Kampf dem Kitsch

Interview mit Ruth Mader zu Struggle

Mit dem ersten Spielfilm an die Cote d´Azur. Auch der Cannes-Erfolg von Ruth Mader beweist, dass der österreichische Film wieder einen hohen Stellenwert in der internationalen Festivallandschaft hat. Interview von Peter Krobath.

SKIP: Stört es dich, wenn Struggle hier in Cannes automatisch ins Umfeld von Michael Haneke, Ulrich Seidl und Babara Albert gestellt wird?

Ruth Mader: Nein, das stört mich nicht, das sind doch alles sehr gute Filmemacher. Ich finde nur, dass sich die Arbeiten von Haneke, Seidl und Albert doch sehr voneinander unterscheiden. Aber was diese Filme verbindet, ist, dass kein Abspielen von Genres betrieben wird, sondern dass es da schon ums Leben geht, um dieses Österreichische, dieses Unwohlsein.

SKIP: Aber gerade deshalb hat man doch das Gefühl, dass sich hier schon wieder so etwas Eigenes entwickelt, ein neues Genre, für das es nur noch keinen Namen gibt.

Ruth Mader: Richtig, es ist eher sogar eine Bewegung, würde ich sagen. Es gibt einen ganz, ganz starken Nachwuchs und eben Haneke, Seidl und Albert als die interessanten Älteren. Der deutsche Kinofilm ist derzeit künstlerisch sicher nicht so stark auf internationalen Festivals vertreten wie der österreichische. Da gibt es fast schon eine Eifersucht, quasi: Das ist die Masche der Österreicher, dass die nur noch so negative Filme machen, weil das so gut ankommt. Wie wenn wir das nur machen würden, damit sie uns im Ausland gern haben. Ich sehe das eher als Bewegung gegen den Kitsch, der bei uns herrscht.

SKIP: Kitsch in Österreich? Da brauche ich jetzt ein Beispiel ...

Ruth Mader: Angefangen von den Lipizzanern, da gibt es einfach eine ganz starke Bewahrungstradition. Alles muss so bleiben wie es ist, auch architektonisch darf nichts verändert werden. Deshalb ist ja die Kunst so radikal, im Film, aber auch in der Literatur, da muss man nur an Elfriede Jelinek oder Thomas Bernhard denken. Aber es gibt auch den Raum für das Radikale und die Aufregung darüber, das ist wieder das Gute daran.

SKIP: Genau. Ebenso heftig wie diese Filme - zu denen auch Struggle gehört - von der einen Seite angenommen werden, so heftig werden sie von der anderen auch wieder abgelehnt.

Ruth Mader: In Deutschland hat der Peymann zum Beispiel keinen Auftrag, weil den Leuten total wurscht ist, was er macht. In Österreich regen sich alle auf und dadurch hat das zumindest eine gewisse Öffentlichkeit. Die Leute denken darüber nach, sie beziehen Stellung dazu und das ist schon gut so.

SKIP: Struggle erzählt die Geschichte einer jungen Polin, die illegal in Österreich ist. Auf die körperlicher Ausbeutung folgt die sexuelle ...

Ruth Mader: Das habe ich meinen Recherchen öfters beobachtet. Aber das ist mehr eine Beziehungsausbeutung, Sexualität ist dabei nur ein Teilaspekt, wenn sich sagen wir mal relativ unterdurchschnittliche österreichische Männer tolle Frauen aus dem Osten nehmen können. Das ist keine Prostitution, aber doch wie ein Geschäft. So eine Beziehung ist rein ökonomisch: Er bietet materielle Sicherheit, sie erfüllt seine Sehnsüchte.

SKIP: Das Glück ist in deinem Film nur als Happysound vorhanden, der aus dem Radio kommt. Insofern wäre Struggle eigentlich die perfekte Werbung für Ö3.

Ruth Mader: Wenn schon, dann Radio Wien. Auf Ö3 spielen sie diese Musik doch gar nicht mehr, die sind viel moderner. Mir hat nur das Wort Hitradio so gut gefallen, weil das so ein universeller Begriff ist und weil die Musik im Film ja auch so eingesetzt wird, dass sie einen Gegenpol zum Leben bildet. Die Musik dudelt so dahin und singt vom immerwährenden Glück, the sun is shining through the pouring rain, während eigentlich das Gegenteil der Fall ist.

Interview: Mai 2003

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