Trierversuche

Interview mit Lars von Trier zu Dogville

Mit Dogville stellt Lars von Trier die Regeln Hollywoods auf den Kopf, erzeugt mit ein paar Kreidestrichen mehr Spannung als mit 100 Special-Effects und hängt Nicole Kidman an die Kette. Kurt Zechner traf den Kino-Exzentriker in Cannes.

SKIP: Glauben Sie, dass ein Star wie Nicole Kidman in der Hauptrolle einem breiteren Publikum ein wenig die "Schwellenangst" vor Dogville nimmt?

Lars von Trier: Hmm, ich weiß nicht. Ihr typisches Publikum wird sich Dogville wohl nicht ansehen. Und mein typisches Publikum ... (grinst). Es ist so ein krasses Crossover, dass man das für uns beide wohl nicht voraussagen kann. Aber Nicole wollte den Film unbedingt machen - und diese Motivation war auch notwendig, weil sie ja kaum Geld dafür gekriegt hat.

SKIP: Ihr sehr spezielles Verhältnis zu Ihren Darstellern ist legendär: Einerseits berichten Schauspieler von unglaublichen Demütigungen am Set, andererseits sind sie einer der meistgenannten "Wunschregisseure". Wie erklären Sie selber diese Diskrepanz?

Lars von Trier: Vielleicht gibt es mehr Masochisten, als man glaubt (lacht). Ich glaube, dass ich als Regisseur eigentlich sehr nett zu den Darstellern bin. Ich will nur möglichst viel aus ihnen rausholen, und das ist immer ein bisschen wie Therapie und kann sehr hart sein. Aber es ist gut für die "Patienten" - manche mögen das, manche nicht. Björk z. B. war darüber nicht sehr glücklich. Andererseits würde Björk wahrscheinlich von jedem, der mit ihr gearbeitet hat, behaupten, er hätte sie gequält - so wie sie das nach Dancer in the Dark von mir gesagt hat.

SKIP: Haben Sie noch Kontakt mit Björk?

Lars von Trier: Nein, aber ich hätte gern wieder welchen. Aber diese Entscheidung liegt bei ihr.

SKIP: Dogville ist formal sehr ungewöhnlich und kommt fast ohne Kulissen und Requisiten aus. Die einzelnen Settings sind mit Kreide auf dem Boden skizziert. Von oben erinnert das ganze an ein Monopoly-Brett ...

Lars von Trier: Korrekt, das tut es. Es ist auch von einigen Computergames inspiriert, die ich zur Zeit spiele, und von typischen kleinen Dörfchen in Bilderbüchern für Kinder, da sieht man auch immer, wie alle in ihren Häusern leben. Diese Darstellungsform ist viel mehr als nur ein originelles Gimmick, sondern der Ansatz für eine ganz neue Betrachtungsweise des Geschehens. Es ist wie eine stille Übereinkunft zwischen mir und dem Publikum: Ich zeige euch etwas, was den Figuren in diesem Spiel nicht bewusst ist.

SKIP: Warum glauben Sie, dass Ihre hier vorgeführte Form von quasi gefilmtem Theater spannender ist als richtiges?

Lars von Trier: Ich sehe Dogville als Fusion aus Literatur, Theater und Film. Die größten Unterschiede zum Theater sind die Möglichkeiten des Close-ups und die des Schnittes. Damit kann man ein wesentlich naturalistisches, und damit spannenderes Bild zeichnen.

SKIP: Warum haben Sie sich in Dogville für die etwas angestaubte Form mit einem Erzähler entschieden?

Lars von Trier: Schon in der Filmschule habe ich viel mit dem Element des Erzählers gearbeitet, obwohl das dort quasi verboten war. Einen Erzähler einzubauen war dort so ziemlich der schlechteste Geschmack, den man beweisen konnte. Und noch schlimmer: Inserts, die z. B. sagen: "Wien, 1933". Auf der Filmschule lehrten sie die Studenten, dass man stattdessen lieber eine Stunde Film vertrödeln sollte, um auf möglichst komplizierte Weise genau das gleiche zu erzählen.

SKIP: Ein kleiner Junge nötigt Nicole Kidman im Film dazu, von ihr übers Knie gelegt und verhaut zu werden. Nachdem in Ihren Filmen immer ein oder mehrere Charaktere stark autobiografisch sind - sind Sie in Dogville der kleine Junge?

Lars von Trier: Erwischt! Sie haben mich ertappt (kichert). Aber damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin nicht der, der immer verhaut werden will. Manchmal will ich auch selber verhauen. Aber das ist ja der ganze Deal bei dieser SM-Sache: Man weiss eigentlich nie, wer der Sklave ist und wer der Meister. Von Nicole allerdings würde sich wohl jeder gerne mal den Hintern versohlen lassen. Meine männlichen Darsteller sind dafür Schlange gestanden. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob´s denen nur um den Schmerz ging (lacht).

SKIP: Alle Charaktere in Dogville scheinen zu Beginn wirklich gute, nette Menschen zu sein - bis sich ihre tiefen Abgründe offenbaren. Sehen Sie die Menschen generell so negativ?

Lars von Trier: Ich glaube nicht, dass es gute und böse Menschen gibt. Ich glaube, dass bestimmte Situationen jeden von uns in eine Bestie verwandeln können. Und die Aufgabe einer funktionierenden Gesellschaft ist es, für alle eine Lebenssituation zu schaffen, die solche Situationen nicht entstehen lässt. Wir alle müssen daran arbeiten – indem wir zum Beispiel darauf verzichten, Rache zu üben. Rache führt zu nichts. Der einzige Grund, warum die Menschheit bis heute überlebt hat, ist die Kunst des Verzeihens.

SKIP: Die amerikanische Kritik hat sich stark darauf eingeschossen, dass gerade Sie, der noch nie amerikanischen Boden betreten hat, so eine schlimme Geschichte wie die von Dogville in einem US-Dorf ansiedelt ...

Lars von Trier: Mein Gott, ich habe schon so viele schlimme Geschichten in Europa passieren lassen, und jeder hat´s verkraftet. Schotten, Deutsche, Briten, Schweden - fast jeden hat´s bei mir schon mal erwischt (lacht). Also werden die Amis das wohl auch überleben. Patriotische Überreaktionen gibt es ja derzeit von allen Seiten. Das müssen wir endlich überwinden, weil Patriotismus bringt die Welt nirgendwohin. Dogville ist sicherlich kein Porträt der US-Gesellschaft. Ich habe lediglich Amerika als Setting für eine Geschichte verwendet. Aber falls ich von den USA jetzt wie in der McCarthy-Ära vor ein Tribunal gestellt werden sollte: Ich gebe zu, dass ich als Jugendlicher Mitglied der kommunistischen Partei war (lacht). Schon als 12-jähriger habe ich in Kopenhagen gegen die Weltbank demonstriert.

Interview: Mai 2003

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