Fang den Leo

Interview mit Leonardo DiCaprio zu Catch Me If You Can

Er hat den besten Job der Welt. Warum sich Leo DiCaprio nach seinem letzten Film The Beach trotzdem fast drei Jahre Auszeit nahm? "Ich drehe eben nur mehr wirklich gute Filme!" Umso lieber ließ er sich für Catch Me If You Can einfangen – und von Elisabeth Sereda zum Exklusiv-Interview.

SKIP: Du hast den legendären Trickbetrüger Frank Abagnale, den du in Catch Me If You Can spielst, persönlich kennen gelernt. Wie war dein Eindruck?

Leonardo DiCaprio: Ich hätte nie geglaubt, dass dieser Mann auch nur eine Briefmarke stehlen könnte. Er sieht aus wie ein Volkschullehrer! Er ist solch ein Genie, solch ein Riesentalent in dem was er tut, dass er die meiste Zeit selbst vergisst, wie leicht es für ihn ist, Leute zu manipulieren. Er hat eine wirklich magnetische Anziehungskraft und ist eine ungeheure Persönlichkeit. Ich fragte ihn einmal: "Hast du außer deiner Kleidung eigentlich jemals etwas an dir verändert? Deine Stimme? Deine Körperhaltung?" Und er meinte: "Nein, gar nichts." Und dann bat ich ihn, mir vorzumachen, wie er einen gefälschten Scheck einlöst. Und plötzlich sprach er mit völlig veränderter Stimme, in perfektem Südstaatenakzent – aber ohne zu wissen, dass er das tut! Er machte das rein instinktiv.

SKIP: Steven Spielberg sieht die Wurzeln von Franks Verbrecherlaufbahn in der Scheidung seiner Eltern. Deine Eltern sind ebenfalls geschieden. Kannst du Franks Situation nachvollziehen?

Leonardo DiCaprio: Nicht wirklich. Obwohl meine Eltern geschieden sind, kommen sie nicht nur vorzüglich miteinander aus, sondern sie waren auch immer für mich da. Eine Zeitlang lebten wir in einer sehr schlechten Gegend von Los Angeles, und meine Mutter führte mich täglich vier Stunden von und zu einer guten Schule. Und ich höre bis heute gerne auf meinen Vater. Er weiß über so viele verschiedene Dinge Bescheid, ganz gleich, ob es um Geschäfte, um Architektur, Kunst, Musik oder das Leben im Allgemeinen geht. Er ist der intelligenteste Mann, den ich kenne. Als ich mein erstes eigenes Haus kaufte, wohnte ich genau zwischen den beiden: Ich konnte durch meinen Garten auf der einen Seite ins Haus meines Vaters und auf der andern ins Haus meiner Mutter gehen.

SKIP: Hast du schon mal jemanden übers Ohr gehauen?

Leonardo DiCaprio: Ich hab nur in der Schule geschummelt. Ich hab kein mathematisches Gehirn, also habe ich oft bei Mathe-Schularbeiten abgeschrieben. Ich kam auch immer mit irgendwelchen Stories daher, um mich vor den Hausaufgaben zu drücken. Da war ich sehr erfinderisch.

SKIP: Als Schauspieler ist es dein Beruf, anderen was vorzumachen – und du kriegst dafür Millionen von Dollars bezahlt ...

Leonardo DiCaprio: ... und dann sitzt man da und regt sich über die Paparazzi auf und darüber, dass man berühmt ist. Und in hellen Momenten wird einem klar, dass man ohne Paparazzi und Berühmtheit wohl kaum 20 Millionen Dollar bekommen würde. In Wirklichkeit bin ich dankbar, dass ich den großartigsten Job der Welt habe.

SKIP: Nach fast drei Jahren Leo-Sendepause sehen wir dich jetzt in gleich zwei Filmen: Catch Me If You Can und Gangs of New York ...

Leonardo DiCaprio: Das ist reiner Zufall. Gangs of New York hätte ja schon vergangenes Jahr in die Kinos kommen sollen, aber dann wurde alles verschoben und deshalb kommt es jetzt zu diesem Leo-Overkill! (lacht) Ich bin nur dankbar, dass ich wieder arbeiten kann. Ich bin sehr froh, wieder zurück zu sein.

SKIP: Warum hast du so lange keinen Film gemacht? Zuviel Stress?

Leonardo DiCaprio: Nein, überhaupt nicht. Aber ich habe vor einiger Zeit beschlossen, nur noch wirklich gute Filmprojekte zu machen. Und die gibt´s eben nicht jeden Tag. Aber mir war nicht langweilig in dieser Zeit. Ich habe viel gelernt.

SKIP: Was zum Beispiel?

Leonardo DiCaprio: Dass viele Leute Lügner sind. Und das war ein Schock, denn ich brachte Leuten, die ich beruflich kennen lernte, immer dieselbe Offeneheit entgegen wie meinen Freunden. Inzwischen habe ich Erfahrung mit Leuten, die sich völlig anders präsentieren als sie sind – um es mal milde auszudrücken.

SKIP: Wie sieht das mit Mädchen aus? Es kann ja auch in dem Bereich nicht leicht sein, jemanden zu finden, der es nicht auf dein Geld und deinen Ruhm abgesehen hat.

Leonardo DiCaprio: Ich lernte, dass man mit einer Frau erstmal Freundschaft schließen muss. Wenn deine Freundin nicht auch dein bester Freund sein kann, funktioniert eine Beziehung nicht. Ich habe beispielsweise keine coole Anmach-Routine, ich komme auch nicht mit Rosen und einer Flasche Champagner daher, wenn mir eine junge Lady gefällt. Ich bin ganz normal, mag Mädels mit Humor und bin schon heilfroh, wenn eine bereit ist, mich wirklich kennenzulernen und nicht schon automatisch eine vorgefasste Meinung hat, bevor sie überhaupt mit mir redet. Aber was weiß ich schon über Frauen und Beziehungen, ich bin ja viel zu jung, um da den Experten zu spielen (lacht).

SKIP: Bist du gerade mit jemandem fest zusammen?

Leonardo DiCaprio: Nein, derzeit bin ich Single.

SKIP: Du warst sehr jung, als du mit der Schauspielerei begonnen hast. Wie siehst du rückblickend deine bisherige Karriere?

Leonardo DiCaprio: Sind ja mittlerweile auch schon wieder zwölf Jahre. Überraschend, nicht? Ich erinnere mich noch genau an mein erstes Vorsprechen zu This Boy´s Life. Ich war ja fast ein Rookie, hatte kaum Ahnung vom Film und davon, was es bedeutet, gleich zu Beginn mit jemandem wie Robert De Niro zu arbeiten. Ich hatte weder Taxi Driver noch Wie ein wilder Stier gesehen – und nur diese Ignoranz machte es mir möglich, ihm beim Vorsprechen Paroli zu bieten. Ich zeigte keinerlei Angst, weil ich keine hatte (lacht). Dann kam Titanic ... Heute treffe ich ständig auf Kollegen, die ihren Ruhm ganz schlecht verkraften. Und dann gibt´s Persönlichkeiten wie Steven Spielberg und Tom Hanks, meiner Meinung nach der größte Regisseur und der größte Schauspieler unserer Zeit, und außerdem die besten Bespiele dafür, wie man als Superstar leben kann. Sie gehen beide ganz normal und nett mit den Menschen um. Und beide lieben ihren Job. Ich glaube, wenn man das, was man macht, wirklich gerne tut – und hin und wieder mal auch Danke sagt für das Glück, das man im Leben hat –, dann kann man gar nicht verlieren.

Interview: Dezember 2002

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