Keine Schonfrist für Ärmelschoner

Interview mit Alfred DorferRoland Düringer zu MA 2412 - die Staatsdiener

Während die klassischen Arbeitsverweigerer Weber und Breitfuß auf der Leinwand den Weg des geringsten Widerstands gehen, tüftelten ihre Schöpfer Alfred Dorfer und Roland Düringer an der Philosophie hinter der Manie zum Faulsein auf Staatskosten. Catherine Holzer lauschte den Ausführungen der genialen Müßiggänger.

SKIP: Wie ist die MA 2412 eigentlich entstanden?

Alfred Dorfer: Oft werden offizielle Institutionen auf Grund von privaten Neigungen gegründet. Viele - sagen wir mal - "hormonelle Gründe" wachsen ins Politische hinein und zeigen Wirkung. In Wahrheit war es so, dass der Herr Senatsrat beschließt, eine abstruse und unnötige Abteilung zu gründen, um sein Privatleben leben zu können...

SKIP: Obersenatsrat, oder nicht?

Roland Düringer: Nein. Mittlerweile Obersenatsrat, aber eben damals in den frühen 80er Jahren noch Senatsrat. Der Herr Senatsrat hat also ein Pantscherl mit einer gewissen Frau Knackal gehabt. Diese war eigentlich Wurstverkäuferin im Supermarkt, in dem der Herr Senatsrat immer einkaufen gegangen ist. Er hat sie gefragt, ob sie nicht lieber in einem Amt arbeiten würde, und hat ihr sofort einen Arbeitsplatz im Verkehrsamt verschafft. Irgendwann war es ihm aber zu heiß, dass seine Liebschaft im selben Amt tätig ist. Kollegen haben ihm geraten, sie dorthin zu versetzen, wo es nicht so auffällt. Und da kam ihm die Idee, ein neues Amt zu gründen. Vollkommen sinnlos, nur damit er seine Liebschaft dorthin setzen kann. Dafür hat er zwei Trotteln gebraucht, die Frau Knackal in dieses Amt begleiten. Gefunden hat er Weber und Breitfuß.

SKIP: Dann haben Weber und Ingenieur Breifuß einander also beim Aktenschlichten kennen gelernt?

Alfred Dorfer: Eigentlich bei der Aktennummerierung. Sie suchten einen Job, der ihren geistigen Fähigkeiten entspricht. Letztlich werden sie dann - wobei es eigentlich wurscht ist - zu den beiden gleichberechtigten Vorsitzenden dieses neuen Amts.

SKIP: Frau Knackal hat, wie man leicht erkennen kann, nicht gerade die allerbeste Meinung von ihren zwei Amtskollegen ...

Alfred Dorfer: Frau Knackal hält die beideb - in einem erstaunlichen Anfall von Durchblick - für das was sie sind, nämlich: zwei Idioten. Also, zwei Arbeitsverweigerer. Im Prinzip ist es aber so wie an jedem anderen Arbeitsplatz: man versucht mit den anderen auszukommen. Man verbringt ziemlich viel Zeit miteinander und man muss sich arrangieren. Das ist auch ein Thema, was die Popularität dieser Geschichte ausmacht. Schließlich geht es hier nicht primär oder ausschließlich um Beamtentum, sondern um die Situation: man kann den anderen nicht leiden, muss aber mit ihm auskommen, weil man beruflich dazu verpflichtet ist.

SKIP: Was erfährt man aus dem Privatleben von Ingenieur Breitfuß?

Alfred Dorfer: Naja. Wir haben darauf geachtet, dass man seine Frau nicht sieht. Die Frau Breitfuß wird man nie sehen.

SKIP: Wie bei Columbo?

Roland Düringer: Nicht ganz. Zumindest hört man Frau Breitfuß am Heiligen Abend aus der Küche mit Herrn Breitfuß schimpfen. Dort ist auch der Weihnachtsmann anwesend. Dann sehen wir den Herrn Breitfuß in der Kindheit, wo der Vater schon im selben Amt tätig war und er schon als Bua dabei gesessen ist, wie der Vater im Amt gearbeitet hat und er total stolz darauf war in die Fußstapfen seines Vaters treten zu dürfen. Ingenieur Breitfuß ist einfach mit Leib und Seele Beamter, weil es das Einzige ist, was er kennt.

SKIP: Das heißt also, dass im Fall von Ingenieur Breitfuß die Beamtenseele sogar erblich ist?

Roland Düringer: Eigentlich ja. Breitfuß kennt eben nicht anderes und glaubt daher, dass der Beamtenjob ein Traumjob ist.

SKIP: Glaubst du, dass Ingenieur Breitfuß glücklich ist?

Roland Düringer: Viele seltsame Menschen hält man für Trottel. Dabei sind sie glücklicher, weil sie nichts hinterfragen. Breitfuß nimmt alles so wie es ist, es ist ihm wurscht. Wenn man einmal abgestumpft ist, befindet man sich in einem kleinen Käfig oder Glashaus, indem man sich eigentlich sehr wohl fühlt. Das Lustige an dieser Figur ist für mich, dass Breitfuß, auch wenn er den größten Blödsinn verzapft, davon vollkommen überzeugt ist, recht zu haben. Breitfuß macht die größten Blödheiten und probiert, dabei souverän zu bleiben.

SKIP: Wieviel erfahren wir über das Privatleben der anderen Figuren?

Alfred Dorfer: Wir lernen die Familienverhältnisse von Weber an Hand der Spiegelung von Weihnachten kennen. Von Frau Knackal sehen wir relativ wenig, weil der private Teil der Frau Knackal natürlich der Herr Obersenatsrat ist. Aber wir sehen, wie der Obersenatsrat Frau Knackal kennengelernt hat.

SKIP: Der Herr Obersenatsrat ist eigentlich verheiratet, so wie Weber und Breitfuß auch ...

Alfred Dorfer: Er ist nicht EIGENTLICH verheiratet, er ist WIRKLICH verheiratet.

SKIP: Frau Knackal verliebt sich nicht in Herrn Weber?

Alfred Dorfer: Nein, das wäre doch vollkommen abstrus. Natürlich gibt es aber einen kleine Aufregung als Frau Knackal ins Amt kommt. Das liegt daran, wie Frau Knackal auftritt und wie sie sich kleidet. Wann immer eine Frau sich so benimmt und in einen reinen Männerhaufen kommt, ist dort Aufregung. Das ist ganz ein normaler Prozeß.

SKIP: Die Geschichte des Films wird auf verschiedenen zeitlichen Ebenen gespielt und hat dokumentarische Elemente, Rückblenden und sogar eine Zeichentrick-Sequenz. Welches zentrale Thema behandelt ihr?

Alfred Dorfer: Wir beschäftigen uns mit der Geschichte des Beamtentums an sich. Es gibt "Zeitreise-Elemente", die in verschiedene Epochen zurückblicken, in die Zeit von Maria-Theresia zum Beispiel. Wobei es nicht ausschließlich um die Geschichte des Beamtentums geht, sondern um die Geschichte der "Beamtenseele". Sogar zur Zeit der Völkerwanderung - die Szene ist auf indo-germanisch gesprochen - gab es schon die österreichische Beamtenseele und auch in unserer Zeichentrick-Sequenz erzählen wird die Geschichte der Beamtenseele an Hand der Arche Noah ...

SKIP: Das geht ja schon fast ins Biblische. Sollte man da nicht aus MA 2412 - die Staatsdiener eine Saga wie bei Der Krieg der Sterne machen, wenn die Umfänge jetzt schon gigantische Ausmaße annehmen?

Alfred Dorfer: Ja, das ist richtig. Der Film ist ziemlich umfassend. Mal sehen, wie das ankommt.

SKIP: Bei den Dreharbeiten zu den Szenen, die in der gegenwart spielen, konnte ich sehen, dass Breitfuß in MA 2412 - die Staatsdiener genauso schiach ist, wie in der Serie, Weber trägt eine entsetzliche Frisur und einen Schnurrbart. Wie sind die Kostüme in der Urzeit?

Alfred Dorfer: Proportional.

SKIP: Auch mit Wampe? Wie sieht man in der Urzeit sexy aus?

Alfred Dorfer: Wir spielen Beamte, die quasi die Volkszählung durchführen müssen.

SKIP: In der Zukunft soll die MA 2412 als Spezialeinheit die EU retten?

Roland Düringer: Ja, das ist so ein krönender Abschluß. Wir haben überlegt, was sich jeder von der Zukunft erwartet und für Breitfuß wär es das Größte eine internationale Karriere als höherer Beamter in der EU anzustreben. Allerdings wäre es ganz furchtbar und fatal, wenn das MA 2412-Team in der EU wirklich etwas zu sagen hätte.

SKIP: Hat MA 2412 - die Staatsdiener auch eine politische Dimension?

Alfred Dorfer: Weber, Breitfuß und Knackal gehen zur EU, um die EU aus der Sicht österreichischer Beamter zu reformieren. Der Grund: Es wird konstatiert, dass die EU nicht rund läuft. Die drei werden quasi als Spezialeinheit dorthin geschickt, um die Wirtschaftssituation in Europa wieder auf Vordermann zu bringen, weil die EU lahmt. Wie auch in der Wirklichkeit. Sie machen Englischkurse und bereiten sich vor wie eine Task Force und fliegen nach Brüssel. Wir haben viel recherchiert - ernsthaft, wir waren in Brüssel und haben dort drei Tage gedreht. Natürlich darf man jetzt nicht verraten wie es ausgeht, aber man bekommt einen Einblick in die Strukturen dort. Diese Tintenburg ist total überschätzt, ihre Performance ist nicht wirklich gut.

SKIP: Schwingt hier ein leichter EU-feindlicher Ton mit?

Alfred Dorfer: Feindlich ist das nicht. Es ist ein kritischer Ton. Meines Wissens gibt es noch keinen Film über die EU, was eigentlich erstaunlich ist, angesichts der breiten Angriffsfläche, die die EU bietet. Aber vielleicht ist es auch eine Form von Wurschtigkeit. Uns interessiert es und wir finden es entscheidend, weil der Finger der EU in unser Leben hineinreicht.

SKIP: Obwohl MA 2412 - die Staatsdiener auf einer Sitcom basiert, klingt es für mich doch danach, dass ihr in dem Film ein paar ernste Anliegen versteckt habt ...

Roland Düringer: Es geht nur so. Satire oder Comedy kann man nur damit verkaufen, in dem ein ernstes Anliegen dahinter steckt. Außer es handelt sich um schlechte Comedy, dann geht´s schon. Wenn Stan Laurel & Oliver Hardy ein Klavier in den 10. Stock tragen müssen, dann ist es ihnen ein ernstes Anliegen, dass sie das Klavier tragen müssen. Jeder der selber einmal ein Klavier geschleppt hat, weiß, wie Arsch das ist. Nur dann wirds komisch. Das ist für mich das Prinzip von Komik überhaupt.

SKIP: War es leichter einen Film wie MA 2412 - die Staatsdiener zu machen als beispielsweise Ravioli, weil MA 2412 - die Staatsdiener bekömmlicher ist oder mehr Routine beinhaltet?

Alfred Dorfer: Ravioli war ein Sprung ins kalte Wasser, so wie wenn du in einen dunklen Tunnel hineingehst und nicht weißt, was passieren wird. Hier kann man schon von einigen Dingen ausgehen: Jeder weiß, wie es läuft, obwohl wir uns große Mühe geben. Das hat mit der Sitcom nichts zu tun rein von den Departments und der Handlung her. Hier ist der Landeplatz erleuchtet.

Interview: Catherine Holzer / Mai 2003

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.