„Ich wähle meine Kämpfe gern selbst!“

Interview mit Eva Sangiorgi

Der Beginn einer neuen Ära: Neo-Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi im exklusiven SKIP-Interview über Hans Hurchs Erbe, ihr Verhältnis zur heimischen Filmszene und den Beef zwischen großen Filmfestivals und Netflix.

SKIP: Hans Hurch hat der Viennale in den 20 Jahren seiner Direktorenschaft nachhaltig seinen Stempel aufgedrückt. Wie gehen Sie damit um? Was möchten Sie beibehalten, was umkrempeln?

Eva Sangiorgi: Das, was Hans gemacht und geleistet hat, war natürlich sehr gut und er wird dafür auch überall zu Recht respektiert. Wegen der Qualität seiner Selektion hat die Viennale letztlich ja ihren hervorragenden Ruf. Aber ich bin eben ein anderer Mensch, ich habe auch andere Interessen. Ich bin eine Frau, ich komme aus einer anderen Generation. Und natürlich fließt mein Geschmack in das Programm ein. Was ich beibehalten möchte, ist, dass es keinen Wettbewerb gibt und dass auch Weltpremieren keine Rolle spielen. Es sollen einfach großartige Filme im Mittelpunkt stehen. Diese Zeit des Jahres, Ende Oktober/Anfang November, ist auch perfekt geeignet dafür, noch einmal Rückschau auf all das zu halten, was im vergangenen Jahr alles im internationalen Kinobetrieb passiert ist. Was ich ändern will sind gewisse Procedere, die Kommunikations- und Informationspolitik. Ich möchte auch ein größeres Augenmerk auf Osteuropa und Asien richten. Und ich halte es für wichtig, ein jüngeres Publikum stärker miteinzubeziehen. In dieser Hinsicht werden wir mit Schulen kooperieren, Tickets für Tagesvorstellungen werden für Schüler zu einem ermäßigten Preis erhältlich sein. So sollen Anreize für spontane Kinobesuche geschaffen werden.

SKIP: Sie gelten selbst auch als langjährige Besucherin der Viennale. Wie würden Sie Ihre Beziehung zum Festival beschreiben?

Sangiorgi: Ja, ich war bereits viele Male als Gast hier, und ich habe die entspannte Atmosphäre jedes Mal sehr genossen. Man konnte und kann hier neue, vielversprechende Filmemacher immer genauso treffen wie bekannte und etablierte Leute wie etwa Abel Ferrara oder Mathieu Amalric. Mir ist es dahingehend auch ein Anliegen, diese internationalen Gäste noch stärker mit der österreichischen Filmszene zu connecten. Jeder soll sich eingeladen und willkommen fühlen – das neu konzipierte Festivalzentrum in der Kunsthalle wird in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle spielen.

SKIP: Apropos: Das Verhältnis bestimmter, großer heimischer Film-Player zur Viennale soll in den vergangenen Jahren nicht immer, nun ja, friktionsfrei gewesen sein. Welche Eindrücke konnten Sie sich bisher von der österreichischen Szene machen?

Sangiorgi: Ich bekomme natürlich viele entsprechende Einreichungen. Im Allgemeinen schätze ich den österreichischen Film sehr und ich kenne auch einige Filmemacher. Wenn es in der Vergangenheit zwischen dem einen oder anderen Auseinandersetzungen und der Viennale gegeben haben soll, dann ist das allerdings nicht meine Geschichte. Ich wähle meine Kämpfe schon gerne selbst!

SKIP: Auseinandersetzungen gab es zuletzt auch auf internationaler Festivalbühne, genau genommen in Cannes – wobei der Gegner dort einer war, der dezidiert so wenig wie möglich mit dem regulären Kinobetrieb zu tun haben möchte: Netflix. Was ist Ihre Position in dieser Kontroverse? Würden Sie auch von Netflix produzierte Filme wie etwa Alfonso Cuaróns neues Werk Roma zeigen, wissend, dass es diese sonst nie auf die Leinwand schaffen werden?

Sangiorgi: Für die von Cannes-Direktor Thierry Frémaux gefällte Entscheidung, Netflix-Filme nicht in seinem Festival-Wettbewerb laufen zu lassen, brauchte es definitiv Mut. Und ich unterstütze sie auch prinzipiell. Allerdings suche ich natürlich auch immer nach Filmen, die gut fürs Kino sind. Wenn es nun die Möglichkeit gäbe, Cuaróns neuen Film zu zeigen und ihn in das Festival-Erlebnis einzubetten, könnte ich mir das schon vorstellen. Das halte ich übrigens auch bei anderen Filmen so: Die Viennale wird heuer zum Beispiel die neue, von Sony Pictures vertriebene Arbeit von Debra Granik zeigen (Leave No Trace, Anm. d. Red.), die hier aller Voraussicht nach ebenfalls nicht regulär ins Kino kommen wird. Um solche Filme kämpfe ich immer besonders gerne.

SKIP: Ein weiteres Thema, das bei fast jedem Festival zur Sprache kommt, ist der oft sehr geringe Anteil von Filmemacherinnen in den (Wettbewerbs-) Programmen. Ist das etwas, das Sie beim Programmieren im Hinterkopf haben?

Sangiorgi: Nein. Natürlich stimmt es mich traurig, dass es viel weniger von Frauen inszenierte Filme gibt, ja, dass es überhaupt viel weniger Frauen gibt, die Regie studieren. Ich finde es allerdings albern, wenn man verlangt, dass Filmfestivals dieses Ungleichgewicht nun wettmachen sollen. Davon abgesehen freue ich mich natürlich ganz allgemein über jeden tollen Film, den ich finde, und ich freue mich selbstverständlich auch sehr, wenn es sich dabei dann um einen tollen Film von einer Frau handelt.

Interview: Christoph Prenner, Foto: Viennale/Alexi Pelekanos / August 2018

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