‚‚Wir müssen genau hinschauen"

Interview mit Paul Greengrass zu 22. Juli

Wie nähert man sich realem Grauen filmisch? Was darf, was soll man zeigen? Wo verläuft der schmale Grat zwischen respektvoll und reißerisch? Fragen, die sich der oscarnominierte Filmemacher Paul Greengrass vor der Umsetzung des die Breivik-Attentate thematisierenden Terror-Thrillers 22. Juli stellen musste – und wir ihm, im Rahmen eines exklusiven Gesprächs in Venedig.

SKIP: Der Amoklauf des rechtsradikalen Attentäters Anders Breivik ist sieben Jahre her, in Norwegen ist das Thema immer noch so etwas wie eine offene Wunde. Wie denken Sie wird der Film dort aufgenommen werden? 

Paul Greengrass: Das ist ja nicht der erste Film, der zum Thema gemacht wurde. Jede Zeitung, jedes Magazin in Norwegen hat zur Genüge Analysen und Essays zum Thema gebracht, es gibt unzählige Dokus, unzählige Bücher. Es ist sogar eine TV-Serie dazu in Planung. Wenn du es mit Ereignissen dieser Größenordnung zu tun hast, dann ist es in einer demokratischen Kultur ganz normal, dass sie verarbeitet werden. Was zählt, ist, wie das passiert. Ob das dann respektvoll und mit Würde, mit der Erlaubnis der Angehörigen und Betroffenen geschieht, ob man die vorab konsultiert. Dass man nicht reißerisch vorgeht, sondern etwas zu sagen hat.

SKIP: Dennoch wurde in Norwegen eine Petition gegen den Film lanciert. Es gab Befürchtungen, dass Breivik und seinen Ideen zu viel Platz eingeräumt werden würde. Wie gehen Sie damit um?

Paul Greengrass: Mir hat gestern jemand erzählt, dass es in Norwegen genauso viele Leute gibt wie Meinungen zu dem Thema. Letztlich muss sich jeder ein eigenes Urteil über den Film bilden. Man kann diese Geschichte aber nicht erforschen, wenn man nicht Breivik selbst erforscht, das Bild wäre sonst einfach nicht komplett. Denn die brandgefährlichen Ideen, die er verfolgt, sind nun einmal dort draußen – und man macht die Dinge nur noch schlimmer, wenn man so tut, als ob es sie nicht gäbe und man nicht wüsste, wo sie hinführen können. Schließlich verfangen diese Ideen ja bereits in ganz Europa, sie bestimmen den öffentlichen Diskurs. Wir müssen uns trauen, da ganz genau hinzuschauen und versuchen zu zeigen, wie man ihnen begegnet und sie besiegt.

SKIP: Warum haben Sie den Film eigentlich auf Englisch gedreht und nicht auf Norwegisch?

Paul Greengrass: Ich habe sehr wohl darüber nachgedacht. Allerdings spreche ich kein einziges Wort Norwegisch – und wenn man nicht versteht, was die Leute sagen, dann kann man sein Handwerk auch nicht richtig ausüben. Aber Cast und Crew wurden durch die Bank vor Ort rekrutiert, wodurch der Film auch eine stark norwegische Seele hat.

SKIP: Große Teile von „Einer von uns“, der Buchvorlage für 22. Juli, beschäftigen sich mit Breiviks Aufwachsen. Warum haben Sie diese Aspekte im Film weggelassen?

Paul Greengrass: Nun, ein Film ist eben ein Film und kein Buch. Ich finde „Einer von uns“ absolut brillant, es ist mit großem Abstand das beste Buch zum Thema. Für mich sollte in 22. Juli aber Norwegens Kampf um die Demokratie im Mittelpunkt stehen. Es ist daher nicht nur ein Film über die schrecklichen Ereignisse des 22. Juli 2011 geworden, sondern auch einer über deren Nachspiel, über Folgen und Konsequenzen. Das schien mir die Story zu sein, die für heute und morgen relevant ist. 

SKIP: Warum haben Sie den Film mit und für Netflix produziert und nicht fürs Kino?

Paul Greengrass: Mir war es wichtig, so viele junge Leute wie möglich zu erreichen – und das geht mit Netflix besonders gut. Denn sie sind letztlich auch die, die diesen Kampf gewinnen müssen, sie hat Breivik schließlich angegriffen.

Interview: Christoph Prenner, Foto: Netflix / Oktober 2018

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.