Little Big Man

Interview mit Dustin Hoffman zu Moonlight Mile

Dustin Hoffman kann einfach nicht genug kriegen. Nicht von guten Filmrollen und auch nicht vom Leben, das der 65-jährige nach wie vor in vollen Zügen genießt. Gini Brenner traf die lebende Legende zum Exklusiv-Interview in Berlin.

SKIP:In Moonlight Mile spielen Sie einen Vater, der seine erwachsene Tochter verliert. Haben Sie jemals überlegt, wie Sie es verarbeiten würden, wenn einem Ihrer sechs Kinder etwas zustoßen würde?

Dustin Hoffman: Oh nein. Oh, oh nein. Darüber wollte, konnte ich nicht nachdenken. Ich bin bekannt dafür, mich für meine Rollen besonders intensiv vorzubereiten - aber in diesem Falle konnte ich nicht bis zum Letzten gehen. Das hätte ich nicht fertig gebracht. Es gibt sehr viele emotionale Momente in Moonlight Mile, und die sind oft noch viel emotionaler geworden, als sie im Drehbuch standen. Da ist sicher einiges aus dem Unterbewusstsein hoch gekommen.

SKIP: Kann man bei so einer Rolle eigentlich abschalten, wenn man abends nach Hause kommt?

Dustin Hoffman: Nein. Natürlich nicht. Aber ich glaube, da geht es mir nicht anders als den meisten anderen Leuten, egal ob Schauspieler, Musiker oder Bäcker. Wenn man völlig in einer Sache drinhängt, kann man das nicht von einem Moment auf den anderen wegblenden. Können Sie, wenn Sie frisch verliebt sind, den Kerl aus Ihren Gedanken und Träumen verbannen? Wenn Sie mitten in der Nacht aufwachen, ist er dann nicht das Erste, woran Sie denken? Geben Sie´s zu!

SKIP: Das kommt auf den Kerl an.

Dustin Hoffman: Na sehen Sie - und bei mir kommt´s auf die Rolle an (lacht). Aber es ist das gleiche Gefühl: Verlangen, und die Angst, nicht zu bekommen, wonach man verlangt. Die Angst, zu versagen, nicht genug Talent, Zeit oder sonstwas zu haben, um es zu schaffen. Wenn wir uns etwas in den Kopf gesetzt haben, dann hängt dieses Verlangen und diese Angst über uns wie eine dunkle Wolke und verfolgt uns ständig.

SKIP: Wie ist das mit der dunklen Wolke, wenn Sie in einer Komödie spielen?

Dustin Hoffman: Sicher. All die Qualen, Selbstzweifel und Schmerzen bei Moonlight Mile waren nichts gegen das, was ich bei Tootsie durchgemacht habe (lacht!) Die Komödie ist ja das allerschwierigste, aber leider auch am wenigsten geschätzte und respektierte Genre überhaupt.

SKIP: Warum glauben Sie ist das so?

Dustin Hoffman: Gegenfrage: Warum hat Chaplin nie den Oscar bekommen? Wenn jemand den Oscar kriegt, hört man oft in den Dankesreden: "Dieser Preis bedeutet mir deshalb soviel, weil ich ihn von meinen Kollegen von der Academy verliehen bekam!" Aber seien wir uns doch mal ehrlich: Was bedeutet das denn schon? Nur ganz, ganz wenige von uns haben wirklich Geschmack. Die große Mehrheit der Menschen hat doch nicht das Zeug dazu, Gutes von Schlechtem zu unterscheiden - nicht mal in ihrer eigenen Kunstform.

SKIP: Von wem würden Sie denn gerne eine Auszeichnung annehmen?

Dustin Hoffman: (lacht) Nun, was wünscht sich denn jeder Mann am meisten? Wenn ihm die Frau, mit der er gerade Sex hatte, erklärt, wie toll er war. Das ist die Art Auszeichnung, auf die ich stolz bin (lacht). Einmal hat mich Marlon Brando angerufen und mir Komplimente für einen Film gemacht. Das hat mich auch sehr gefreut.

SKIP: Wenn Sie auf Ihre lange Karriere zurückblicken - inwiefern hat sich Ihre Auffassung vom Star-sein geändert?

Dustin Hoffman: In Wahrheit habe ich ja nie damit gerechnet, Filmstar zu werden. Genauso wenig wie zwei meiner besten Freunde, Gene Hackman und Robert Duvall. Hätte uns damals, als ich Drinks servierte, Robert im Postamt Briefe sortierte und Gene Kühlschränke schleppte, jemand gesagt, wir werden Filmstars - wir hätten ihn ausgelacht. Es ist ein Traum. Die Kehrseite der Medaille ist, dass der Ruhm einen menschlich kaputt macht. Erfolg korrumpiert. Das ist so, und keiner kommt daran vorbei. Starruhm ist wie Radioaktivität: man kann sich notdürftig schützen, hoffen, dass man keine hohe Dosis abbekommt - aber auf lange Sicht zersetzt es die Seele.

SKIP: Was ist es dann, was Sie weiter treibt? Sie könnten sich doch bequem zur Ruhe setzen.

Dustin Hoffman: Was glauben Sie denn? Was soll ich denn sonst tun? Die Kinder sind aus dem Haus, mir ist langweilig (lacht). Ich eifere meinen Idolen nach. Luis Buñuel hat Filme gemacht, bis er 80 war, Picasso mit 90 noch gemalt und mein Freund Sam bis weit in seine 60-er masturbiert (lacht). Diese Leute sind meine Vorbilder. Oder der große Schauspieler George Burns, der zeitlebens als großer Freund der Frauen bekannt war: Als er 70 war, wurde er gefragt, ob er immer noch Sex habe. "Klar", antwortete er. Und auf die Frage, ob er es immer noch genießt: "Haben Sie schon mal mit einer Schnur Billard gespielt?" Ich bin noch lange nicht bei der Schnur angelangt (lacht).

Interview: Februar 2003

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