„Ich fordere mich gern selber heraus.“

Interview mit Charlotte Rampling zu Hannah

In Hannah spielt die große Charlotte Rampling eine Frau, die vor den Trümmern ihres Lebens steht – und sehr stoisch damit umzugehen scheint. Beim Filmfestival von Venedig 2017 gabs dafür den Preis für die beste Darstellerin, SKIP traf sie am Strand gegenüber vom Festivalpalais.

SKIP: Eines scheint Ihre Rollenwahl immer auszuzeichnen: Mut für Ungewohntes.

Charlotte Rampling: Ja, ich fordere mich immer gern selber heraus. Ich experimentiere gern. Nicht im Sinne von experimentellem Spiel, aber im Sinne davon, Neues auszuprobieren, wirklich kreativ zu sein, und nicht einfach etwas zu rekreieren, was ich schon einmal gemacht habe.

SKIP: Was hat Sie an dieser Rolle besonders gereizt?

Charlotte Rampling: Sie ist so unglaublich kompliziert. Und das alles, ohne sich zu erklären. Am Anfang dieses Film weiß man ja noch nicht, was auf einen zukommt, was für eine unglaublich komplexe Geschichte sich da entwickelt. Und das ganz ohne Erklärung, nur duch Hannas Aktionen. Es war wirklich harte Arbeit, das zu spielen.

SKIP: Die Geschichte wird fast nur durch Bilder, Blicke und stille Szenen erzählt, es gibt kaum Dialog.

Charlotte Rampling: Ja, und genau das ist es, was mich an der Schauspielerei so fasziniert. Wir Schauspieler sind alle gut in unterschiedlichen Gebieten – und ich glaube, ich kann mittlerweile dieses wortlose Spiel ganz gut, ich kann viel ausdrücken, ohne unbedingt etwas sagen zu müssen.

SKIP: Wenn Sie sagen „mittlerweile“ – wann war der Punkt in Ihrer Karriere, wo Sie sich zum ersten Mal gedacht haben: Jetzt ist es soweit, jetzt kann ich es wirklich?

Charlotte Rampling: Es hat in der Tat ein wenig gedauert, ich hab ja früh angefangen, aber auch viele völlig unterschiedliche Rollen gespielt, die nicht alle zu mir gepasst haben. Wenn ich ganz ehrlich bin: Das erste Mal, wo ich wirklich des Gefühl hatte, das alles hat jetzt wirklich Hand und Fuß, war ein Film, den ich erst in der Mitte meiner Karriere gemacht habe, mit 50: Francois Ozons Sous le sable. Das war endlich genau das, was ich schon immer hatte machen wollen. Da hat alles gepasst für mich.

SKIP: Aber damals hatten Sie schon mit so vielen großen Regisseuren gearbeitet. Haben Sie wirklich so lange an sich selbst gezweifelt?

Charlotte Rampling: Darüber habe ich nicht einmal nachgedacht. Ich war ja keine besonders gut ausgebildete Schauspielerin, und es war auch nie mein sehnlicher Berufswunsch – man hat mich für meine erste Rolle dazu überreden müssen, mich vor die Kamera zu stellen.

SKIP: Wenn Sie auf Ihre lange Karriere zurückblicken – gibt es da Vieles, was Sie ausgelassen haben, aber vielleicht doch gerne gemacht hätten?

Charlotte Rampling: Diese Frage darf man sich niemals stellen. Wenn man anfängt, über die Dinge nachzudenken, die man nicht gemacht hat, dann wird man verrückt. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich ein paar wirklich gute Sachen in meinem Leben gemacht habe, privat wie beruflich, und dafür bin ich dankbar. Natürlich gibt es viele wundervolle Dinge, die ich tun hätte können, aber nicht getan habe, aber die waren halt nicht für mich gemacht. Und das ist schon in Ordnung so.

Interview: Gini Brenner, Foto: La Biennale di Venezia / September 2017

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