Proll? Toll!

Interview mit Nina Proll zu Ikarus

"Die Musik ist der Gegenpol zu meinen Filmen", sagt Nina Proll und erzählt Peter Krobath, warum sie ein Leben in der Provinz kaum länger als fünf Wochen aushalten würde und womit sie im Herbst die österreichische Popszene verändern möchte.

SKIP: In einem Interview hast du einmal gesagt: Für mich ist es immer wieder erstaunlich, für welche Rollen ich letztendlich in Frage komme.

Nina Proll: Ja ... da muss ich jetzt lachen, aber das stimmt.

SKIP: Kann man dieses Erstaunen auch auf deinen neuen Film Ikarus übertragen?

Nina Proll: Na ja, Ikarus war insofern eine Ausnahme, weil das war das erste Mal, dass jemand ein Drehbuch mit mir im Kopf geschrieben hat. Ich habe mich natürlich irrsinnig geschmeichelt gefühlt, dass ein Regisseur all diese Dinge in mir sieht, und deshalb war ich bei dieser Rolle eigentlich nicht verblüfft. Obwohl, manches erstaunt mich schon. Dieses impulsive, unüberlegte Handeln zieht sich zum Beispiel durch alle Rollen, die ich spiele. Das sind immer Frauen, die nicht nachdenken, die irgendwie goschert sind, eigentlich nicht wissen, wo sie hinwollen, sich treiben lassen ... und das bin ich überhaupt nicht. Ich bin das völlige Gegenteil. Aber ich finde es interessant, dass ich offenbar diese Ausstrahlung habe. Oder man glaubt einfach, ich kann das gut spielen. Aber als Mensch bin ich überhaupt nicht so.

SKIP: Wie bist du als Mensch?

Nina Proll: Ich bin sehr überlegt. In manchen Dingen berechnend, in manchen Dingen wahnsinnig vorsichtig. Überhaupt nicht impulsiv. Ich habe immer die Konsequenzen im Kopf, einen Plan, oder irgendein höheres Ziel, das ich anstrebe, und dann überlege ich mir, wie erreiche ich das.

SKIP: Aber trotz aller Impulsivität, die in deinen Figuren stecken mag, sind das doch auch immer eher starke Frauen ...

Nina Proll: Unlängst hat mich wer gefragt, woher ich die Kraft nehme, die meine Figuren im Kino auszeichnet. Ich glaube, dass mir das angeboren ist. Vielleicht kommt das von meinem Charakter, von meinem Sternzeichen, vielleicht aber auch daher, dass ich aus dem Waldviertel bin, oder von den vielen Kämpfen, die ich in der Kindheit mit meinem Bruder austragen musste. Ich weiß nicht, was das ist – aber offensichtlich etwas, das immer schon da war. Ich bin immer die Gleiche geblieben, schon als Kind war ich so.

SKIP: Ikarus wurde in Osttirol gedreht, in der Gegend von Lienz. Wie war das für dich?

Nina Proll: In Lienz sind wahnsinnig viele Touristen. Da ist ja die Hölle los im Sommer. Ich muss schon sagen: Für fünf Wochen war das okay. Aber für immer bin ich lieber in Wien, also in der Großstadt. Da fühle ich mich wohler. In einer Kleinstadt ist mir alles irgendwie unheimlich. Zu eng. Wenn ich mir vorstelle, ich wachse da auf, gehe dort zur Schule, mein ganzer Weg ist vorgezeichnet – ich frag mich da immer, ob sich die Leute da überhaupt überlegen, jemals rauszukommen oder nicht. Deshalb war für mich die Geschichte in Ikarus auch total logisch, dass da ein Mädchen ist, die einfach nur weg will, das kann ich total nachvollziehen.

SKIP: Seit dem internationalen Erfolg von Nordrand bist du eine Art Aushängeschild für eine neue österreichische Schauspieler-Generation. Wie gehst du damit um?

Nina Proll: Manchmal spüre ich schon, dass ich ein Thema bin, etwa wenn mich wildfremde Leute auf meine Arbeiten ansprechen und ich merke, dass die schon einiges von mir gesehen haben. Oder wenn ich einen Preis verleihen soll, oder einen Preis bekomme. Aber ob ich deshalb gleich repräsentativ für eine ganze Generation bin?

SKIP: Ich meinte eher, dass du die optimistische Grundstimmung vermittelst, dass es für eine österreichische Schauspielerin eben doch möglich ist, eine internationale Karriere anzustreben, aber gleichzeitig auch daheim Publikumsliebling zu bleiben.

Nina Proll: Das ist mir eh sehr recht, weil das ist ja auch was ich vermitteln will. Das habe ich mir immer vorgestellt, dass das möglich sein muss. Ich habe nie den Traum gehabt, dass ich weggehe, irgendwoanders Karriere mache und dann als strahlende Siegerin zurückkehre und ganz Österreich winkt mir zu, also so war das gar nicht. Ich habe schon immer im Kopf gehabt, ich möchte das hier machen, in dem Umfeld, das ich kenne und wo ich aufgewachsen bin, und wo mich die Menschen kennen. Das war Teil meines Plans sozusagen.

SKIP: Wann wusstest du, dass du Schauspielerin werden willst?

Nina Proll: Eigentlich erst wie ich den ersten Film gemacht habe. Vorher wollte ich Musical machen. Ich wollte immer nur singen und tanzen, das war meine Vorstellung von einem interessanten Leben. Dann habe ich aber gemerkt, dass ich offensichtlich mehr die Leute vom Film interessiere als die vom Musical, und wie ich das erste Mal dann wirklich vor einer Kamera stand, fiel mir das so unglaublich leicht, dass ich sofort wusste, das ist es und dabei bleibe ich.

SKIP: Das war vor Nordrand?

Nina Proll: Ja. Das Schlüsselerlebnis war Sonnenflecken, ein Kurzfilm von Barbara Albert. In der Musicalschule habe ich immer nur gelernt, dass ich strahlen und gut ausschauen und die Beine schmeißen muss, und für den Film musste ich plötzlich traurig in die Sterne schauen oder mich in der Disco übergeben. Es war schon faszinierend für mich, zu sehen, dass im Film auch meine Tränensäcke interessant sind und Dinge, die man sonst eben nicht so in die Auslage stellt.

SKIP: Aber musikalisch machst du trotzdem weiter ...

Nina Proll: Das ist der Gegenpol zu meinen Filmen, für mich ist die Popmusik das Musical von heute. Wo Frauen mit Federn tanzen und toll ausschauen dabei, das fasziniert mich, das möchte ich machen.

SKIP: So etwas wie Moulin Rouge?

Nina Proll: Ja, zum Beispiel. Das ist eh interessant, dass jetzt so viele Schauspielerinnen singen. Da bin ich nicht die Einzige.

SKIP: Gibt es schon Pläne für ein Album?

Nina Proll: Ja. Ich habe mit dem Peter Viehweger, dem ehemaligen Falco-Bandleader, bereits über die Hälfte für ein Album zusammen. Wir wollen das unbedingt heuer noch veröffentlichen.

SKIP: Kannst du deine Musik stilmäßig einordnen?

Nina Proll: Schwer. Ich bin da nicht so gut. Ich werde englisch singen, richtige Popmusik, manchmal in Richtung House, Tanzmusik halt, aber schon schnelle und langsame Sachen. Die Texte mache ich, die Musik macht der Peter. Teilweise sind das auch Lieder mit gesprochenen Texten. Ich kann es wirklich nicht so genau definieren, wie man meinen Stil nennt.

SKIP: Traurige Lieder auch? Weil ich lasse nur traurige Lieder gelten.

Nina Proll: Ja? Witzig. Ich habe schon auch viele schwermütige Texte. Ich mach da so Vergangenheitsbewältigung. Der Peter hat eh schon gemeint, ich soll endlich einmal was Anderes schreiben als immer nur über die Liebe. Aber das ist halt das Thema was mich am meisten interessiert.

Interview: März 2002

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