„Ok, I love it, es ist ein Haneke-Film!“

Interview mit Mathieu Kassovitz zu Happy End

In Michael Hanekes Happy End verkörpert der französische Filmemacher und Schauspielstar Mathieu Kassovitz den Spross einer reichen Baudynastie, der mit einem plötzlichen Familienzuwachs zurechtkommen muss. Im SKIP-Interview in Cannes sprach er über Hanekes Eigenheiten, tote Hamster und unbezahlte Rechnungen.

SKIP: Sie spielen in Happy End den Sohn von Jean-Louis Trintignant und den Bruder von Isabelle Huppert …

Mathieu Kassovitz: Ja, diese ganze Familie ist ein Symbol für die bourgeoise Gesellschaft, die nur um ihre eigenen Problemchen kreist, während wir alle täglich im Fernsehen sehen, wie zig Menschen bei ihrer Flucht zu uns verrecken. Und wir sagen alle: „Ja, schrecklich!“, aber trotzdem tut keiner was. Das ist doch völlig verrückt. Also wenn man diese Familie als Symbol sieht, dann sind Isabelle und ich sowas wie sonst die Politiker. Wir sind die, die allen sagen: „Schon alles OK, macht euch keine Sorgen, geht brav weiter wählen.“

SKIP: Hatte die Tatsache, dass Sie in Calais gedreht haben, wo ja überproportional viele Flüchtlinge gestrandet sind, irgendeinen direkten Effekt auf Sie und Ihre Schauspielerkollegen?

Mathieu Kassovitz: Nein, aber es war trotzdem wichtig für die generelle Stimmung am Set. Und Michael Haneke ist einfach ein Meister, sowas auch subtilst einzusetzen. Es gibt immer wieder Flüchtlinge im Film, irgendwo im Bild, meistens merkt man es zunächst gar nicht. Michael verzichtet ja auch komplett auf die sogenannten „reaction shots“, also jene Einstellungen, wo etwas passiert, und danach zeigt man im Gegenschnitt frontal die Darsteller, wie sie dazu irgendeine Reaktion darauf darstellen. Das hast du in jedem US-Film ständig. Michael will aber nicht, dass die Schauspieler den Zuschauern vormachen, wie sie zu reagieren haben, sondern dass die selber reagieren.

SKIP: Wie stehen Sie generell zu Hanekes Kino?

Mathieu Kassovitz: Ich liebe es, sonst hätte ich ja kaum bei diesem Film mitgemacht. Und ich meine, die erste Szene in Happy End zeigt zwei Minuten lang einen sterbenden Hamster, und genau das stand auch in unserem Script. „Ein Hamster stirbt.“ Und ich dachte mir: „Ok, I love it, es ist ein Haneke-Film!“ (lacht) .

SKIP: Stimmt es, dass Sie an einem Punkt in Ihrer Karriere die Schauspielerei mehr oder minder aufgegeben haben, weil sie so die Schnauze voll davon hatten?

Mathieu Kassovitz: Ach, ich gebe immer wieder Sachen auf, wenn mir was reicht. Wenn mir die Schauspielerei mal wieder keinen Spaß macht, führe ich eben Regie, und wenn mich die Leute dann fragen, warum ich nicht mehr spiele, sage ich, weil es ein doofer Job ist. Und wenn mir dann das Regieführen wieder reicht und ich wieder mit dem Schauspielen weitermache, sage ich auf die Frage, warum ich jetzt wieder kein Regisseur mehr sein mag, weil das ein so verdammt komplizierter Job ist. Schauspielen ist ja leicht.

SKIP: Aber Sie haben nie daran gedacht, mit dem Schauspielen ganz aufzuhören? Machen ja auch manche.

Mathieu Kassovitz: Ich habe Rechnungen zu bezahlen, Mann. (lacht) Wenn ich mir leisten könnte, keine Filme mehr zu machen – fuck, klar würde ich das sofort tun! Ich würde auf irgendeine Insel ziehen und maximal alle zwei Jahre mal zurückkommen, um einen Film zu machen und würde sonst nur Spaß haben.

SKIP: Das wäre Ihr Traum?

Mathieu Kassovitz: Na klar, was sonst? Ich meine, was ist das Beste im Leben, von dem man ja nur eines hat? Doch nicht in Filmen mitzuspielen. Klar ist das der beste Job der Welt, vor allem weil es dir sehr viel Freizeit ermöglicht. Und diese Freizeit kann dann auch noch in guter Weise genutzt werden, weil die Leute einen mögen und quasi glauben, dass man schon ein paarmal die Welt gerettet hat, weil man halt in Filmen Aliens gekillt hat. (lacht)

Interview: Kurt Zechner / Mai 2017

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