Schweres Erbe

Interview mit Monika Willi zu Untitled

Als Michael Glawogger während der Dreharbeiten zu seinem weltumspannenden Doku-Essay verstarb, übernahm seine langjährige künstlerische Weggefährtin Monika Willi – und machte seine Vision zu ihrer. Mit Untitled wurde die diesjährige Diagonale eröffnet.

SKIP: Untitled wurde als Eröffnungsfilm der Diagonale ausgewählt.

Monika Willi: Das ist eine durchaus mutige Entscheidung. Und ich finde es besonders schön, dass die Österreichpremiere ausgerechnet in Graz stattfindet, Michael Glawoggers Heimatstadt, und auf der größten Kinoleinwand Österreichs. Es werden viele Menschen da sein, die ihn gekannt haben oder zumindest mit seinem Werk vertraut sind, das wird wohl eine ganz besondere Stimmung werden.

SKIP: Du hast Untitled gerade bei der Berlinale einem internationalen Publikum präsentiert, wie ist es gelaufen?

Monika Willi: Es war zwiespältig. Einerseits war es seltsam, zu erleben, wie dieses Material ohne Michael das Licht der Welt erblickt. Es hätte ja er sein sollen, der diesen Film vorstellt. Andererseits war es wahnsinnig schön, in einem vollen Kinosaal zu sitzen und zu sehen, wie die Leute mitgehen, und die Spannung bis zum Schluss hält. Premierenpublikum kann ja auch durchaus grausam sein, vor allem bei einem internationalen Festival, wo es keine persönliche Beziehung zum Stoff gibt.

SKIP: Wie und wann hast du nach Michael Glawoggers Tod die Entscheidung getroffen, den Film fertigzumachen?

Monika Willi: Der Wunsch, es zu tun, war sehr schnell da. Es war dann aber ein langer Prozess. Denn erstens ist, wenn ein Freund stirbt, das nicht das Erste und Wichtigste, woran man denkt. Aber dass das, was hier gedreht wurde, in seiner Großartigkeit gezeigt werden will, war klar, und dass ich das gerne machen würde, weil ich von Anfang an dabei war, war mir klar.

SKIP: Wieviel von dem Konzept, dem der Film zugrunde liegt, gab es eigentlich schon vor Michael Glawoggers Tod, und wieviel davon stammt von dir?

Monika Willi: Er hat mir von unterwegs immer wieder Filmmaterial geschickt, das ich dann montiert habe, und wir haben uns darüber ausgetauscht. Daher war schon irgendwie klar, in welche Richtung das Ganze gehen könnte. Aber es blieb natürlich von Zufällen bestimmt. Was grundsätzlich klar war, war, dass es kein Reisebericht werden soll.

SKIP: Man kann viel reinlesen in diesen Film – durchaus einen politischen Kommentar: Sobald man aus Europa rausgeht, wird das Leben der Menschen härter und dreckiger …

Monika Willi: Politisch wird es ab dem Moment, wo man was darstellt, und einen Ausschnitt wählt. Für mich ist auch immer wieder überraschend, wie etwas wahrgenommen wird. Jemand hat einmal über Glawoggers Doku Workingman’s Death gesagt, der wäre „der düsterste Film, den ich je gesehen habe!“ Michael hat darauf geantwortet: „Na, dann hast aber no net viel g’sehn.“ Den Michael hat jedenfalls nicht interessiert, in den Luxus-Ressorts zu drehen. Hübschheit war nie sein Thema. Seine Entscheidung war es, auf das Nicht-Luxussegment des Lebens zu schauen.

SKIP: Du bist ja keine Esoterikerin – aber gab’s während der Arbeit manchmal Momente, wo du das Gefühl hattest, er schaut dir über die Schulter?

Monika Willi: Ich habe immer darauf gehofft! Ich hab ihn immer geschumpfen dafür, und gesagt, er soll jetzt endlich kommen und mir ein Zeichen geben. Hat er aber nicht.

Interview: Gini Brenner, Foto: © Stefan Oláh / März 2017

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.