Stadtgespräch: Die Macher von Babylon Berlin im Talk

Interview mit Henk HandloegtenTom TykwerAchim von Borries

Eine Ode an eine bewegte Metropole und ihre Menschen, mit düsteren Parallelen zum Heute: Babylon Berlin ist das eindrucksvollste deutsche Serienereignis dieses Jahres. SKIP hat sich vorab und exklusiv mit dem dafür verantwortlichen Kreativtrio Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten unterhalten.

SKIP: Ihr habt die Welt eurer Serie, dieses Berlin der ausgehenden 1920er Jahre, ganz augenscheinlich mit großer Liebe und äußerster Sorgfalt in Szene gesetzt – was sich nicht allein in der Ausstattung, sondern speziell auch in den Dialogen äußert. Man erlebt das ja gar nicht so oft, dass in deutschen Produktionen der Sprache so ein enorm hoher Stellenwert eingeräumt wird.

Tom Tykwer: Schön, dass du das so siehst. Kennst du Peaky Blinders? Dort ist Sprache ja auch extrem wichtig – was so weit geht, dass man selbst öfter mal kaum was versteht. Das sind da so alte, schmutzige Akzente, die natürlich alle ihre Bedeutung haben. Jetzt haben wir das auch mal für uns genutzt – wir haben mal Kölsch, natürlich Berlinerisch, mit Karl Markovics auch noch Österreichisch.


SKIP:
Der spielt in Babylon Berlin ja auch eine absolut großartige Rolle.

Tom Tykwer: Karl ist richtig super. Und die Figur auch ganz toll. Da haben wir uns riesig drüber gefreut – der muss in allen Staffeln drin sein, bis 2040!


SKIP:
2040 ist natürlich mal eine Ansage!

Tom Tykwer: Klar. Aber wir sind wirklich grad so angefixt von den Dingen.

Achim von Borries: Wann hast du schon mal die Möglichkeit, so etwas zu machen, einen unendlichen Film? Wenn uns nicht irgendwann mal jemand mit derselben Energie, mit der wir das vorantreiben, zurückstoßen wird, dann sind wir echt bis 2040 nicht zu stoppen!


SKIP:
Genug Material hättet ihr demnach?

Achim von Borries: Es gibt ja etliche Romane und damit jede Menge Stoff. Und der Volker Kutscher schreibt und schreibt und schreibt auch einfach immer weiter. Eigentlich wollte er ja mit Berlin 1936 und den Olympischen Spielen aufhören, mittlerweile ist er aber schon in 1938 angelangt.

Tom Tykwer: Was wir an den ersten beiden Staffeln so toll finden, ist, dass sie im Gegensatz zu so vielen anderen Filmen und Serien eben nicht direkt in der Nazizeit, sondern noch davor spielen. Also in einer Zeit, die im Kino und im Fernsehen noch relativ unbehandelt ist – zumindest in dieser Breite. Klar kommt dabei dann auch raus, dass 1929 noch kein Mensch im Hinterkopf gehabt hat, was da naht. Es war daher ganz wichtig, dass die Schauspieler das nicht so spielen, als ob sie heimlich schon eine Ahnung hätten. Die Leute lebten damals in einer Blase, die eher hoffnungsvoll war. Die Zeiten waren zwar schon hart, aber auch getragen vom Erwachen einer Utopie, die vielleicht sogar klappen könnte: Demokratie. Da war Deutschland in etwa dort wo die nordafrikanischen Staaten heute sind, beim Ausprobieren. Wir mussten Demokratie ebenso lernen, nachdem wir mal ein Kaiserreich waren und einen Krieg verloren hatten.


SKIP:
Damit habt ihr auch schon etwaige Parallelen zur Gegenwart ins Spiel gebracht.

Achim von Borries: Prophezeiungen erfüllen sich in der Geschichte ja bekanntlich nie. Falls man uns damals, als wir mit den Schreiben der Serie angefangen haben, gesagt hätte: Wenn ihr die Serie rausbringt wird es einen US-Präsidenten geben, der sich nicht mehr zur NATO bekennt und ein vollkommen Irrer ist, dann hätten wir gesagt: Nö, der Donald Trump ist doch Immobilienmakler, der wird nicht Präsident! Dass die Briten dann nicht mehr zur Europäischen Union gehören würden hätten wir uns natürlich auch nicht gedacht … Die Parallelen sind also nicht zu übersehen. Trotzdem wollten wir keinen Lehrfilm machen, sondern eine Liebeserklärung an die Stadt und an die Zeit und an das Deutschland, das so schön war und so widersprüchlich – mit Figuren, die wir nicht als Pappnasen oder als Ewiggestrige vorführen, sondern denen wir mit Sympathie begegnen und Empathie für sie entwickeln. Die wirklich spannende Frage ist daher auch, wie die sich alle später entscheiden und positionieren werden.


SKIP:
Babylon Berlin entstand mit Partnern aus ganz unterschiedlichen Ecken, von Sky bis zur ARD. Wie kompliziert war es eigentlich, die jeweiligen Ansprüche unter einen Hut zu bekommen?

Henk Handloegten: Es gab immer wieder Drehbuchbesprechungen. Das waren sehr große Runden, da saßen dann insgesamt 18 Leute. Die jeweiligen Einzelinteressen standen dabei aber überhaupt nicht so im Mittelpunkt. Die Runde war ganz einfach zu groß für Profilneurosen – und zwar von allen Seiten.

Interview: Christoph Prenner, (c) X Filme / Michael Tinnefeld / Oktober 2017

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