Angst essen Seele auf

Interview mit Alireza Golafshan zu Die Goldfische

Mit Die Goldfische, einer spritzigen Komödie über eine bunte Truppe von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, feiert der deutsche Newcomer Alireza Golafshan dieser Tage sein Regiedebüt. Bei der Premiere des Films in Wien plauderte er mit SKIP über seine lockere Herangehensweise an das vermeintlich sensible Thema.

SKIP: Sie haben bei Die Goldfische nicht nur Regie geführt, sondern vorab auch das Drehbuch geschrieben. Konnten Sie dabei auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen?

Alireza Golafshan: Ja, es gibt einen Konnex zu meinem persönlichen Leben. Mein Vater war die letzten Jahre, bevor er starb, auf den Rollstuhl angewiesen. Deswegen war mir zumindest das Thema körperliche Behinderung bekannt. Ich habe es in meinem persönlichen Umfeld aber immer ganz anders erlebt, wie Menschen mit Behinderung mit dem Thema umgehen, im Vergleich dazu, wie es häufig in Filmen präsentiert wird. Dort wird das Leben mit Behinderung tendenziell überdramatisiert, die Geschichte schwerfällig erzählt und so weiter. Mit meinem Vater hab ich hauptsächlich Komödien wie Die nackte Kanone und so geschaut, von da kam auch der Wunsch, das Thema ein bisschen angstfreier und lockerer anzugehen und dadurch Distanzen abzubauen.

SKIP: Hatten Sie jemals Angst, den Bogen zu überspannen?

Golafshan: Es gibt ja den Spruch beziehungsweise den Fassbinder-Film mit dem Titel Angst essen Seele auf. Angst ist der Endgegner jeder Kreativität und ich glaube, man muss das immer trennen, damit man beim Schreiben nicht an solche Fettnäpfchen oder mögliche Kritik und so weiter denkt. Wir haben uns im zweiten Schritt dann aber auch immer wieder Feedback von Menschen geholt, die das Thema selber betrifft. Es gab also einen Wechsel zwischen Vollgas geben und eruieren, wo wir den Bogen eventuell überspannt haben. Aber das Feedback, das wir von Menschen bekommen, die beispielsweise im Rollstuhl sitzen, ist durchwegs positiv – und das freut mich sehr.

SKIP: Sie hätten zunächst nur das Drehbuch schreiben sollen, wurden dann aber auch noch mit der Regie betraut – und haben so schließlich Ihren ersten Langspielfilm inszeniert. Hätten Sie irgendetwas anders gemacht, wenn Sie das vorher gewusst hätten?

Golafshan: Ja, auf jeden Fall. Ich hätte mich bei einigen Szenen wahrscheinlich nicht so viel getraut. Das, was der Film jetzt geworden ist, ist wirklich alles andere als ein Kammerspiel. Jetzt sind da schon sehr große Szenen mit vielen Komparsen, Stunts, komplizierten Motiven, vielen Darsteller gleichzeitig im Bild und so weiter. Ich glaube nicht, dass ich es bewusst gemacht hätte, aber man bremst sich dann halt einfach automatisch, wenn man weiß, dass man das Ganze selber umsetzen wird. Es war also eine gute Erfahrung, weil ich dadurch aus meiner Komfortzone herausgekommen bin.

SKIP: Was hat sich letztendlich als die größte Herausforderung für Sie herausgestellt?

Golafshan: Die größte Herausforderung ist, wenn du mit sehr klugen Leuten arbeitest und eine kleine Szene drehst, von der du denkst, dass eh alles klar ist und passt, aber dann so jemand wie Tom Schilling sagt: "Du, die Szene hat ein Problem" und du merkst er hat recht … (lacht) Und am Set tickt die Uhr eben. Alle Augen sind auf dich als Regisseur gerichtet und du musst dann die Ruhe bewahren und eine Lösung finden. Denn wenn er recht hat, dann kann man nicht einfach sagen: "Komm, spiel’s einfach trotzdem!" Aber es ist uns Gott sei Dank immer wieder gelungen, eine Lösung zu finden.

SKIP: Sind Sie auf den Geschmack gekommen – möchten Sie auch in Zukunft weiter Komödien drehen?

Golafshan: Ja, das war mein erster Versuch und ich habe wahnsinnig viel gelernt. Mich juckt es jetzt schon in den Fingern, noch eine zweite Komödie zu machen, bei der man da und dort noch eine Schippe drauflegt – um danach für mich auch vielleicht fürs Erste mal einen Haken drunter zu machen. Derweil ist noch nichts Konkretes geplant, aber ich denke schon, dass mein nächster Film wieder eine Komödie sein wird.

Interview: Claudia Dlapa, Foto: Sony / März 2019

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