Magie & Brutalität

Interview mit Gurinder Chadha zu Blinded by the Light

Die britische Star-Regisseurin Gurinder Chadha (Kick It Like Beckham) hat die berüchtigte Thatcher-Ära in England miterlebt – und den damaligen sozialen Druck selbst nur mithilfe von guter Musik überlebt. Mit SKIP sprach sie über Magie, Menschlichkeit und Springsteen.

SKIP: Im England von Margret Thatchers neoliberaler Politik warst du selbst eine Jugendliche. Was war so schrecklich?

Gurinder Chadha: Es war brutal widersprüchlich. Diese massiven Privatisierungen und die darauffolgende Massenarbeitslosigkeit waren furchtbar. Im Gegensatz dazu waren die 1980er speziell musikalisch wie auch filmtechnisch eine aufregende Zeit. Luton, der Ort im Film, ist die Wiege des neuen britischen Rechtsradikalismus. Was vorher undenkbar in Großbritannien war, wurde plötzlich salonfähig. Menschen starben bei Demonstrationen oder wurden schwer verletzt. Die Regierung hatte keine Antworten auf diese Probleme. Sogenannte Gastarbeiter hatte man geholt, weil sie Arbeiten machten, die kein anderer wollte. Nun gab es Stimmen, die meinten, diese Menschen sollen wieder gehen. Es war eine sehr spannungsgeladene Zeit.

SKIP: Dein Filmheld hat noch andere Probleme …

Gurinder Chadha: Javeds Vater arbeitet bei Vauxhall in Lutons Autoindustrie und wird arbeitslos. Der ganze Haushalt hängt plötzlich an den Näharbeiten der Mutter. Javed geht zur Schule, will lernen, interessiert sich für Mädchen, will auf Partys und einfach leben. Das geht aber nicht, denn speziell sein Vater hängt an der alten Tradition. Deshalb darf Javed praktisch nichts. Der daraus resultierende Frust macht ihn allerdings kreativ und schöpferisch aktiv.

SKIP: Am Anfang des Films steht: Luton ist Scheiße. Wieso?

Gurinder Chadha: Ja, und das ist noch heute so! Kein Teenager möchte da wirklich ernsthaft leben. Luton ist kein richtiger Ort mehr. Er war einmal 
bedeutend für die Arbeiterklasse, aber das ist lange her. Am internationalen Flughafen starten heute fast nur noch Billigflieger. 
Autohersteller Vauxhall ist so gut wie weg, der Brexit wird der Firma wohl den Rest geben. Das Verrückte ist: Damals in den 1980er Jahren fing das an.

SKIP: Trotzdem bringst du analog zu den Songs von Springsteen eindrucksvoll die Magie des Lebens zum Vorschein und hast einen wirklich sehr schönen Sommerfilm gedreht.

Gurinder Chadha: Danke! Der Soundtrack von Bruce hat tatsächlich eine eigene Rolle. Genauso wie beim Autor damals diktierten die Lieder alles. Die gedrehten Szenen und der Sound verschmolzen. Das ist so ein Glücksmoment, da ist man als Regisseur sehr dankbar.

SKIP: War es schwierig, so ein ernstes Thema in einer Komödie zu verarbeiten?

Gurinder Chadha: Eigentlich nicht so sehr. Die Zeit damals konnte man nur mit Humor und guter Musik unbeschadet überstehen. Wir wollten zeigen, dass es auch anders laufen kann. Wir hoffen, alle fühlen sich nach dem Kinobesuch genauso gut wie unsere Testseher.

Interview: Claudia-Janet Kaller / Juli 2019

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