Im Clan von Clint

Interview mit Tim Robbins zu Mystic River

Tim Robbins wurde beim Oscar als Regisseur (Dead Man Walking) und in Cannes als Schauspieler (The Player) geehrt. Zuletzt hat ihn Clint Eastwood persönlich für eine Hauptrolle in seinem Thriller Mystic River ausgewählt. Hollywood-Insider wissen: Eine größere Auszeichnung gibt es nicht.

SKIP:Ihre Figur in Mystic River ist ein Mann, der sein Leben lang daran leidet, dass er als Kind sexuell missbraucht worden ist. Ich nehme an, dass Sie sich mit dieser Thematik ausführlich beschäftigt haben. Wie kann man Ihrer Meinung nach solchen Menschen helfen?

Tim Robbins: Auf jeden Fall denke ich, dass Dave im Film ein ziemlich gutes Beispiel dafür ist, wie man es nicht machen sollte. Was ihm passiert ist, wurde zum absoluten Tabuthema. Niemand hat mit ihm darüber gesprochen, seine Eltern wollten die Sache einfach totschweigen, es gab keinerlei psychologische Beratung. Der andere große Fehler seiner Eltern war, dass sie damals nicht einfach in einer anderes Viertel gezogen sind, möglicherweise sogar in eine andere Stadt, wo niemand Daves Geschichte kennt. Stattdessen sind sie geblieben und das Stigma des sexuell missbrauchten Kindes blieb auch. Dave wuchs unter Menschen auf, die alle wegschauten oder schwiegen - nur so kann man erklären, warum ihm diese schreckliche Sache noch als Erwachsener so sehr belastete. Im Grund ist so ein Mensch wie ein Druckkochtopf, den keiner vom Herd nimmt. Er brodelt lange vor sich hin, aber irgendwann wird der Druck zu hoch - alles nur eine Frage der Zeit.

SKIP: Sie wandern derart verschlossen durch die Geschichte, dass man Sie fast nicht erkennt, zumindest sieht man nicht den Tim Robbins, den man aus anderen Filmen kennt. Woher haben Sie dieses neue Gesicht genommen?

Tim Robbins: Dieses neue Gesicht? Das gab es ihm Supermarkt ganz billig. Nein, nein, das haben Sie schon ganz richtig beobachtet. Natürlich musste ich versuchen, all den Ballast darzustellen, der auf diesem Menschen lastet. Und das geht eben am besten über sein Gesicht, aber auch über die Art, wie er sich bewegt, wie er sich durch sein Leben schleppt. Dave ist ein seelischer Krüppel, das muss man sehen, um es zu verstehen.

SKIP: Es muss doch schwierig für einen Schauspieler sein, wenn er 40 Drehtage lang in der Haut eines derart armen Menschen steckt ...

Tim Robbins: Das war diesmal in der Tat nicht sehr einfach. Ich meine, abgesehen davon, dass es natürlich wunderbar ist, wenn man mit einem Traumteam wie Sean Penn, Kevin Bacon, Laurence Fishburne, Marcia Gay Harden und Laura Linney arbeiten darf. Aber ja, da war schon ein Druck im Bauch, der auch nach Drehschluß nicht wegging. Natürlich ist letztendlich jeder Job nur Job, aber diesmal war ich trotzdem froh, dass Clint Eastwood kein Regisseur ist, der zwanzig Wiederholungen braucht, um eine Szene in den Kasten zu bringen.

SKIP: Abgesehen davon, dass Clint Eastwood sehr effizient arbeitet, was zeichnet ihn sonst noch als Regisseur aus?

Tim Robbins: Clint Eastwood hat die seltene Gabe, sich immer genau die Mitarbeiter auszusuchen, die perfekt für ihren Job sind. Dadurch entsteht auf seinen Sets eine extrem professionelle Atmosphäre. Als Schauspieler wirst du nicht nur respektiert, da ist mehr, wie wenn du Teil einer Familie würdest, die dich mit offenen Armen aufnimmt. Das klingt normal, kommt aber im Filmbiz nur äußerst selten vor. Clint hat Crewmitglieder, die schon seit 30, 40 Jahren bei ihm sind. Da wird sechs, sieben Stunden lang gearbeitet und danach gehen alle zusammen einen heben. Sehr, sehr angenehm.

SKIP: Irgendwie wirken Sie auch ein wenig kräftiger in diesem Film ...

Tim Robbins: Was Sie nicht alles sehen. Aber auch das stimmt. Wie gesagt, Clints Drehtage sind sehr kurz, er arbeitet abends nicht gerne. So konnten wir Schauspieler entweder im Hotelzimmer versauern oder uns stundenlang im Fitnesscenter austoben. Wir entschieden uns für Muskeltraining und Basketball. Dadurch waren wir körperlich in richtig guter Form. Mag schon sein, dass man das als Zuschauer auch sieht, oder sagen wir mal zumindest spürt.

SKIP: Sean Penn hat aufgrund seiner Äußerungen gegen Amerikas Irak-Politik zuletzt sogar einen schon fix zugesagten Part in einem Film verloren. Sie gelten auch als sehr liberal denkender Künstler. Hat man Sie deshalb auch schon aus einen Film gekippt?

Tim Robbins: Es ist immer schwierig, nachträglich zu sagen, warum man einen Part dann doch nicht gekriegt hat. In Hollywood gibt es tausend Gründe, warum sie dich aus einem Film wieder rausschmeißen ... und die Wahrheit sagt dir sowieso keiner. Plötzlich gefällt einem Geldgeber eine Haarfarbe nicht mehr, plötzlich glaubt irgendwer, dass die Chemie zwischen dir und deiner Partnerin nicht stimmt, schon bist du weg. Es ist sehr gefährlich, einen Rausschmiß allein auf politische Beweggründe zu reduzieren. Da gerät man sehr schnell ins Feld von Verschwörungstheorien, beginnt von Schwarzen Listen zu träumen, und hey, so wichtig sind wir Schauspieler nun auch wieder nicht, dass uns Washington derart in die Mangel nehmen müsste. Obwohl ich im Falle von Sean Penn sagen muss: Ja, bei ihm ist es tatsächlich so passiert. Er hat die Aussagen des betreffenden Produzenten auf Band. Das war natürlich ziemlich dumm von dem Kerl.

SKIP: Gehen wir einen Schritt weg von Hollywood: Was machen eigentlich ihre Musik-Ambitionen?

Tim Robbins: Ich nenne das lieber meine Rock´n´Roll-Phantasien. Die lebe ich derzeit mit meinen Söhnen aus. Der eine spielt Klavier, Saxofon und Schlagzeug. Er ist erst elf, aber er hat schon seine eigene Band. Sein zwei Jahre älterer Bruder spielt Gitarre. Manchmal darf ich bei ihnen auch mitmachen. Aber nur manchmal.

SKIP: Sie haben einmal gesagt, dass Sie eigentlich viel lieber Rock´n´Roll-Star geworden wären ...

Tim Robbins: Mag schon sein. Aber das Leben als Schauspieler ist auch nicht schlecht. Kann mich nicht beklagen. Wirklich anstrengend ist die Filmindustrie nur für Regisseure. Deshalb tue ich mir das nur so selten an.

SKIP: Unser Gespräch findet im Illustren Hotel Du Cap statt, wo Sie auch wohnen. Das bedeutet Luxus pur. Wie gefällt Ihnen das?

Tim Robbins: Das ist natürlich eine raffiniert getarnte Fangfrage. Eigentlich wollen sie wissen, ob ich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich als linker Hollywood-Revoluzzer im teuersten Hotel der Cote d´Azur absteige? Ganz ehrlich: Wenn ich die Suite selbst bezahlen müsste, schon. Aber solange Warner die Rechnung übernimmt, halten sich meine Skrupel in Grenzen. Außerdem teile ich mir den Spaß mit meiner Stiefochter Eva. Sie ist 18 und findet Cannes ganz toll.

Interview: Mai 2003

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