Zellengenossin

Interview mit Barbara Albert zu Böse Zellen

Kaum jemand hat das österreichische Kino so belebt wie Barbara Albert. 4 Jahre nach Nordrand verabreicht sie der Szene abermals eine Frischzellenkur. In Böse Zellen geht es um Liebe, Leiden und die Angst vor dem bitteren Ende. Catherine Holzer traf die Regisseurin zum Gespräch.

SKIP:Der Titel macht neugierig. Was versteckt sich hinter "Böse Zellen" - ein Thriller? Wird hier jemand umgebracht? Du sparst weder mit gruseligen noch mit schockierenden Elementen ...

Barbara Albert: "Böse Zellen" ist ein Filmzitat. Gerlinde (dargestellt von Marion Mitterhammmer, Anm. d. Red.) greift diese bösen Zellen auf: die Bösen Zellen sind in ihrem Kopf. Sie hat so eine Art Borderline-Syndrom, psychische Probleme und hat den Verfolgungswahn, dass sie vergiftet ist.

SKIP: Assoziativ verbindet man mit dem Schlagwort "böse Zellen" entweder eine finale Krankheit oder etwas moralisch Abwertendes ...

Barbara Albert: Von einer Wertung möchte ich Abstand nehmen. Ich versuche in meinen Filmen nicht zu werten oder über meine Figuren zu urteilen. In diesem Film geht es um die Struktur, um unterschiedliche Menschenleben, um "Zellen". Es war schwierig, einen Titel zu finden, der für den Film steht, weil der Film aus so vielen Geschichten besteht.

SKIP: Ein kleines Mädchen hat in Böse Zellen ein schweres Schicksal zu ertragen: den Verlust eines geliebten Familienmitglieds, Einsamkeit und eine mysteriöse Krankheit. Ist das Leben wirklich so bitter?

Barbara Albert: Wenn ich als Filmemacherin Yvonne, das kleine Mädchen, zeige, empfinde ich es nicht als bitter. Die Hilflosigkeit eines Kindes, das die Geschehnisse um sich herum zwar sehen, aber nicht verstehen kann, ist etwas, was ich selbst als Kind erlebt habe. Im Gegenteil: ich empfinde es als etwas Versöhnliches, das fragende Gesicht dieses Kindes zu zeigen. Das Leben und der Film werfen Fragen auf, und wir alle suchen nach logischen Erklärungen für die Dinge, die um uns geschehen und die wir nicht beeinflussen können. Ganz am Schluß kann man immer nur sagen: "wir leben und wir sterben", was auch für mich sehr grausam ist. Es gibt keine Erklärung.

SKIP: Manche deiner Figuren in Böse Zellen finden aus dem Labyrinth ihrer Verwirrungen einen Ausweg, manche nicht. Warum?

Barbara Albert: So ist es auch im wirklichen Leben. Nicht alle Probleme können auf eine emotional befriedigende Weise gelöst werden. Wenn ich alle Figuren von ihren Problemen erlösen würde, wäre das unrealistisch.

SKIP: Eine der Hauptfiguren stirbt am Anfang des Films. Ein gewagter Einstieg ...

Barbara Albert: Ich hatte schon als Kind davor Angst gehabt, zu sterben. Jeden Tag. Ich wollte gar nicht in die Schule gehen, weil ich dachte, ich sterbe am Weg in die Schule. Für mich ist Böse Zellen "mein Todesangst"-Film. Ein Film über die Angst vorm Sterben. Deswegen ist er auch so dunkel geworden.

Interview: September 2003

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