Gangster's Paradise

Interview mit Martin Scorsese zu Gangs of New York

Amerikas Meisterregisseur Martin Scorsese musste über 20 Jahre lang um sein Lieblingsprojekt kämpfen. DassGangs of New Yorkam Ende doch noch in die Kinos kommt, hat er neben seiner Hartnäckigkeit vor allem dem mächtigen Miramax-Boss Harvey Weinstein zu verdanken. Interview von Elisabeth Sereda.

SKIP: Die historische Wahrheit, die hinter Ihrem Film Gangs of New York steht, ist sogar gebildeten Amerikanern unbekannt. Warum wird dieser Teil der amerikanischen Geschichte derart ignoriert?

Martin Scorsese: Ich glaube nicht, dass das mit Absicht geschieht. Der wahre Grund liegt wohl darin, dass sich die irischen Einwanderer längst assimiliert haben. Nach und nach verschwanden die Konflikte, die sie in New York mit der katholischen Kirche, der Stadtverwaltung und der Polizei hatten. Das ist so wie bei Familien, die sich jahrelang streiten, und wenn dann endlich Frieden einkehrt, will keiner mehr über die Vergangenheit reden. Das Leben geht weiter. Außerdem sind die irischen Einwanderer nicht die einzige Gruppe, die in unserer Geschichtsschreibung vernachlässigt wird. Denken Sie doch an die Indianer. Als Kind lernte ich nur, dass wir die Indianer bekämpft und besiegt haben. Von Rassen- und Massenmord hat mir damals keiner was erzählt. Erst langsam kam auch dieses Kapitel zur Sprache. Deshalb war ja auch Kevin Costners Der mit dem Wolf tanzt für viele Amerikaner eine unglaubliche Offenbarung.

SKIP: Warum mussten 21 Jahre vergehen, bis Sie Gangs of New York endlich machen konnten?

Martin Scorsese: Sehr lange Zeit gab es kein Drehbuch, sondern nur diese Geschichte über die ersten Gangs von New York. Ich wollte den Film schon Ende der 70er Jahre machen, aber mein Drehbuchautor Jay Cocks bastelte solange an verschiedenen Versionen des Skripts herum, dass ich die Idee schließlich wieder verwerfen musste. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir schon unglaubliche Summen für die Vorproduktion ausgegeben. Wir warfen das Geld mit beiden Händen aus dem Fenster ... und irgendwann hatten wir dann keines mehr. Zehn Jahre später, als ich GoodFellas drehte, wurde das Projekt wiederbelebt. Jay Cocks schrieb eine neue Version, aber Warner, das Studio, dem die Rechte gehörten, wollte den Film nicht machen. Erst 1999, als wir Leonardo diCaprio als Hauptdarsteller bekamen und Miramax-Boss Harvey Weinstein die Zügel in die Hand nahm, kam die Sache endgültig und endlich ins Laufen.

SKIP: Die Medien waren voll von wilden Stories über die schwierige Zusammenarbeit zwischen dem Meister-Regisseur Martin Scorsese und dem Erfolgs-Produzenten Harvey Weinstein. Wie schlimm war die Situation wirklich?

Martin Scorsese: Ich hatte von Anfang an kein Problem mit Harvey Weinstein. Mir war klar, dass er unter all den Rechenkünstlern, die derzeit in Hollywood das Sagen haben, sicher der Einzige ist, der genug Visionen hat, um Gangs of New York realisieren zu können. Aber trotzdem muss ich zugeben, dass die Arbeit mit Harvey Weinstein schon eine unglaubliche Erfahrung war!!!

SKIP: Sorry, aber spätestens jetzt muss ich auf Details bestehen ...

Martin Scorsese: Ich bin als sehr temperamentvoll bekannt - und Harvey Weinstein auch. Wir mussten mühsam lernen, uns erst abzukühlen, bevor wir denselben Raum betraten. Oft begannen wir sofort zu schreien, anstatt erst einmal zu hören, was der Andere zu sagen hat. Irgendwann einmal schlug ich vor, dass wir vor jedem Treffen eine Stunde beim Psychiater buchen sollten. Harvey Weinstein hat eine sehr klare Vorstellung, wie Filme zu machen sind. Ich auch. Aber unsere Vorstellungen sind nicht dieselben. Wir mussten lernen, sie miteinander zu vereinen. Wir mussten lernen, dieselbe Sprache zu sprechen. Harvey Weinstein gehört nicht zu den Produzenten, die sich aus dem kreativen Prozess raushalten. Er hat eigene Ideen. Und die will er durchsetzen.

SKIP: Stimmt es, dass der Film deshalb solange nicht in die Kinos kam, weil Harvey Weinstein eine völlig neue Schnittfassung verlangte?

Martin Scorsese: Nein, das ist nicht richtig. Der Film ist wegen dem 11. September nicht früher in die Kinos gekommen. Es war klar, dass Weihnachten 2001 kein Mensch Szenen sehen wollte, in denen New York zerstört wird – selbst wenn es das New York von 1860 war.

SKIP: Als bekannt wurde, dass Gangs of New York endlich gedreht wird, muss wohl jeder namhafte Schauspieler Hollywoods bei Ihnen angerufen haben. Wie entschieden Sie sich für Daniel Day-Lewis und Leonardo DiCaprio?

Martin Scorsese: Leonardo DiCaprio schrieb mir mehrere Briefe, er wollte unbedingt dabei sein. Zuerst dachte ich, dass er als Schauspieler einfach nicht die nötige Bandbreite für diesen Job hat. Aber dann kam Titanic und auf einmal war er der heißeste Jungstar überhaupt. Mit Leonardo DiCaprio an Bord konnte man grünes Licht für jeden Film bekommen. Außerdem vertraute er mir als Regisseur. Und er kehrte nicht den Star raus. Und er selbst schlug Daniel Day-Lewis vor. Dann wollte der wieder nicht. Aber das ist das Großartige an Harvey Weinstein. Er wählte die Nummer von Daniel Day-Lewis und brüllte ins Telefon: "Was heißt, du willst nicht arbeiten? Bist du völlig verrückt geworden? Ich habe die beste Rolle deines Lebens für dich! Was heißt, du bist in Irland? Ich schicke dir den Privatjet! Wenn du die Rolle nicht spielst, spiele ich sie und gewinne alle Preise, die du so gern hättest!" Es war unglaublich witzig. Und Daniel konnte Harvey letztlich nicht widerstehen.

Interview: Dezember 2002

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