Small is Beautiful

Interview mit Madonna zu Stürmische Liebe - Swept Away

Ein Star hat genug vom Sternenhimmel: Madonna will die Welt retten, sich selbst nicht mehr so wichtig nehmen und endlich auch an andere Menschen denken. Aber vorher hat sie noch einen Film mit Guy Ritchie gemacht und SKIP Hollywood-Korrespondentin Elisabeth Sereda ein Interview gegeben.

SKIP:Für seinen ersten Spielfilm mit dir hat sich Guy Ritchie seine Inspirationen aus Italien geholt. Swept Away ist das Remake von Lina Wertmüllers gleichnamiger Psycho-Komödie, die in den siebziger Jahren mit ihren gesellschaftspolitischen Seitenhieben und sadomasochistischen Anspielungen für beträchtliche Aufregung in der Kinolandschaft gesorgt hat. Davon ist heute nicht mehr viel zu spüren. Eure Version wirkt im Vergleich weit harmloser als das Original.

Madonna:: Letztlich war das die Entscheidung meines Mannes – er hat Lina Wertmüllers Drehbuch für die Gegenwart adaptiert und dabei den politischen Hintergrund des Originals vollkommen ignoriert, weil der ja doch nur das reflektierte, was sich in den 1970er Jahren in Italien abgespielt hat. Heute kann man die Kluft in der Gesellschaft nicht mehr nur auf den Konflikt Kommunismus gegen Kapitalismus reduzieren. Damals war das möglich. Guy wollte einfach von einer verrückten Liebe erzählen, die sich zwischen zwei Menschen entwickelt, die grundverschieden sind.

SKIP: Außerdem kommen sie aus völlig unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Giuseppe, der von Adriano Giannini gespielt wird, ist ein armer, kommunistischer Seemann, Amber, die von dir verkörpert wird, ist eine reiche, versnobte Society-Lady. Kann da eine Verbindung überhaupt möglich sein?

Madonna:: Was für eine Frage - natürlich lautet die Antwort Ja. Was Menschen miteinander verbindet, ist doch nicht unbedingt die Gesellschaftsschicht, aus der sie kommen, sondern der Weg, den sie wählen, die Prioritäten, die sie im Leben setzen und die Visionen, die sie für ihre Zukunft haben.

SKIP: Siehst du eine Parallele zwischen der Frau, die du in Swept Away spielst, und der Frau, die du selbst warst, bevor du Mutter wurdest?

Madonna:: Das ist eine interessante Frage. Ja, ich denke schon, dass man das vergleichen kann. Meine Kinder haben mich gezwungen, etwas aus mir herauszutreten, nicht immer nur an mich selbst zu denken. Amber durchläuft einen ähnlichen Prozess, auch wenn es im Film ein Mann ist, der sie dazu zwingt. Das nennt man dann wohl das richtige Leben.

SKIP: Denkst du, dass der Altersunterschied bei einer Beziehung eine große Rolle spielt?

Madonna:: Zumindest bei Guy und mir ist das nicht der Fall. Was zählt ist, dass man viele Gemeinsamkeiten hat. Körperliche Anziehung allein reicht sicher nicht aus. Auch welcher Partner mehr Erfolg im Berufsleben hat, spielt im Privatbereich überhaupt keine Rolle. Aber dieselben Lebens- und Wertvorstellungen sind ungeheuer wichtig.

SKIP: Was war das für ein Gefühl, für den eigenen Mann zu arbeiten? Was hast du daraus gelernt?

Madonna:: Eigentlich sehr viel. Zum Beispiel dass man Grenzen setzen muss, dass die Arbeit strikt vom Privatleben getrennt gehört. Aber unser Verhältnis war perfekt, weil wir als Regisseur und Schauspielerin exakt dieselbe Vision vom fertigen Film hatten. Es gab ein paar Vorfälle, wo ich auf ihn – als mein Ehemann – extrem sauer war. Aber das musste ich daheim lassen, am Set konnte ich diese Stimmung nicht gebrauchen. Ich gehöre zu den Menschen, die Probleme immer sofort lösen wollen, aber wenn dein Mann auch dein Regisseur ist, musst du als Frau eben akzeptiert, dass ein Filmset nicht der richtige Ort ist, um über die stinkigen Socken zu streiten, die er heute morgen schon wieder im Schlafzimmer liegen gelassen hat.

SKIP: Mir ist aufgefallen, dass du im Film extrem muskulös wirkst.

Madonna:: Soll das jetzt die höfliche Version des Vorwurfs sein, dass ich übertrainiert bin? Mag ja sein, dass du recht hast. Aber mir macht das Fitnesscenter eben Spaß.

SKIP: Neben Swept Away hast du auch einen Gastauftritt im neuen Bond-Film absolviert. Und den Titelsong "Die Another Day" hast du auch geschrieben. Wie kam es dazu?

Madonna:: Die Leute von MGM wollten schon ewig, dass ich einen Bond-Song schreibe, aber mir ist das immer wie ein Klischee vorgekommen. Jetzt muss die auch noch ihr Bond-Liedchen haben - so in der Art. Außerdem dachte ich, dass die Musik, die mir gefällt, sowieso nicht zu 007 passt. Aber die haben einfach keine Ruhe gegeben, und als sie mir schließlich sogar das Drehbuch schickten, dachte ich, ein Versuch kann ja nicht schaden, und falls mir das Ergebnis nicht gefällt, kann ich das Demoband immer noch einstampfen. Ich begann, an einem Song über die Zerstörung des eigenen Egos zu arbeiten, weil ich fand, dass das gut zum Titel "Die Another Day" passt. Und dann hat mich Bond-Regisseur Lee Tamahori auch noch zu einem Gastauftritt überredet. Ich ließ mich lange bitten, aber schlußendlich hatte ich doch viel Spaß dabei, weil ich bei Bond eine Fechtlehrerin spiele. Und fechten wollte ich schon immer lernen. So musste ich die Stunden nicht mal selbst bezahlen.

SKIP: Du lebst seit 4 Jahren in London. Hast du dich schon an die Hartnäckigkeit der britischen Klatschreporter gewöhnt?

Madonna:: Ja, ich lese einfach keine Zeitungen mehr, das ist die einzige Art wie du in England überleben kannst. Das Schlimmste an London sind die Monate Jänner bis März, da gibt es keinen Sonnenschein. Sonst mag ich die Stadt sehr. Anfangs fühlte ich mich etwas eingeengt, aber dann habe ich gelernt, auf der falschen Strassenseite und mit Gangschaltung Auto zu fahren. Seitdem kann ich mit meinem Mini Cooper kreuz und quer durch London rasen, irgendwie ist das sehr befreiend.

SKIP: Stimmt es, dass du so deine Probleme mit der Arbeitsmoral britischer Handwerker hattest?

Madonna:: Das ist richtig. Als Amerikanerin verstand ich einfach nicht, dass Handwerker Freitag mittag nach Hause gehen und bis Montag früh nicht wiederkommen. Ich versuchte sie mit Geld zu bestechen, aber das wirkte nicht – was ich im Grunde sehr löblich finde! Ich konnte eben nicht erwarten, dass mein Haus endlich fertig wird. Aber jetzt ist es fertig und wunderschön.

SKIP: Was erhoffst du dir von der Zukunft?

Madonna:: Weil mir jede Form von Gewalt zuwider ist, hoffe ich inständig, dass die USA keinen Krieg mit dem Irak beginnen. Leider werden die Menschen immer apathischer, was die weltpolitische Lage betrifft. Erst wenn die Katastrophe vor der eigenen Haustür stattfindet, wachen sie auf. Deshalb hat uns doch der 11. September so schockiert. Dabei muss ich ehrlich sagen: Terror gab es schon vorher, das ist keine Erfindung des 11. September.

SKIP: Was kannst du persönlich zur Änderung der Lage beitragen?

Madonna:: Auch wenn ich glaube, dass ich durch meine Arbeit ohnehin Millionen von Menschen zum Guten inspiriere, so werde ich in Zukunft doch noch viel aktiver um den Weltfrieden kämpfen. Oh Gott, jetzt klinge ich wie eine Kandidatin zur Miss America.

SKIP: Aber was willst du konkret erreichen?

Madonna:: Nur ein Beispiel: Atommüll. All der Dreck ist in Milliarden Jahren noch nicht verschwunden, was auch schon egal ist, weil wenn wir so weitermachen, haben wir in 50 Jahren ohnehin keinen Planeten mehr. Ich kann dann noch so tolle Songs schreiben, noch so großartige Filme machen, zur Mode-Ikone werden und die Welt erobern – aber wenn es keine Welt mehr gibt, wozu dann das alles? Bis vor einem Jahr war ich damit beschäftigt, meine Familie aufzubauen, freundlicher, geduldiger und netter auf meine Umgebung zu reagieren. Aber über den Mann, der auf der anderen Strassenseite wohnt, oder über jemanden, der am anderen Ende der Erde lebt, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Mittlerweile glaube ich, dass es meine Verantwortung als berühmte Person ist, auch über alle anderen Menschen nachzudenken. Die Leute sehen zu mir auf ob ich das will oder nicht. Wenn ich mich für eine so überlebenswichtige Frage wie den Stopp des Atommülls stark mache, hört man mir zu. Die Menschen sollten sich mehr um ihre spirituelle Erleuchtung kümmern und nicht darum, ob der andere weiß, schwarz, reich, arm, katholisch, jüdisch oder moslemisch ist. Auch das ist eine Frage der Zerstörung des eigenen Egos.

SKIP: Wie zerstört man sein Ego, wenn man ausgerechnet Madonna heißt?

Madonna:: Das ist sehr schwer wenn man Madonna heißt! Aber mittlerweile habe ich begriffen, das alles was ich bisher mit meinem Leben angefangen habe, auf reinem Egoismus aufgebaut war. Warum wollte ich unbedingt ein Star werden? Doch nur um mein Ego zu befriedigen. Das war meine einzige Motivation. Also bin ich nun damit beschäftigt, mein Ego langsam Stück für Stück zu zerstören ... und ich fordere alle Menschen auf, es mir gleich zu tun!

SKIP: Dein Ego ist ja nicht gerade das kleinste. Wieviel davon hast du denn schon zerstört?

Madonna:: Ich würde zum Beispiel wahnsinnig gern den Punkt erreichen, wo es mir völlig gleichgültig ist, wie ich aussehe und was andere über mich sagen. Ob ich diesen Punkt schon erreicht habe? Nein, aber ich bin auf dem besten Weg!!!

Interview: November 2002

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