Löwenbändiger

Interview mit Alfonso Cuarón zu Roma

Familiengeschichte als Festivalliebling. Für sein stark autobiografisch geprägtes Werk Roma holte sich der mexikanische Meisterregisseur Alfonso Cuarón (Gravity) heuer in Venedig verdienter­maßen den Goldenen Löwen für den besten Film ab. Kurz davor hat er sich ebendort noch mit SKIP über seine Motivation für das Projekt, Netflix und Cerealien unterhalten.

SKIP: Fünf Jahre nach dem Oscar- und Kassenerfolg von Gravity kehren Sie nun mit Roma, einem sehr persönlichen Film, zurück. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Projekt in Angriff zu nehmen?

Alfonso Cuarón: Mein Landsmann und Freund Guillermo del Toro hat einmal eine schöne Metapher kreiert, indem er das Filmgeschäft mit einer Schachtel Cerealien verglichen hat: Als Kind futterst du brav alle Cerealien weg, weil irgendwo in der Box dieses Spielzeug als Belohnung winkt. Auf den Filmbereich übertragen bedeutet das, dass du dir damit dann alles Mögliche, das dir am Herzen liegt, erfüllen kannst. Gravity war sozusagen mein Box-Office-Cereal, das mir sehr viele neue Optionen eröffnet hat. Man hat mir danach etwa noch größere Filme mit noch höheren Budgets angeboten. Aber ich habe erkannt, dass ich diesen Vertrauensvorschuss für etwas anderes einlösen musste, dass ich zurück nach Mexiko musste, um dort endlich jenen Film zu drehen, den ich schon vor Ewigkeiten machen hätte sollen. Und zwar mit den Ressourcen, die ich dafür brauche.

SKIP: Im Kern behandelt der Film die Geschichte zweier Frauen, die von ihren Männern alleine gelassen werden und zwischen denen dadurch eine Bindung entsteht, die über unterschiedliche Klassenzugehörigkeiten hinausgeht.

Cuarón: Die DNS von Roma setzt sich für mich aus drei Elementen zusammen: Das erste ist Cleo, das Kindermädchen, mit dem ich aufgewachsen bin und einer jener Menschen, die ich in meinem Leben am meisten liebe. Das zweite sind meine eigenen Erinnerungen, die ich nicht verblümt, sondern ganz nüchtern einzufangen versucht habe. Das dritte ist dann noch die Schwarzweiß-Ästhetik. Es ging mir darum, den Charakter von Cleo zu erforschen, die immer noch ein Teil meiner Familie ist und auch noch immer in meinem Haus lebt.

SKIP: Da konnten Sie sich mit ihr sicher über all die Details der Geschichte austauschen.

Cuarón: Klar. Im Vorfeld habe ich mich mit ihr sehr intensiv über viele Aspekte unseres Zusammenlebens unterhalten. Irgendwann aber musste ich damit beginnen, sie nicht nur als eine Art Ersatzmutter zu sehen, sondern auch als Frau – als Frau mit indigener Abstammung, die mit Menschen in einem Haushalt lebt, die einer anderen Rasse und Klasse, einem anderen sozialen Background angehören. Denn letztlich wurde sie wegen dieser Aspekte gleich auf dreifache Weise unterdrückt. Während du aufwächst, sind dir solche Sachen ja noch gar nicht bewusst.

SKIP: Roma wurde von Netflix produziert und wird auch fast nur dort zu sehen sein. Wie gehen Sie damit um, dass ein so bildgewaltiges Werk von vielen Leuten auf TV-Geräten und Smartphones angeschaut werden wird – und nicht in voller Größe auf einer Kinoleinwand?

Cuarón: In einigen Ländern wird es auch Kinostarts geben! Weil die beste Seherfahrung ohne Zweifel jene auf dem größtmöglichen Screen ist. Mir ist aber auch bewusst, dass viele Menschen einfach nicht mehr ins Kino gehen. Selbst, wenn ein Film eine Zeit lang dort läuft, wird er den Rest seiner Existenz dennoch fast nur noch im Heimkino geschaut werden. Und mal ganz ehrlich: Wann haben Sie zuletzt einen Klassiker der Filmgeschichte tatsächlich auf einer großen Leinwand gesehen?

Interview: Christoph Prenner / September 2018

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