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Interview mit Gus Van Sant zu Elephant

Warum sich Gus van Sant von der Tragödie in Columbine zu einem Film inspirieren ließ, der so klug wie ein Gedicht und so poetisch wie Popsong ist. Peter Krobath sprach mit dem Preisträger von Cannes über Amok und Alltag amerikanischer Teenager.

SKIP: Elephant erzählt von einem ganz normalen Highschool-Tag, der in einer Katastrophe, im Amoklauf zweier Schüler, endet. Das Ungewöhnliche daran ist, wie Sie mit den Kids gearbeitet haben.

Gus Van Sant: Wir haben Schüler zwischen 14 und 18 Jahren gebeten, ihre eigenen Erfahrungen in den Film miteinzubringen. Dadurch wurde die Auswahl der Schauspieler zum wichtigsten Schritt des Drehbuchs. Das fertige Skript war kaum 20 Seiten dick, weil ich vermeiden wollte, dass sie nur die Sätze nachplappern, die ich ihnen vorschreibe.

SKIP: Welche Fragen haben Sie ihnen gestellt?

Gus Van Sant: Fühlt ihr euch sicher an eurer Schule? Wie sieht euer Leben aus? Was passiert den ganzen Tag? Diese Kids denken sehr bewusst über die Schul-Schießereien nach - immerhin sind es ja sie, die in der Schule sind. Ich finde schon, dass man da eine Form von unbestimmter Angst, von Beklommenheit spüren kann. Und diese Kids sind smart. Gerade deshalb tun sich manche von ihnen so schwer in der Schule, es ist die Hölle. Das ist wirklich das Wort, das sie verwenden, wenn sie die Schule beschreiben sollen - Hölle. Andere wiederum finden die Schule super. Im Grunde ist das alles noch immer genau so wie damals als ich zur High School gegangen bin.

SKIP: Der Vergleich zu Michael Moores Bowling for Columbine drängt sich auf ...

Gus Van Sant: Natürlich. Beide Filme beruhen auf Highschool-Massakern, die tatsächlich stattgefunden haben. Aber als ich an meinem Film arbeitete, lief Bowling for Columbine bereits in den Kinos. Also von Inspiration kann man da sicher nicht sprechen. Michael Moore sucht nach Antworten. Warum ist das alles passiert? Bei mir werden sie keine Antworten finden. Ich beschreibe eine Situation, die meiner Meinung nach viel zu komplex ist, als dass man sie einfach auf zu viele Waffen zurückführen könnte.

SKIP: Ihr Film versucht realistisch zu sein, aber gleichzeitig kommt man den Charakteren nicht nah genug, um zum Beispiel Mitleid mit ihnen zu haben, wenn sie am Ende sterben.

Gus Van Sant: Ich hoffe schon, dass man den Charakteren nahekommt. Aber so eine emotionale Frontalbelastung wie etwa in Vom Winde verweht wollte ich mit Elephant natürlich nicht provozieren. Mein Film funktioniert wie ein Popsong. Ich verwende Informationen aus der Realität und setze sie neu zusammen.

SKIP: Kann man sagen, dass Gus van Sant mit Projekten wie zuletzt Gerry und jetzt eben Elephant wieder zu seinen Wurzeln gefunden hat, dass Sie dem Studiosystem den Rücken zukehren und wieder persönlichere Projekte bevorzugen?

Gus Van Sant: Wahrscheinlich. So gesehen lässt sich Elephant am besten mit My Own Private Idaho vergleichen. Nur diese beiden Filme habe ich komplett eigenständig entwickelt, alle anderen beruhen auf Romanen oder Drehbüchern, die es schon vorher gab.

SKIP: Als Sie vor fünf Jahren an ein Remake von Hitchcocks Psycho wagten, fragten sich nicht wenige Filmkritiker, warum jemand einen Film macht, den ohnehin schon jeder kennt. Hatten Sie in Elephant nicht dasselbe Problem? Nach dem Amoklauf in Columbine hat jeder TV-Sender dieser Welt dieselben tragischen Bilder gezeigt - in anderen Worten: Die Geschichte kennt man schon. Was wollten Sie da Neues erzählen?

Gus Van Sant: Es stimmt schon, jeder hat das Original-Material von Columbine gesehen, jeder hat darüber gelesen, jeder kennt einen der vielen Zeitungsartikel, Fernsehbeiträge oder Dokumentarfilme, die seitdem entstanden sind. Aber das stört mich nicht. Ich finde, dass dieser Informationsvorsprung gut ist. Er hilft dem Film, weil ich nicht jede Einzelheit erklären muss. Ich konnte mich so mehr auf das Entwickeln einer allgemeinen Stimmungslage als auf das Aufbereiten einzelner Fakten konzentrieren.

SKIP: Warum kommen in Elephant kaum Eltern vor?

Gus Van Sant: Weil ich selbst einmal jung war und noch sehr gut weiß, dass man als Teenager in einer Welt lebt, in der Eltern kaum Platz haben. Klar sind sie da, Autoritätsfiguren irgendwo im Hintergrund, aber vordergründig geht es um ganz andere Dinge.

SKIP: Glauben Sie persönlich, dass - wie manche behaupten - der Konsum von Horrorvideos oder brutalen Computerspielen zu diesen Gewaltausbrüchen führen kann?

Gus Van Sant: Ich glaube nicht, dass Computerspiele die Kids zu Gewaltausbrüchen provozieren. Aber sie fördern sicherlich die Isolation. Nachdem mir jemand Tomb Raider in die Hand gedrückt hat, war ich ein ganzes Wochenende lang nicht ansprechbar.

Interview: Mai 2003

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