"Liebe und Wasser sind die mächtigsten Dinge unseres Universums!"

Interview mit Guillermo del Toro zu The Shape Of Water

Für seine wunderbare Creature-Lovestory The Shape of Water hat Guillermo del Toro beim 74. Filmfestival von Venedig verdienterweise den Goldenen Löwen für den besten Film gewonnen. SKIP traf ihn am Lido zum Exklusiv-Interview.

SKIP: The Shape of Water ist, wenn man Ihre bisherigen Filme betrachtet, eigentlich sehr positiv. Es gab Gerüchte, dass Ihnen das Studio ein wenig dreingeredet hat …

Guillermo del Toro: Absolutely not! Dieser Film ist genau der, den ich machen wollte. Es gab keinerlei Einmischungen. Seit Mimic 1997 hat es niemand gewagt, sich bei meinen Filmen einzumischen. Wenn ich einen Scheiß baue, ist das allein meine Schuld, und wenn Ihnen in meinem Film etwas nicht gefällt, genauso.

SKIP: Warum haben Sie ausgerechnet eine Putzfrau als Hauptfigur ausgesucht?

Guillermo del Toro: Ich habe in den Hellboy-Filmen diese geheime Regierungs-Forschungsstation gezeigt, in der all diese Fantasy-Kreaturen leben. Und jetzt hat es mich interessiert, wer eigentlich die Leute sind, die dort die Klos putzen und die Kaugummis vom Boden abkratzen, in dieser supergeheimen Anstalt. Denn irgendjemand muss dort ja die Klos putzen. Und deren Sicht der Dinge ist vielleicht interessanter als die eines Fünfsterne-Generals.

SKIP: Das Spannende an der Geschichte ist ja auch, dass sie eine Umkehrung der klassischen „Creature from the Black Lagoon"-Story ist.

Guillermo del Toro: Ganz genau. Wenn das Monster die Frau ins Wasser trägt, ist das normalerweise ein Bild des Schreckens, aber bei mir ist es ein Happyend. Und Michael Shannons Figur wäre in der 50s-Version der Held, nun ist er das nicht mehr.

SKIP: In Ihrem Film brechen Sie ein Tabu: Die Kreatur und die Menschenfrau Eliza verlieben sich nicht nur sie haben tatsächlich Sex miteinander.

Guillermo del Toro: Ich wollte, dass es eine echte Liebesgeschichte wird, mit echten Menschen, die auch körperlich lieben. Es war wichtig für mich, dass sie keine Disney-Prinzessin ist, wie in Die Schöne und das Biest. Es gibt ja sonst immer nur genau zwei Extreme bei diesem Thema: Die eine ist streng puritanisch, es gibt keinerlei sexuelle Elemente bevor er sich in einen Prinzen verwandelt, und danach ficken sie vielleicht. Und die andere ist die perverse, fetischistische Variante. Und keine davon interessiert mich wirklich. Ich will von zwei Figuren erzählen, die sich ineinander verlieben, und halt dabei auch irgendwann Sex haben, wie das halt auch im echten Leben oft so ist.

SKIP: Die Lovestory entwickelt sich – den Umständen entsprechend – erstaunlich selbstverständlich. Selbst Elizas Freunde scheinen wenig Probleme damit zu haben, dass ihr neuer Freund ein Schlammmonster ist.

Guillermo del Toro: Ich bin Mexikaner. Wir akzeptieren den schrägsten Shit. Und: Für mich ist es Liebe, wenn mich jemand ansieht, und nicht sieht, was an mir verkehrt ist. Nicht sieht, dass ich mich scheiße anziehe, oder zu fett bin. Sondern mich als das Wunder erkennt, das ich bin. Das wir alle sind. Die Message meines Filmes ist: Wenn sich die Möglichkeit für die Liebe offenbart, dann sollte man sie ergreifen. Egal, welche Form sie hat. Deshalb heißt mein Film auch The Shape of Water: Liebe und Wasser sind die mächtigsten Dinge des Universums. Und beide haben keine eigene Form, bevor sie ein Gefäß gefunden haben, das sie aufnimmt. Und dann werden sie ein Marmeladeglas, oder eine Blumenvase, oder was immer! Wenn man einen Film mit einem düsteren, zynischen Ende macht, dann lässt einen das natürlich intelligenter aussehen. Wir leben in einer Zeit, in der Zynismus und Skeptik als intelligent gelten. Aber ich glaube an die Liebe: Madly, truly, deeply.

Interview: Gini Brenner, Foto: Adrea Avezzu / September 2017

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.