Niemals endender Schmerz

Interview mit Diane Kruger zu Aus dem Nichts

Zum allerersten Mal spielte sie auf Deutsch, und dann gab’s dafür auch gleich den Preis für die beste Darstellerin in Cannes: Diane Kruger beweist als leidgeprüfte Katja in Fatih Akins Aus dem Nichts ganz großes Talent.

SKIP: Wie hat es Fatih Akin denn geschafft, Sie zu Ihrer ersten deutschsprachigen Kinorolle zu überreden?

Diane Kruger: Ich habe Deutschland ja verlassen, als ich sehr jung war, mit 15, und damals war ich noch keine Schauspielerin – ich kenne also praktisch niemanden in der deutschen Filmindustrie, habe dort nicht mal einen Agenten. Aber Fatihs Filme habe ich immer schon geliebt, und es war mein Traum, mal mit ihm zu drehen. Und als ich beim Filmfestival von Cannes Jurymitglied war, wo auch ein Film von ihm lief, bin ich 
zu seiner Party gegangen, nur um ihm zu sagen, wie sehr ich seine Arbeit liebe. Und dann ergab eines das andere – und es kam zu diesem Film!

SKIP: Wie haben Sie sich auf die Arbeit mit ihm 
vorbereitet? 

Diane Kruger: Auch wenn ich schon sehr lange nicht in Deutschland gelebt habe, wusste ich doch einiges über ihn: Er ist ein sehr anspruchsvoller Regisseur, einer, der erwartet, dass man sich auf alles Mögliche einlässt, ohne zu klagen. Ich bin für diesen Film extra zurück nach Deutschland gezogen, und zwar genau dorthin, wo Katja wohnen würde. Wir haben uns wochenlang über sie unterhalten, über ihr Aussehen, ihre Tattoos, ihren Charakter … Ich habe echt das Gefühl, dass mich das verändert hat.

SKIP: Inwiefern? 

Diane Kruger: Ich denke viel mehr darüber nach, was all die Mütter, Väter und Angehörigen der Opfer von Terrorattacken eigentlich durchmachen. Und ich fühle mich viel mehr für die Hinterbliebenen verantwortlich – denn um die kümmert sich kaum jemand.  

SKIP: Was denken Sie über Terrorismus?

Diane Kruger: Es ist furchtbar. Und was mich daran am meisten fertigmacht, ist, dass man die Opfer immer als Zahlen sieht: „Elf Menschen bei Terroranschlag getötet!“ Aber wer waren diese elf Menschen? Wie ging es ihren 
Angehörigen, wie können die weiterleben?

SKIP: Sie haben selber eine Familie. Haben Sie 
darüber nachgedacht, wie Sie in der Situation Ihrer Filmfigur reagieren würden?

Diane Kruger: Nein, ich habe das sogar aktiv vermieden. Weil ich nämlich nicht in Versuchung geraten wollte, sie zu verurteilen. Jeder Zuschauer muss selber entscheiden, was er oder sie 
in dieser Situation tun würde. Und ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was es für mich bedeuten würde, Mann und Kind durch einen Terroranschlag zu verlieren. 
Ich weiß beim besten Willen nicht, was ich dann tun würde. 

SKIP: Wie geht es Ihnen damit, wenn Sie eine Frau spielen, die so tief erschüttert wird und so viel Angst haben muss? Wie grenzen Sie sich davon ab?

Diane Kruger: Nun, es war immer klar, dass das kein Wohlfühlfilm wird. Und ich habe mich davor auch gefürchtet, bevor wir mit dem Dreh begonnen haben. Als ich aber dann diese Leute getroffen habe, die realen Opfer des NSU-Terrors, also die Angehörigen, da hat sich etwas für mich geändert. Ich glaube, da habe ich dann etwas verstanden – oder ich glaube zumindest, dass ich es verstanden habe, dass ich wenigstens eine Ahnung 
von diesem niemals endenden Schmerz 
bekommen habe. Sobald ich mich darauf konzentriert habe, habe ich nur noch auf die Situation reagieren müssen. Ich habe mir erlaubt, das zu fühlen, und mich dem geöffnet. Und das hat mich dann auch nicht mehr verlassen, auch wenn jeder Tag noch härter war. Ich war noch zwei Monate nach dem Film wie betäubt, weil es so intensiv war.

SKIP: Wie viel vom „deutschen Mädel“ steckt denn  
eigentlich noch in Ihnen?

Diane Kruger: Es ist immer da. Ich bin ja am Land aufgewachsen. Die Leute glauben immer, dass ich total sophisticated bin, aber das entspricht so gar nicht meiner tatsächlichen Herkunft. Ich komme echt aus einem kleinen Dorf mit vielleicht 2000 Einwohnern, niemand in meiner Familie war irgendwie künstlerisch tätig. Meine Mutter hat in einer Bank gearbeitet. Und Fatih ist wiederum der Sohn von Immigranten, er kennt das, wenn man Erfolg haben will, er kennt die Vorurteile, die Deutsche oft gegenüber 
Türken haben. Ich glaube ja, dass ich in dem Film ein bisschen sein Alter Ego bin. Er hätte diese Leute zerfetzt.

Interview: Kurt Zechner, Foto: Graham Whitby Boot / Mai 2017

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.