"Dann müssen die Blutspuren glänzen!"

Interview mit Oskar Roehler zu HERRliche Zeiten

In HERRliche Zeiten zeichnet Regisseur Oskar Roehler ein so richtig böses Bild von Leuten, die es zu einfach haben im Leben. Denn an das Gute im Menschen glaubt er nicht, wie er uns im Interview erzählt hat.

SKIP: Was an Ihrem Film gleich mal auffällt, ist seine Theatralik – vor allem im formalen Sinne. Er wirkt fast wie ein Bühnenstück.

Oskar Roehler: Ja, und zwar ein ganz groß inszeniertes! Das war mir auch ganz wichtig so, ich mag das Theatralische. Die ganz große Geste, das ganz bewusst Übertriebene. Mir gehen diese typisch deutschen Inszenierungen irrsinnig auf die Nerven.

SKIP: Was verstehen Sie darunter?

Oskar Roehler: Na ja, dieses krampfhaft Zurückgenommene, wo man den Schauspielern immer einredet: „Mach weniger! Mach es noch kleiner!“ Das braucht doch keiner. Das fühlt sich an wie Kohlsuppe mit Dörrwurst und Graubrot. Niemand ist begeistert von sowas. Man sagt da immer „weniger ist mehr!“, und da bin ich überhaupt nicht einverstanden damit.

SKIP: Es gibt ja den schönen Spruch: „Wenn weniger mehr wäre, dann hieße es nicht ,weniger‘, sondern ,mehr‘.“

Oskar Roehler: Hahaha, ja, das ist gut! Bei uns in Deutschland herrscht so ein nüchterner Calvinismus, diese übertriebene Political Correctness und Ernsthaftigkeit. Detox! Genau, das ist noch besser als Kohlsuppe. Wir haben eine Detox-Kultur. Ich dagegen steh auf Exaltiertheit und Glamour. Ich sehe gerne schöne Menschen!

SKIP: Also Selbstgeißelung, aber mit allem Drum und Dran, im Designer-Fetisch-Outfit?

Oskar Roehler: Ja, genau. Und dann müssen auch die Blutspuren richtig schön glänzen.

SKIP: Apropos Blutspuren: Die Protagonisten in HERRliche Zeiten dürfen wirklich abgrundtief böse sein – und lassen nicht viel Hoffnung für die Menschheit übrig.

Oskar Roehler: Na ja, das Böse ist ja immer das Interessanteste. Außerdem glaube ich nicht an das Gute im Menschen. Ja, wirklich, ich bin einer der wenigen, die noch übriggeblieben sind, die nicht an das Gute im Menschen glauben – David Lynch ist auch so einer. Mit Thomas Bernhard kann ich mich übrigens auch immer mehr identifizieren.

SKIP: Oder Bret Easton Ellis, der ja auch eines Ihrer größeren literarischen Vorbilder ist, wie Sie schon öfter erwähnt haben?

Oskar Roehler: Ach, ich kann mich noch gut erinnern, als ich zum ersten Mal mit American Psycho in Berührung gekommen bin. Wir waren damals im Auto unterwegs von Berlin nach München, um am Filmfest meinen ersten Film Gentleman (1995, Anm. d. Red.) zu präsentieren. Während der Fahrt haben wir uns gegenseitig American Psycho vorgelesen.

SKIP: Da sind Sie sicher in der richtigen Stimmung angekommen.

Oskar Roehler: Genau. (lacht) Ich habe durchaus drüber nachgedacht, wie es jetzt wäre, eine Maschinenpistole in der Hand zu haben und die ganzen Filmemacher niederzumähen.

Interview: Gini Brenner, Foto: Nadine Fraczkowski / April 2018

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