Nie wieder Barbie!

Interview mit Charlize Theron zu Monster

Mit einem hübschen Gesicht kommst du in Hollywood an keine häßliche Rolle ran. Charlize Theron hat es trotzdem geschafft - und steht nun mit Monster vor dem größten Erfolg ihrer zehn Jahre langen Laufbahn. Interview von Peter Krobath.

SKIP:Als weiblicher Serialkiller bist du endgültig aus dem Schatten der ewigen Schönheitskönigin gesprungen. Ist das der Part, auf den du von Anfang an hingearbeitet hast?

Charlize Theron: Unbedingt. Es hat lange gedauert, bis endlich jemand fähig war, unter die Oberfläche von Charlize Theron zu schauen, nicht nur die schöne Verpackungung zu sehen, sondern auch die Schauspielerin, die darunter steckt. Monster war meine Chance, der Welt zu zeigen, dass ich viel mehr kann, als Hollywood mir bisher zugetraut hat.

SKIP: Willst du damit sagen, dass dein blendendes Aussehen deiner Schauspiel-Karriere bisher eher geschadet hat?

Charlize Theron: In Hollywood herrscht die Tendenz, Menschen vor allem nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Du bekommst immer nur die Rollen, die dir zu Geschicht stehen. So ein System verhindert Schauspieler und fördert Stars - aber gerade ein Filmstar ist etwas, was ich nie werden wollte. Ich wollte immer nur eine Schauspielerin sein. Deshalb fühle ich mich im Hollywood-System auch nicht besonders wohl. Ich finde, dass die Geschichte im Vordergrund eines Films stehen sollte und nicht das Anhimmeln populärer Gesichtszüge.

SKIP: In Monster bist du mit 15 Kilo Übergewicht und falschen Zähnen kaum wiederzuerkennen. Wie schwer war diese Verwandlung für dich?

Charlize Theron: Es war nicht einfach, vor allem weil Aileen Wuornos ja keine frei erfundene Fantasiefigur ist. Es ist schon eine ganz andere Herausforderung, wenn man einen Menschen spielt, den es wirklich gibt bzw. wirklich gegeben hat. Man fühlt eine Verantwortung vor dieser Person, vor diesem Leben. Man versucht, möglichst nah an der Realität zu bleiben, dann kommt die Verwandlung wie von selbst, das ist ein ganz natürlicher Vorgang.

SKIP: Stand es je zur Diskussion, dass du die wirkliche Aileen Wuornos treffen würdest?

Charlize Theron: Während Patty Jenkins am Drehbuch arbeitete, hatte sie regen Briefverkehr mit Aileen. Es gab eine kurze Diskussion, ob ich sie im Gefängnis besuchen sollte. Ich wusste, dass sie damals gerade um Begnadigung angesucht hatte. Deshalb dachte ich, wenn die Begnadigung durchgeht, würde ich sie gerne sehen. Wenn nicht, sicher nicht. Es wäre völlig unmoralisch von mir gewesen, wenn ich mich in die letzten Momente ihres Lebens gedrängt hätte. Diese Zeit sollte sie lieber mit Gedanken verbringen, die ihr näher sind als mein Film. Und weil ich Aileen durch Pattys Skript schon etwas kennengelernt hatte, wusste ich, dass sie mir ohnehin nicht viel erzählen würde. Sie war einfach nicht der Mensch, der sich Fremden gegenüber so ohne weiteres öffnet. Aber ich durfte ihre persönlichen Briefe lesen. Heute glaube ich, dass diese Form der Begegnung weit effektiver war, als wenn wir uns wirklich getroffen hätten.

SKIP: Worin bestand für dich die besondere Attraktivität dieser Rolle?

Charlize Theron: Mich hat die innere Gespaltenheit dieser Figur fasziniert. Solche Rollen kriegen sonst immer nur die Männer. Robert De Niro darf so eine Figur spielen, Dustin Hoffman, Jack Nicholson - aber eine Frau darf das so gut wie nie. Das passiert nur sehr, sehr selten. Als Frau musst du in Hollywood entweder Heilige oder Hure sein. Das letzte Gegenbeispiel, an das ich mich erinnern kann, war Jodie Foster in Angeklagt. Sie hat damals auch so eine gespaltene Figur gespielt, wo man sich bis zum Schluß nicht sicher ist, ob man diese Person nun mag oder nicht. Es geschieht nicht oft, dass sich Drehbuchautoren solche Frauenfiguren ausdenken. Und auf eine Figur wie Aileen Wuornos wäre ohnehin keiner gekommen. Deshalb kommt ihre Story ja auch aus dem Leben und nicht aus der Fantasie. In einem normalen Hollywood-Skript müsste man diese Figur spätestens nach der Hälfte der Handlung sympathisch finden. Bei uns weiß du bis zum Schluß nicht, wie du zu ihr stehst. Und gerade das gefällt mir an dieser Rolle.

SKIP: Aber wie ist es dir gelungen, so sehr in dieser Frau aufzugehen?

Charlize Theron: Ich musste ihre Gefühle verstehen lernen. Ich musste begreifen, woher sie kommt, wohin sie geht. Die zusätzlichen Kilos, die künstlichen Zähne waren dabei nur Hilfsmittel, das eigentliche Geheimnis lag wie gesagt in den Gefühlen. Wenn man eine Figur nicht versteht, hilft das alles nichts. Dann schaust du ihr zwar ähnlich, aber du wirst sie trotzdem nie sein.

SKIP: Nun bist du mit Monster zu Golden Globe-, Berlinale- und Oscar-Ehren gekommen. Erfüllt dich das mit Befriedigung?

Charlize Theron: Natürlich. Dieser Film war ein einziges großes Risiko für mich, das darf man nicht vergessen. Genauso gut hätte es ein plakativer Thriller über eine lesbische Serienmörderin werden können - dann hätten die Kritiken wohl anders ausgeschaut.

SKIP: Die echte Aileen Wuornos wurde im Oktober 2002 in Florida durch eine Giftspritze hingerichtet. Wie stehst du persönlich zum Thema Todestrafe?

Charlize Theron: Natürlich weiß ich, dass Aileen Wuornos schreckliche Verbrechen begangen hat. Ihre Opfer tun mir leid und ich finde, dass so ein Mensch bestraft werden muss. Allerdings gibt uns nichts und niemand das Recht, ihn deswegen umzubringen. Die Todesstrafe ist unmenschlich, davon bin ich hundertprozentig überzeugt. Ich habe auch keine andere Lösung. Aber ich finde es falsch, dass die amerikanische Regierung offenbar nicht einmal bereit ist, nach einer anderen Lösung zu suchen. Und nur als letzte Randbemerkung: Wenn du in Amerika derzeit als Politiker punkten willst, musst du nur ein paar Todesurteile unterschreiben. Bush hat das bestens vorgeführt. Ehrlich - das widert mich an.

Interview: Februar 2004

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