Young at Heart

Interview mit Clint Eastwood zu Blood Work

Gestatten: Clint Eastwood. Beruf: Held. Hobby: Filme machen. In seinem neuesten Streifen Blood Work spielt der 72-jährige einen herzkranken FBI-Agenten, der hart mit dem Alter kämpft. Im wirklichen Leben ist allerdings noch keine Rede vom Ruhestand, wie Elisabeth Sereda im Exklusiv-Interview feststellte.

SKIP: Sie haben seit zehn Jahren – seit In the Line of Fire – nicht mehr mit anderen Regisseuren gearbeitet, sondern bei allen Ihren Filmen selbst Regie geführt. Woran liegt das?

Clint Eastwood: Ehrlich gesagt: Das ist purer Zufall. Bei Die Brücken am Fluss etwa hätte jemand anders Regie führen sollen und ist dann in letzter Minute abgesprungen. Und ich somit in letzter Minute eingesprungen. Dazu kommt, dass ich seit langem vorhabe, weniger zu spielen und mich hauptsächlich aufs Regie führen zu konzentrieren. Das gelingt mir aber scheinbar auch nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte! (lacht)

SKIP: Wieviel Autonomie wird Ihnen bei der Auswahl Ihrer Stoffe zugestanden? Haben Sie da sozusagen "Narrenfreiheit", oder will das Studio mit entscheiden?

Clint Eastwood: "Narrenfreiheit" ist gut ... (lacht) Mein Studio-Deal garantiert mir weitest gehende Unabhängigkeit. Ich fand Michael Connellys Roman Blood Work großartig und dachte, dass es einen wirklich guten Film abgeben könnte. Also sagte ich dem Studio, sie sollten die Filmrechte dafür kaufen – und das taten sie. Beim Dreh hielten sie sich komplett fern. Ich arbeite gern mit viel Freiheit.

SKIP: Sie beharrten ja auch auf die in Hollywood völlig unbekannte Wanda de Jesus als Hauptdarstellerin. Auch Anjelica Huston als Kardiologin wurde von Ihnen persönlich für die Rolle gecastet. Was war es, das die beiden für Sie so perfekt für die Rolle machte?

Clint Eastwood: Wanda kannte ich aus mehreren spanisch- und auch englischsprachigen Filmen. Sie hat das Gesicht einer Aztekenprinzessin – ein sehr ungewöhnlicher, toller Look. Und sie ist eine großartige Schauspielerin. Ich dachte, dass sie für den Part ideal wäre und behielt recht. Anjelica kenne ich seit vielen Jahren, hatte aber nie die Chance, mit ihr zu arbeiten. Ich brauchte eine starke Frau für die Rolle der Herzspezialistin, und Anjelica hatte das richtige Aussehen und Alter.

SKIP: Sie sind als Regisseur bekannt dafür, dass Sie von keiner Szene mehr als drei Takes drehen. Wird Ihnen zu schnell langweilig, oder haben Sie schon vor den Dreharbeiten eine so klare Vorstellung von dem fertigen Film, dass Sie so genau wissen, was Sie wollen?

Clint Eastwood: Nun, auf jeden Fall weiß ich, was ich sehen will. Ich versuche auch immer, meine Schauspieler in die richtige Stimmung für die Szene zu versetzen. Ich lernte das von Don Siegel (mit ihm drehte Eastwood u. a. Coogans großer Bluff, Die Flucht von Alcatraz oder Dirty Harry, Anm.). Er sagte, dass Regisseure, die 20 Takes drehen, meistens nicht wissen, was sie wollen. Und Schauspieler sind von Haus aus kindisch. Man sollte sie nicht auch noch dazu ermutigen, ohne Ende rumzuspielen. Wenn man ihnen klarmacht, dass es für sowas keine Zeit gibt, konzentrieren sie sich auf das Wesentliche. Ich erinnere mich dabei an die Dreharbeiten zu Die Brücken am Fluss, wo die kluge Meryl Streep vorschlug, die Proben zu filmen. Was für eine großartige Idee! Denn oft ist der erste Take der beste.

SKIP: Sie sind jetzt fast ein halbes Jahrhundert im Filmbusiness tätig. Wie sehen Sie als alter Hase die Industrie? Hat sie sich zum Besseren oder zum Schlechteren entwickelt?

Clint Eastwood: Besonders in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich das Kino stark verändert. Geschichten erzählen ist out, das große technische Tamtam ist in. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass heute jeder über technische Möglichkeiten verfügen kann, von denen wir vor 40 Jahren nur träumten. Space Cowboys hätte ich etwa gar nicht machen können, wenn mir nicht so viel Technologie zur Verfügung gestanden wäre. Aber es besteht die Gefahr, dass man aus lauter Begeisterung für die vielen Möglichkeiten, die einem offen stehen, auf das Wesentliche vergisst. Zu viele Leute in dieser Industrie sind so verliebt in ihre Special-Effect-Hascherei, dass die Geschichten, die Autoren und die Drehbücher darunter leiden und zur Nebensache verkommen. Viele der jungen Regisseure können mit einer soliden Story gar nichts mehr anfangen. Vielleicht liegt das ja daran, dass sie alle mit TV und Gameboy aufwuchsen.

SKIP: Glauben Sie, dass Sie dieselbe Karriere gemacht hätten, wenn Sie 30 Jahre später geboren wären?

Clint Eastwood: Hmmm ... nicht unbedingt. Wie wir alle wissen, ist ja gerade im Kino das richtige Timing eins der wichtigesten Dinge überhaupt. Aber andererseits: wenn Sie mich fragen, ob Clark Gable heute ein Star wäre, würde ich sagen: Ziemlich sicher, ja. Denn ein gewisses Charisma ist zeitlos.

SKIP: In der letzten Zeit haben Sie, verglichen mit früher, eher weniger Filme gemacht. Brauchen Sie mehr Zeit für Ihre Familie?

Clint Eastwood: Meine Kinder und Enkelkinder sind der Grund, warum ich immer weniger arbeite. Ich will für sie da sein. Meine Tochter Frannie hat heute Geburtstag und ich werde den ganzen restlichen Tag mit ihr verbringen.

SKIP: Wie alt ist sie denn geworden?

Clint Eastwood: Neun. Ich schenke ihr einen Sattel für ihr Pony. Gott sei Dank habe ich zu ihrer Mutter (Frances Fisher, Anm.) nach wie vor ein gutes Verhältnis.

SKIP: Dina Ruiz, Ihre Ehefrau, ist 35 Jahre jünger als Sie – spielt der Altersunterschied eine große Rolle?

Clint Eastwood: Ich war noch nie so glücklich wie jetzt. Sie ist eine wirklich einzigartige Person, die es mühelos schafft, mit meiner beziehungstechnisch doch etwas problematischen Vergangenheit nicht nur fertig zu werden, sondern sie sogar positiv zu sehen. Außerdem ist sie eine sehr interessante Frau, und wir haben auch viele gemeinsame Interessen: Familie steht im Mittelpunkt, wir lieben Haustiere und spielen gern Golf.

Interview: August 2002

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