Neo-Realismus

Interview mit Keanu Reeves zu Matrix Reloaded

Rage Against the Machines. Als Matrix-Messias Neo surft Keanu Reeves durch den ultimativen Cyberspace. Kurt Zechner traf Keanu exklusiv in dessen Lieblingshotel Avalon in Los Angeles.

SKIP:Wie unterscheiden sich Matrix Reloaded und Matrix Revolutions vom ersten Matrix-Teil?

Keanu Reeves: Es ist ein regelrechter Quantensprung. Eine Evolution. Die Wachowski-Brüder hatten Matrix ja immer schon als Trilogie konzipiert. Aber erst, nachdem der erste Teil derartig erfolgreich war, wurden die Fortsetzungen wirklich spruchreif - und die Brüder haben wirklich alles dafür getan, nochmal ordentlich eins draufzusetzen.

SKIP: Die Action-Szenen in Matrix Reloaded entstanden zum Großteil im Computer. Wie sehen da die Dreharbeiten aus?

Keanu Reeves: Am Anfang steht der Prozess des sogenannten Motion Capturing. Dabei wird man von 30 Videokameras gleichzeitig von verschiedenen Winkeln aus gefilmt, und es entsteht sozusagen ein digitales Ebenbild eines Schauspielers. Ich mache die Bewegungen in einer Szene vor, und mein digitales Abbild spielt sie dann mit den nötigen Special Effects versehen nach.

SKIP: Ist das nicht ein seltsames Gefühl, wenn man als Star-Schauspieler nur noch eine Vorlage darstellt?

Keanu Reeves: Oh ja. Bei einem "normalen" Film ist man als Schauspieler bei jeder Szene, die man im fertigen Film drin hat, auch selber mit verantwortlich. Hier ist das ganz anders. Wenn das Motion Capturing komplett abgeschlossen ist und sie einen voll digitalisiert haben, dann brauchen sie den Menschen eigentlich gar nicht mehr. Als Schauspieler bist du dann abgemeldet (lacht). Theoretisch gäbe es so unendlich viele Möglichkeiten. Über kurz oder lang wird es sicher auch offizielle Regelungen geben müssen, was man mit dem digitalen Image eines Menschen alles anstellen darf und was nicht. Denn was wäre, wenn Computer-Keanu so programmiert würde, dass er schlecht spielt? Das wäre nicht gerade angenehm.

SKIP: ... was, wenn er viel besser ist als du?

Keanu Reeves: (lacht) Die Sache hat ja schon auch ihre Vorteile. Wenn ich mir eine meiner Szenen ansehe und denke "verdammt, das kommt so nicht gut, da hätte ich den Kopf in die andere Richtung drehen sollen" - drück ich nur auf einen Knopf und schwupps, schon passiert (lacht). Auch ein kreativer Prozess. Mehr Möglichkeiten, mehr Entscheidungen. Eine Evolution der Filmschauspielerei. Womit wir wieder beim Thema wären (lacht).

SKIP: Es gibt dann wohl auch viel mehr Freizeit für Schauspieler ...

Keanu Reeves: Stimmt. Marlon Brando sagte einst über seinen Mini-Auftritt in Superman: "Großartige Sache. Die zahlen mir fünf Millionen Dollar dafür, dass ich bequem zuhause rumsitzen kann!" Und jetzt geht´s uns bald allen so. Lass den digitalen Sklaven die Arbeit machen, kassiere die Kohle und mach, was du willst. Schöne Aussichten.

SKIP: Trotzdem hast du bei Matrix immer noch genug zu tun gehabt. Während der Dreharbeiten für Matrix Reloaded, die im März 2001 begannen, warst du täglich am Set - entweder, um zu drehen, oder um zu trainieren. Carrie-Anne meinte, dass du so hart zu dir selber warst, dass sie sich schon um dich Sorgen gemacht hat ...

Keanu Reeves: Das ist lieb von ihr. Carrie ist eine sehr fürsorgliche Person. Aber mir ging´s gut. Sicherlich, ich war oft verletzt, grün und blau geschlagen oder voller Blut, hatte mehrere Gehirnerschütterungen, konnte nicht schlafen vor Erschöpfung oder Schmerzen, musste in Eiswürfeln baden, wenn wieder mal was geschwollen war, ich war einsam und vermisste meine Freunde und meine Familie, und manchmal wusste ich echt nicht, wie ich den nächsten Tag rüberbringen sollte. Aber mir ging´s trotzdem gut (lacht). Matrix war für mich, wie wenn man zur See fährt: Du weißt nicht, wo du bist und wann du wieder Land unter den Füßen spürst - aber du machst weiter, weil du überleben willst.

SKIP: Gab es irgendwann den Punkt, wo du begonnen hast, selber an die Matrix-Theorie zu glauben? Suchst du zum Beispiel nach Fehlern in der Matrix deines eigenen Lebens?

Keanu Reeves: Nein, so weit war ich noch nicht ... war ich noch nicht. Ooops, hast du´s gemerkt? Ein Déjà-Vu. Déjà-Vus sind ja bekanntlich Matrix-Programmierfehler, oder? Siehst du, wir hängen ja doch alle drin (lacht).

Interview: März 2003

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.