Begnadeter Falschmacher

Interview mit Miles TellerNicolas Winding Refn

Statt seinen Auftraggebern bei Amazon einfach die bestellte zehnteilige Serie abzuliefern hat ihnen Nicolas Winding Refn lieber den „13-stündigen Film“ Too Old To Die Young auf die Plattform geknallt. Im Zuge von dessen Weltpremiere in Cannes haben wir das Regie-Enfant terrible und seinen Hauptdarsteller Miles Teller zum exklusiven Talk getroffen.

SKIP: Sie haben jetzt zum ersten Mal eine Serie gedreht – wie war das als bisher reiner Kino-Regisseur denn für Sie? 

Nicolas Winding Refn: Gar nicht viel anders. Ich würde auch behaupten, ich habe keine Serie gemacht, sondern einen 13 Stunden langen Film. Wir haben alles chronologisch gedreht und im Anschluss dann in unterschiedlich lange Folgen zerteilt. Für Amazon war das okay. Die Konvention, dass wir immer dreiviertelstündige Serienhappen konsumieren, ist in Zeiten des Streamings ja auch überholt. Wir bestimmen ohnehin schon selbst, wann wir etwas schauen, wann wir stoppen, um etwas anderes zu tun. Die Vorgabe, wann etwas beginnt und aufhört brauchen wir gar nicht mehr. Die größte Herausforderung war, diese normative Barriere zu überwinden, die manche Menschen im Kopf haben, was und wie Storytelling im TV ist und sein soll. Wie oft mir schon gesagt wurde, was ich wie und warum falsch mache und wie TV eigentlich zu sein hat!

SKIP: Herr Teller, auch Sie sind eigentlich kein Serien-Darsteller …

Miles Teller: Für mich war das Neue, dass wir chronologisch gedreht haben, aber das ist eben sehr Nicolas-spezifisch. Auch dass ich sieben Monate lang denselben Charakter gespielt habe, war neu für mich. Es war eine besondere Erfahrung mit Nic zu drehen. Es gibt eine Szene in der Wüste, ein 12-Minuten-Shot, da steht Martin, meine Figur, einfach nur da. Nic hat immer gesagt, steh da wie John Wayne. Er hat dann während des Drehs Musik gespielt und ich bin da richtig in einen Trance-Zustand gekippt. Das war schon sehr speziell.

SKIP: Herr Refn, Sie spielen in Ihren Arbeiten sehr viel mit Langsamkeit und Stille. Was hat es denn damit so auf sich?

Refn: Meine Mutter ist Fotografin. Also ich war schon immer fasziniert von Standbildern. Fotos sind einfach das mächtigste Kommunikationsmittel. Und Stille ist das Fenster zur Seele, sie enthüllt. Wir sind in unserer Gesellschaft ständig Reizen ausgesetzt. Stille ängstigt uns beinahe und kann uns schnell unangenehm werden. Der Aspekt interessiert mich aus einer kreativen Perspektive heraus.

SKIP: Sie haben am Set eine Live-Cam aufgestellt. Was war der Gedanke dahinter? Und Herr Teller, mochten Sie die Idee?

Teller: Nein! Zumindest anfänglich nicht. Ich benutze überhaupt keine sozialen Medien und verbreite nichts im Internet, weil ich Persönliches lieber für mich behalte. Aber naja, irgendwann war es okay, dass die Kamera dabei war, sie wurde sozusagen ein Teil der Set-Familie.

Refn: Ich dachte, es wäre interessant für die Leute, einmal mitzubekommen, wie sich Kreativität beim Dreh ausdrückt. In gewisser Weise läuft das ja ziemlich banal ab. Aber wir leben halt in einer Welt, in der andauernd Illusionen geschaffen werden, wie etwas ist, war oder sein sollte. Ich mochte den Gedanken, dass jeder, der daran Interesse hat, sich in Echtzeit einfach selbst ein Bild davon machen kann, was am Set passiert.

SKIP: Was schauen Sie sich beide denn eigentlich selbst so an?

Refn: Ich schaue eigentlich fast ausschließlich Nachrichten, Politisches. Immer in der Früh, während ich den Kindern Frühstück mache und meine Frau laufen ist. 

Teller: Survival-Sendungen. Da gibt es diese Show Alone, in der sich zehn Leute, jeder für sich, in der Wildnis durchschlagen müssen. Und wer am längsten durchhält, gewinnt. Das Spannende daran ist, dass die Teilnehmer nie wissen, wie viele Konkurrenten schon ausgeschieden beziehungsweise noch dabei sind.

Interview: Claudia Dlapa / Juni 2019

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