: Ich habe schon vor vielen Jahren zugesagt, die Hauptrolle in der Verfilmung von Amerikanisches Idyll zu spielen. Allerdings kam es immer wieder zu Verzögerungen, das Projekt stand schließlich 2014 vor dem Aus, weil der Regisseur abgesprungen war. Meine Frau hat damals schon gesagt: „Du solltest den Film unbedingt machen!“ Nachdem ich schon viele Jahre darauf gewartet habe, endlich Regie zu führen, habe ich mir schließlich gedacht: „Verdammt, sie hat vielleicht Recht!“ Und die Produktionsfirma hatte zum Glück genug Vertrauen zu mir. Und so konnte ich mir mit diesem Projekt tatsächlich einen großen Traum erfüllen.

SKIP: Wann sind Sie mit der Vorlage von Philip Roth in Berührung gekommen?

Ewan McGregor: Ich habe den Roman tatsächlich erst durch das Drehbuch entdeckt. Ich habe mit dem Lesen des Buchs so lange gewartet, bis klar war, dass wir den Film machen würden. In den neun Monaten vor dem Drehstart habe ich allerdings wirklich in der Welt von Philip Roth gelebt. Es gibt eine großartige Hörbuchfassung, eingesprochen vom New Yorker Schauspieler Ron Silver, die ich mir quasi täglich im Auto oder beim Joggen angehört habe. Sechs Wochen vor den Dreharbeiten habe ich das Buch dann zur Seite gelegt und auf meine eigene Vision vertraut.

SKIP: Haben Sie sich irgendwelche Tipps von alten Weggefährten eingeholt?

Ewan McGregor: Ich bin tatsächlich in einer ziemlich privilegierten Lage: Regisseure sehen meistens nicht, wie ihre Kollegen arbeiten. Sie haben also nur ihre Vorstellung, wie die ideale Regie aussehen soll. Ich habe das Glück gehabt oft zu erleben, was eben gut oder weniger gut funktioniert. Für meine Doppelrolle als Regisseur und Hauptdarsteller bekam ich allerdings einen guten Tipp von Ben Affleck: Er hat mich ermahnt, beim Drehen auch immer genau so aufmerksam auf die eigenen Szenen zu achten. Natürlich ist das manchmal auch etwas peinlich, wenn man z.B. eine Naheinstellung aufs eigene Gesicht mehrmals wiederholen lässt, während die anderen blöd daneben stehen müssen und auf dich warten (lacht). Doch es hat sich im Nachhinein ausgezahlt.

SKIP: Wie sind sie als gebürtiger Schotte an dieses „uramerikanische“ Thema herangegangen?

Ewan McGregor: Wir haben wohl alle eine gewisse Vorstellung vom amerikanischen Traum oder der Nachkriegsgeneration. Zudem wohne ich ja seit knapp acht Jahren in den USA und habe auch durch meinen Freundeskreis ein Gefühl dafür entwickelt, was Amerikanismus bedeutet. Wichtig war mir vor allem den Stoff so zu respektieren wie in meinen anderen Arbeiten. Danny Boyle hat mit Trainspotting ja auch einen der „schottischsten“ Filme aller Zeiten gedreht –  obwohl er bekanntlich aus England kommt.

SKIP: Apropos Trainspotting: Wann haben Sie von der Fortsetzung erfahren?

Ewan McGregor: Das war eine verrückte Geschichte: Ich habe Danny zufällig bei einer Veranstaltung in L.A. getroffen. Er war ganz überrascht, mich zu sehen, und verriet mir dann, dass er am nächsten Tag mit John Hodge, dem Drehbuchautor von Trainspotting, nach Edinburgh fliegen würde, um sich die alten Locations anzuschauen. Angeblich um Inspirationen zu sammeln.

SKIP: Wie ging es dann weiter?

Ewan McGregor: Als sie zurückkamen hat John dann in Windeseile die Romanvorlage Porno von Irvine Welsh in ein fantastisches Drehbuch adaptiert. Kurz nachdem es uns zugesendet wurde, haben wir uns zu einem Geheimtreffen in London verabredet – so geheim, wie es im Szeneviertel Soho eben geht (lacht). In einem kleinen Schauspiel-Club haben wir dann einzelne Passagen aus dem Drehbuch gelesen. Nach so einer langen Zeit die Stimmen von Spud und Begbie wieder zu hören, war richtig bewegend. Letzten Sommer haben wir dann tatsächlich gedreht, und es war einfach großartig wieder mit den Jungs vor der Kamera zu stehen.

Interview: David Rams, Foto: © Tobis / November 2016

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.