Die nackte Matrone

Interview mit Helen Mirren zu Kalender Girls

Irgendwann kommt für jeden der Moment, wo alle Hüllen fallen. Helen Mirren trug´s mit Humor. Peter Krobath traf die Lady in Cannes zu Teaparty und Plauderstunde.

SKIP:Halten Sie es für wichtig, dass der Film Kalender Girls auf einer wahren Begebenheit beruht?

Helen Mirren: Unbedingt. Wenn das alles nicht wirklich passiert wäre, hätten wir nur einen mehr oder weniger unterhaltsamen Film gemacht, aber nicht mehr. Erst das Wissen, dass es diese Frauen und diesen Kalender wirklich gibt, macht die Geschichte zu etwas Besonderem.

SKIP: Was hat Sie persönlich dazu gebracht, die Hüllen fallen zu lassen?

Helen Mirren: Der großartige Witz, der in dieser Geschichte liegt. Ich finde das Abenteuer der Kalender Girls ziemlich lustig, vor allem weil ich die Gegend kenne, aus der diese Frauen kommen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, welche unglaubliche Aufregung sie da mit ihrem Kalender ausgelöst haben. Außerdem hat es mich beeindruckt, dass sich diese Frauen das überhaupt getraut haben, immerhin waren sie keine jungen Mädchen mehr, sondern - wie man so schön sagt - Damen im besten Alter. Auch ihre Umgebung hat eine Rolle gespielt. Das waren keine liberalen City-Ladies, die sich einen Spaß erlauben wollten, das waren Frauen vom Land, die bewusst ein Statement setzten. Wie gesagt: Das muss man sich erst einmal trauen.

SKIP: Die Gegend, aus der die Frauen kommen, wirkt im Film beinahe wie eine idyllische Märchenlandschaft ...

Helen Mirren: Wirklich? Na ja, die Realität schaut etwas anders aus. Yorkshire kann auch ziemlich grau, nass und kalt werden. Es ist eine toughe Gegend - und so sind dort auch die Menschen: tough und geradlinig.

SKIP: Natürlich kommt man bei so einer Story auch als Schauspielerin nicht an den nackten Tatsachen vorbei. Wird da im Drehbuch genau festgelegt, wie weit Sie sich ausziehen müssen?

Helen Mirren: Nein, das war relativ offen. Aber ich habe mir darüber keine großen Gedanken gemacht. Immerhin wurde der Film von Disney produziert - und dieser Name steht für Familienunterhaltung und nicht für Sexklamotten. Also ich wusste schon vorher, dass ich da einigermaßen gut aufgehoben sein würde. Wenn ich mich recht erinnere, waren wir Schauspielerinnen dann ohnehin bereit, viel weiter zu gehen, als das Drehbuch es vorschrieb, aber der Regisseur hat uns zurückgehalten. Gottseidank. Denn so blieben wir dem Gedanken des ursprünglichen Kalenders treu. Da sind auch alle Frauen nackt und trotzdem gibt es kaum was zu sehen. Es ist mehr die Idee, die dahinter steht.

SKIP: Warum wurde dieser Kalender so erfolgreich?

Helen Mirren: Dieser Kalender lebt wohl von der unglaublichen Faszination, die Nacktheit noch immer auf uns alle ausübt. Kaum zieht sich jemand aus, egal wer, schon schauen wir hin. Das ist schon faszinierend. Aber der große Erfolg liegt sicher in dem Humor begründet, mit dem die Ladies an diese Sache herangegangen sind. Das ist nämlich kein einfacher Pin-up-Kalender, da steckt schon auch ein großer Witz dahinter. Und sehr viel Charme, das darf man auch nicht vergessen. Wenn die nur irgendeinen weiteren Kalender im Playboy-Stil gemacht hätten, nur eben mit reiferen Ladies statt mit jungen Models, dann wären sie wohl fürchterlich baden gegangen. So aber haben sie einen eigenen unverwechselbaren, ungemein charmanten Stil entwickelt - und das Konzept ging auf.

SKIP: Könnten Sie sich vorstellen, dass Sie sich selbst auch einmal nackt ausziehen würden, um Geld für einen guten Zweck zu sammeln?

Helen Mirren: Das würde ich sicher nie tun, aber bei mir schaut die Sachlage auch etwas anders aus. Immerhin bin ich eine berühmte Schauspielerin und keine unbekannte Hausfrau aus Yorkshire.

SKIP: Einmal ganz abgesehen vom Kalender erzählt Kalender Girls eine eher traurige Geschichte: Es geht um eine Frau, die mit dem Tod ihres Mannes fertig werden muss. Woher kommt, dass es gerade englische Filmemacher immer wieder schaffen, eine traurige Story auf lustige Weise zu erzählen?

Helen Mirren: Ich glaube nicht, dass das eine speziell britische Eigenschaft ist, aber ja, es stimmt schon: Wenn wir so einen Film gut erzählen, dann erzählen wir ihn nicht nur gut, sondern wirklich gut. Woran das liegt, weiß ich aber auch nicht. Da müssten Sie schon einen Psychologen fragen, am Besten einen, der unsere gesamte Gesellschaft durchleuchtet. Die Menschen aus Yorkshire haben jedenfalls einen sehr scharfen, trockenen Humor. Vielleicht hängt das mit dem harten Klima zusammen, in dem sie leben.

Interview: Mai 2003

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Um Kommentare verfassen zu können, musst du eingeloggt sein.

Falls du bereits registrierter SKIP User bist, gehe zum , solltest du noch kein Benutzerprofil haben, kannst du dich hier registrieren.