Benzin und Blumen

Interview mit Aki Kaurismäki zu Der Mann ohne Vergangenheit

Aki Kaurismäki macht traurige Komödien über Menschen, denen das Glück vorenthalten wird. Peter Krobath sprach mit dem finnischen Vorzeige-Melancholiker über sein neues Meisterwerk.

SKIP: Hallo Aki, wie ist das Leben?

Aki Kaurismäki: Traurig wie immer. Aber auch ein wenig komisch. Zum Glück. Sonst würde ich das kaum überstehen.

SKIP: Mir ist gestern aufgefallen, dass es in deinen Filmen immer nur alte Autos gibt ...

Aki Kaurismäki: Das hat nostalgische und wirtschaftliche Gründe. Neue Autos sind einfach zu teuer, immerhin bin ich mein eigener Produzent und muss aufs Geld schauen. Aber alte Autos kann ich mir gerade noch leisten, und nach den Dreharbeiten gehören sie mir. Auf diese Weise bin ich schon zu 14 Autos, drei Hunden und vier Motorrädern gekommen.

SKIP: Und ich dachte, das wäre ein Stilmittel.

Aki Kaurismäki: Quatsch. In meinen Filmen gibt es keinen Stil.

SKIP: Der Mann ohne Vergangenheit spielt in den untersten Schichten von Helsinki. Glaubst du, dass man diesen Film im Sozialministerium mögen wird?

Aki Kaurismäki: Dazu kann ich nichts sagen. Angeblich gibt es bei uns ein Sozialministerium. Aber ich sehe kein Zeichen, dass es wirklich existiert.

SKIP: Aber zumindest Finnland existiert?

Aki Kaurismäki: Ja. Aber nur in unseren Träumen. Und Politiker haben bekanntlich keine Träume. Das ist ja das Problem.

SKIP: Dieser Film ist der zweite Teil deiner Finnland-Trilogie. Warum gab es zwischen Teil 1 und Teil 2 eine Pause von mehreren Jahren?

Aki Kaurismäki: Ich war Fischen.

SKIP: Fischen?

Aki Kaurismäki: Ja.

SKIP: Woher kommt es, dass dein neuer Film eine relativ positive Stimmung verbreitet?

Aki Kaurismäki: Wer keine Hoffnung mehr hat, muss lächeln. Nur deshalb schauen die Leute diesmal so glücklich aus.

SKIP: Du hast keine Hoffnung mehr?

Aki Kaurismäki: Nicht was die Menschen angeht. Ich will nicht extrem pessimistisch klingen, aber was den Zustand der Welt betrifft, glaube ich wirklich nicht, dass wir es noch extrem lange machen werden.

SKIP: Zeigt dein Film die Wirklichkeit?

Aki Kaurismäki: Nein. Das ist ein Märchen, wie übrigens jeder andere Film auch. Vielleicht ist die Stimmung sogar ein wenig zu sentimental. Aber ich finde, wenn die Leute schon ins Kino gehen, sollten sie für ihr Geld wenigstens Gefühle kriegen. Ganz persönlich wäre es mir immer am liebsten, wenn am Ende alle sterben. Aber dann denke ich an mein Publikum - und plötzlich geht alles gut und glücklich aus.

SKIP: Was ist deine Beschreibung von Glück?

Aki Kaurismäki: Benzin für meinen Cadillac und Blumen für meine Lady.

SKIP: Ein schöner Satz.

Aki Kaurismäki: Ich liebe schöne Sätze. Das Leben ist viel zu kurz, um sich schlecht auszudrücken.

SKIP: Diesmal schenkst du deinem Publikum sogar ein Bibelzitat: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Liest du oft in der Bibel?

Aki Kaurismäki: Ich habe die Bibel gelesen. Aber nur einmal. Lausiges Buch. Sogar der Hauptdarsteller stirbt am Ende.

SKIP: Aber er kommt in den Himmel.

Aki Kaurismäki: Stimmt. Aber das haben sie nur für Hollywood gemacht.

SKIP: Glaubst du, dass die Gefühle auf der Leinwand meistens von zu vielen Worten erdrückt werden?

Aki Kaurismäki: In Der Mann ohne Vergangenheit wird auf jeden Fall zuviel gesprochen.

SKIP: Das stimmt vielleicht für einen Kaurismäki-Film. Aber im Vergleich mit Hollywood herrscht hier immer noch das große Schweigen.

Aki Kaurismäki: Am Anfang meiner Karriere dachte ich, sechs Seiten Dialog pro Drehbuch sind genug. Aber selbst das war zuviel. Schließlich begriff ich, worum es geht: Wer braucht schon Dialoge im Kino, solange es Bilder gibt? Mein kühnster Schritt in diese Richtung war ein Stummfilm in Schwarz und Weiß. Das war der Endpunkt. Wenn ich weiter radikal sein wollte, könnte ich nur noch die Bilder wegnehmen. Aber ob das gescheit ist? So habe ich mich für eine Kehrtwendung entschieden. Nur deshalb wird in meinem neuen Film derart viel gesprochen.

SKIP: Du schreibst alle deine Drehbücher selbst. Wie findest du zu so zärtlich-schönen Figuren wie etwa die Frau von der Heilsarmee, die sich in einen Obdachlosen verliebt?

Aki Kaurismäki: Jetzt könnte ich natürlich sagen, dass ist Phantasie, aber es hat auch sehr viel mit Geduld zu tun. Ich verbringe viel Zeit in Bars, ich trinke und warte und irgendwann kommen diese Figuren in mir hoch. So ein Bild kann zwanzig Jahre in mir stecken, aber irgendwann will es raus. Bevor ich Filmemacher wurde, habe ich in ehrlichen Berufen gearbeitet. Ich war Tellerwäscher, Briefträger und Fabriksarbeiter. Aus dieser Zeit stammen meine Figuren. Ich habe sie gesehen, bevor sie in meine Drehbücher kamen.

SKIP: Seit 15 Jahren hast du einen Zweitwohnsitz in Portugal, wo du jeden Winter verbringst. Was gibt es dort, was du in Finnland nicht findest?

Aki Kaurismäki: Licht. Im finnischen Winter gibt es kein Licht. Das macht mich depressiv.

SKIP: Diese Depressionen definieren dein Leben?

Aki Kaurismäki: Ich wurde schon mit Depressionen geboren. Ich habe keine Idee, wie sich die Welt anfühlt, wenn man nicht depressiv ist. Vielleicht bin ich ja ein glücklicher Mensch und ich weiß es nur nicht.

SKIP: Was bedeutet Geld für dich?

Aki Kaurismäki: Natürlich brauche ich Geld, um meine Filme zu machen. Aber darüber hinaus ist mir Geld nicht wichtig. Das ist doch nur bedrucktes Papier. Ich werde nervös, wenn ich zuviel Geld habe. Deshalb muss ich es immer sofort ausgeben. Ich schicke einen LKW mit Lebensmitteln nach Afghanistan, nur damit das Geld nicht in meiner Tasche bleibt.

SKIP: Angenommen du könntest in deinem Leben nur noch einen einzigen Film machen. Was würde das sein?

Aki Kaurismäki: Eine Kurzversion von Robinson Crusoe. Fünf Minuten. Mehr trägt die Geschichte nicht.

Interview: Mai 2002

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