Durch den Abgrund nach oben

Interview mit Brad Pitt zu Ad Astra - Zu den Sternen

Im von ihm co-produzierten Ad Astra – Zu den Sternen spielt Brad Pitt einen verschlossenen Astronauten auf der Suche nach seinem Vater, sich selbst und Antworten auf gewichtige Fragen. Mit Letzterem konnte er auch in unserem Exklusiv-Interview aufwarten.

SKIP: Bevor wir uns gleich über Ihren neuen Film Ad Astra – Zu den Sternen unterhalten, würde ich gerne noch wissen, was Sie vom phänomenalen Erfolg von Once Upon A Time In … Hollywood halten? Und wie erklären Sie sich, dass Ihre Figur Cliff Booth so wahnsinnig gut ankommt?

Brad Pitt: Es ist natürlich eine große Sache, dass Quentins Film so eingeschlagen hat! Er war gefühlt allerdings auch der einzige „Original Content“ in diesem Sommer zwischen all den Sequels und Comic-Verfilmungen. Natürlich ist das ein Indiz dafür, dass die Filmstudios weiterhin auf solche Projekte setzen können. Mich persönlich freut das natürlich sehr, weil das ein Film ganz nach meinem Geschmack war. Was den Reiz von Cliff betrifft: Er hat einfach diesen easy-peasy Zugang zum Leben – weil er weiß, dass das Universum nicht wirklich gegen ihn ist und am Ende schon alles gut ausgehen wird. Den hätten wir natürlich alle nur allzu gern!

SKIP: Apropos „Original Content“, der im Kino immer seltener wird: In Ad Astra haben Sie ja nicht nur die Hauptrolle gespielt, Sie haben den Film auch produziert. Wie schwierig ist es heutzutage, diese Art von originären Filmen, die wie in diesem Fall ja auch nicht immer wirklich billig sein müssen, überhaupt noch gestemmt zu bekommen?

Brad Pitt: Wir hatten ehrlich gesagt ziemlich großes Glück, dass uns das gelungen ist! So etwas kommt leider wirklich selten genug vor. 
Natürlich ist so ein Film immer ein Wagnis und es hat wie gesagt seine Gründe, warum Studios solche Produktionen immer seltener machen und lieber auf Nummer sicher gehen. Sogar wenn ein Film bloß 40 Mio. Dollar kostet, brauchst du noch einmal 40 Mio. Dollar für die Vermarktung! Deswegen kann man ja auch beobachten, wie mutigeres Material immer häufiger zu den Streaming-
Services abwandert. Leider geht mit dieser Entwicklung aber auch die große gemeinsame Kinoerfahrung verloren.

SKIP: Was können Sie uns denn über die konkrete Entstehungsgeschichte von Ad Astra – Zu den Sternen erzählen? Wie sind Sie etwa an Ihre Figur, den verschlossenen Astronauten Roy McBride, herangegangen?

Brad Pitt: Tja, das war gar nicht so einfach. James (Gray, Regisseur, Anm.) und ich hatten uns da bald mal ein wenig in eine Ecke manövriert. Denn um eine Figur zu zeichnen, die mit anderen nicht connecten kann, benötigt man eben in erster Linie: andere Personen. Meistens ist Roy im Film aber allein. Hier eine Balance zu finden erwies sich also eine der größten Herausforderungen. Das Tolle und zugleich Schwierige war wirklich das Zusammenfügen des Films im Schnitt. Dort ist natürlich viel möglich, man kann da noch einen Voiceover reinhauen und dort noch 
einen Musikeinsatz. Freilich geht man dabei aber immer das Risiko ein, dass der Film in eine bestimmte Richtung kippt. Es war also die ganze Zeit ein ewiges Vor und Zurück, eine heikle Angelegenheit. Natürlich war es auch auf inhaltlicher Ebene nicht einfach, weil wir im Film Themen wie männliche Identität behandeln. Wir wollten veranschaulichen, wie hier gewisse Vorstellungen Personen einschränken können.

SKIP: Was meinen Sie damit genau?

Brad Pitt: In vielen unserer frühen Gespräche mit James ging es darum, wie wir beide aufgewachsen sind. Ein Mann zu sein hieß damals, dass man immer stark sein muss und keine Schwächen zeigen darf. Wenn ich mir als Kind den Arm verletzt, den Ellbogen aufgeschürft oder den Kopf angehaut habe, wurde das einfach nie groß thematisiert. Du hast dich nicht beschwert, es ging einfach weiter wie vorher. Genauso wurde allerdings auch mit innerlichen Verletzungen umgegangen. Man hat sie sich nie eingestanden. Damit leugnest du aber einen Teil von dir. Und 
das hindert dich dann daran, dich selbst komplett zu kennen. Diese Fassade der ultimativen Stärke ohne jede Schwäche ist in Wahrheit jedoch eine Barriere, die dich darin hindert, dich mit jenen zu connecten, die du liebst. Dabei würde dich das aber zu einem besseren Partner, einem besseren Vater, einem besseren Menschen machen – und nicht zuletzt zu einem besseren Freund deiner selbst.

SKIP: Hat Ihnen Ihr Beruf als Schauspieler bei der Erkenntnis geholfen, dass Sie diese Fassaden gar nicht brauchen?

Brad Pitt: Das kann schon sein. Als Geschichtenerzähler erforscht man ja ständig Dinge, geht ihnen auf den Grund. Das hat mein Reifen in dieser Hinsicht sicherlich beschleunigt. Mein Vater, der jeden Tag von acht bis sechs gearbeitet hat und dann auch noch den halben Samstag, hatte mit Sicherheit nicht so viele Möglichkeiten, sich täglich diesen Dingen zu stellen.

SKIP: Wo wir schon einmal in den Rückspiegel schauen: Was denken Sie, wenn Sie auf die Zeit zurückblicken, in der Sie ganz am Anfang Ihrer Karriere standen? Also Sie etwa damals nach Thelma & Louise als next big thing galten? Haben Sie damals schon geahnt, dass das etwas werden könnte? Und wann haben Sie realisiert, dass es nun wirklich etwas geworden ist?

Brad Pitt: Ich habe einfach immer schon Filme geliebt. Sie waren mein Fenster in die Welt. Ich war in jungen Jahren wirklich niemals westlich von Colorado, habe sehr wenig von der Welt gesehen. Von Filmen habe ich dann ein Verständnis für andere Kulturen vermittelt bekommen und gelernt, wie sich Menschen in gewissen Situationen verhalten. Als ich dann selbst mit dem Schauspielern angefangen habe, wollte man mich allerdings bald einmal in Richtung Sitcoms drängen. Ich habe da aber sofort abgewunken, denn so etwas fühle ich einfach nicht. Meine Herausforderung war es also, beim Film zu landen, weil sich dort die Geschichten abspielen, die mich interessieren. Dann habe ich noch ein Jahrzehnt gebraucht, um dort hinzukommen, wo ich genau hingehöre. 
Da waren Schritte in die richtige Richtung dabei und auch welche in die falsche. Ich musste ja überhaupt auch erst einmal 
herausfinden, wie das, was ich möchte, und das, was ich anzubieten habe, zusammenpassen könnten. Ich habe mich also gewissermaßen langsam vorangetastet.

SKIP: Kommen wir noch einmal zurück zu Ihrer Figur in Ad Astra, die sich ja zweifelsohne sehr mit sich zu kämpfen hat. Wie haben Sie sich diese Abgründe erarbeitet?

Brad Pitt: Ich denke, dass wirklich jeder diese dunklen Gedanken kennt und nachvollziehen kann. Jeder trägt Verletzungen aus der Kindheit mit sich herum, jeder bedauert gewisse Dinge, die er als Erwachsener gemacht hat, jeder hat Dinge, die er an sich selbst hasst. Mir geht es da ja auch nicht anders. Und mit all dem muss man sich eben auseinandersetzen. Ich würde das übrigens so oder so machen – ob es nun für die Arbeit an einem Film notwendig ist oder nicht. Das ist ja ein großes Missverständnis die Schauspielerei betreffend: Da fakst so etwas nicht einfach. Denn wenn du etwas fakst, dann ist es scheiße, dann erzeugt es keinerlei Resonanz. Ich muss etwas erfahren haben, damit es etwas bedeuten und etwas mit dem Leben zu tun haben kann.

SKIP: Würde es sich da nicht anbieten, diese Erfahrungen auch in anderer Funktion einzusetzen und vielleicht sogar einmal selbst Regie zu führen? Haben Sie das denn schon jemals in Erwägung gezogen?

Brad Pitt: Nein, das wäre wirklich nichts für mich! Als Produzent entwickle ich ja ohnehin dauernd Stoffe mit, sogar mehr als Regisseure. Die sind ja zwei, drei, vier Jahre mit einem Film beschäftigt – und dafür habe ich höchstwahrscheinlich nicht die Geduld. Zweitens weiß ich auch gar nicht, ob ich dahingehend überhaupt etwas anzubieten hätte. Dort draußen gibt es schließlich so viele großartige Regisseure, dass ich nicht wüsste, warum es da auch noch mich bräuchte. Und drittens habe ich auch einfach genügend andere Interessen, denen ich mich lieber widme (lacht).

Interview: Christoph Prenner / September 2019

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