Moral global

Interview mit Jean-Pierre DardenneLuc Dardenne zu Das unbekannte Mädchen

Wenn jemand gestorben ist, schauen wir dann weg? In Das unbekannte Mädchen begleiten die belgischen Regiebrüder Jean-Pierre und LucDardenne eine junge Ärztin, die das Gegenteil tut – und bei der Viennale nahm sich Luc Zeit, um zu erläutern, was das genau bedeutet.

SKIP: Wie finden Sie und Ihr Bruder Ihre Filmstoffe?

Luc Dardenne: Oft gehen wir von Zeitungsmeldungen aus und entwickeln daraus Geschichten, die unsere Zuschauer vor moralische Fragen stellen. Hier war’s aber anders: Wir wollten vom Dilemma einer Ärztin erzählen, vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingskrise. Die Aufgabe einer Medizinerin ist es, Leben zu schützen, und wir schildern sie hier in einer Situation, wo sie das Gegenteil tut – zwar nicht mit Absicht, aber ihre Entscheidung trägt bei zum Tod einer Person: Hätte sie diese Tür geöffnet, wäre dieses Mädchen nicht ermordet worden. Was macht das mit dieser Ärztin?

SKIP: Sie reden von moralischen Fragen, aber ist  „Moral“ nicht ein sehr altmodischer Begriff?

Luc Dardenne: Ja, so sieht das unsere Gesellschaft heute. Aber mein Bruder und ich stellen in unseren Filmen immer solche Fragen. Diese Ärztin ist besessen davon, die Identität des unbekannten Mädchens herauszufinden, dessen Tod sie womöglich mitverursacht hat – obwohl jedes Gericht sie freisprechen würde. Wir haben diese moralisch extreme Figur erfunden als Reaktion auf eine Gesellschaft, in der es kaum noch Menschen gibt, die so handeln. Dabei ist es so wichtig, in so einem Fall den Namen herauszufinden. Denn wenn jemand gestorben ist und keinen Namen hat, kann die Familie diese Person nicht finden, niemand kann sie betrauern. Es ist, als hätte sie nie existiert.

SKIP: Diese Situation trifft auf so viele Menschen zu, die an den EU-Außengrenzen sterben, ertrinken oder verhungern, weil wir sie nicht hereinlassen. Ist es das, was Sie hier meinen?

Luc Dardenne: Ja. Ich halte es für unsere Verantwortung als europäische Bürger, für eine EU-weite Lösung zu kämpfen, um diese Flüchtlinge in ganz Europa aufzunehmen. Wir dürfen dieses Problem nicht nur den Italienern und den Griechen überlassen. Ich träume von einer gesamteuropäischen Demonstration, vielleicht in Brüssel, wo alle Menschen gemeinsam auftreten und den Regierungen sagen: „Hört auf, uns nur Angst zu machen und sucht endlich eine gemeinsame Lösung!“ Es heißt von den nationalen Regierungen immer nur, die EU zwinge zu diesem oder zu jenem. Aber viel wichtiger sind doch konkrete Ideen. Natürlich kann ein kleines Land wie Belgien oder Österreich keine drei Millionen Flüchtlinge aufnehmen, aber 100.000 Menschen sollten doch kein Problem sein. Derzeit haben die rechtspopulistischen Bewegungen das Oberwasser und verhindern das, aber ich glaube, wir als Bürger können viel mehr bewirken, als wir denken.

SKIP: Sie und Ihr Bruder drehen nicht nur selbst Filme, sondern koproduzieren auch viele europäische Projekte, die dann reihenweise Preise abräumen. Wie geht das vor sich?

Luc Dardenne: Wir helfen Filmemacherinnen und Filmemachern bei der Finanzierung ihrer Projekte in Belgien. Das sind Filme wie Ken Loachs Ich, Daniel Blake, Stéphanie Di Giustos Die Tänzerin, Cristian Mungius Baccalauréat, die Filme von Jacques Audiard, und viele andere. Wenn wir gefragt werden, ob wir etwa beim Schnitt helfen können, dann tun wir das gerne, aber normalerweise lesen wir nur das Drehbuch, machen Anmerkungen, und unsere Exekutivproduzentin Delphine Thompson hilft dann, das Geld aufzutreiben. Wir unterstützen einfach freundschaftlich, bei Filmen, die wir für wichtig halten.

Interview: Magdalena Miedl / Februar 2017

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