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Interview mit M. Night Shyamalan zu The Village - Das Dorf

Alles außer Langeweile. Nach nur vier Blockbustern wird der gebürtige Inder M. Night Shyamalan, 34, bereits als Alfred Hitchcocks legitimer Nachfolger gehandelt. Gini Brenner traf den Meister der übersinnlichen Überraschungen in New York.

SKIP: Wovor fürchten Sie sich eigentlich selbst am meisten?

M. Night Shyamalan: Ha! Vor nicht sehr vielen Dingen. Ich habe Flugangst. Aber darüber hinaus kann man mich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Zum Beispiel habe ich überhaupt keine Angst mehr vor Misserfolgen, schließlich waren meine ersten beiden Filme gleich spektakuläre Flops! Das muss man sich mal vorstellen: Ich habe Jahre lang an meinem ersten Film gearbeitet, literweise Herzblut hinein gesteckt, bin Freunden und Familie damit auf die Nerven gegangen. Praying with Anger ... der kam dann endlich in die Kinos und ist wenige Tage darauf sang- und klanglos wieder verschwunden. Ich hatte meine große Chance – Boom, vertan! Und dann geschah etwas Wunderbares: Ich erhielt eine zweite große Chance! Also rappelte ich mich auf und machte mit viel Energie meinen zweiten Film: Wide Awake. Und setzte ihn wieder in den Sand! (lacht). Aus, vorbei, weg vom Fenster. Das Telefon hörte auf zu klingeln, und ich hatte echt Angst, wie diese Ehemänner zu enden, die mit vierzig auf der Couch sitzen und träumen: "Wenn ich endlich die Band beisammen habe, machen wir unser Demo, und dann geht es los ..." Aus! Schluss! Du wirst kein Rockstar mehr!

SKIP: Sie haben´s ja aber trotzdem noch geschafft.

M. Night Shyamalan: Das liegt vor allem daran, dass ich so gerne schreibe. Ich habe nie damit aufgehört, Geschichten zu erfinden. Und dann kam Stuart Little: Ein Projekt, dem man nicht viele Chancen gab. Also suchten sie einen ganz billigen Scriptwriter – mich (lacht). Stuart Little wurde ein Erfolg, und ich war wieder im Spiel.

SKIP: Mittlerweile haben Sie auch als Regisseur vier Riesenerfolge in der Tasche (Der sechste Sinn, Unbreakable - Unzerbrechlich, Signs - Zeichen und The Village - Das Dorf, der in den USA sofort an die Spitze des Boxoffice sauste, Anm.). Ihr Name ist zur echten Trademark geworden, sie werden gar schon als neuer Alfred Hitchcock gehandelt. Werden Sie auch auf der Straße erkannt?

M. Night Shyamalan: Und ob. Ständig raunt mir jemand ins Ohr: "Auch ich sehe tote Menschen! Und ich wurde schon zweimal von Aliens entführt!" (lacht). Aber ich bin ja auch leicht zu erkennen, schon durch meine indische Herkunft sehe ich etwas exotisch aus. Außerdem rede ich gern und viel und präsentiere auch meine Filme gern selber, so bin ich oft im Fernsehen. Aber ehrlich gesagt hab ich schon langsam auch etwas Schiss vor dem Celebrity-Ding. Ich möchte nicht, dass es soweit kommt, dass ich in TV-Interviews so Sachen zu hören kriege wie: "Ach, Filme machen Sie auch? Wie interessant!" (lacht). Der Vergleich mit Hitchcock allerdings ehrt mich natürlich sehr. Ich bewundere ihn, weil er ganz genau wusste, wie man das Publikum fesselt – und bei seinen Thrillern nichts dem Zufall überließ. Genau wie ich (lacht).

SKIP: Woher kommen eigentlich Ihre vielen ungewöhnlichen Ideen? Wie arbeiten Sie?

M. Night Shyamalan: Nun, meine Geschichten entstehen während ich sie schreibe. Ich unterhalte mich sozusagen selbst damit. Für The Village - Das Dorf holte ich mir Inspirationen von den klassischen Romanen aus der Zeit, wie etwa Wuthering Heights. Mich fasziniert diese Epoche, weil die Menschen viel mehr auf sich selbst und ihre Kreativität und Stärke angewiesen waren als heute.

SKIP: Sie haben Ihre Darsteller vor Drehbeginn durch einen dreiwöchigen History-Kurs geschickt ...

M. Night Shyamalan: Das war mehr als ein Kurs, wir haben es nur das "Boot Camp" genannt (lacht). Die Schauspieler haben drei Wochen lang abseits der modernen Zivilisation so gelebt wie die Menschen um 1800, ohne Strom, Telefon und alles, und haben gelernt, wie man Holz hackt, Tiere melkt und so weiter. Das war eine einzigartige Erfahrung und hat die Truppe wirklich zusammengeschweißt. Sigourney hat sich beim Melken übrigens hervorragend bewährt, hab ich mir sagen lassen.

SKIP: Was fasziniert Sie eigentlich so am Übersinnlichen?

M. Night Shyamalan: Für mich hat das viel mit Glauben zu tun. Ich finde es wichtig, an Dinge zu glauben, die man nicht sehen kann. Ohne Glauben würde unsere Welt bald zugrunde gehen. Religion ist nur eine Form, diesen Glauben zu leben – nicht meine, allerdings. Es gibt so viele andere Wege, über die sich das Unerklärliche manifestiert. Wie ich meine Hauptdarstellerin Bryce Dallas Howard gefunden habe zum Beispiel. Eine Freundin riet mir, ein Theaterstück am Broadway anzusehen, in dem sie mitspielte. Ich sah sie und wusste, ich hatte meine Ivy gefunden. Ich habe die Rolle, ohne es zu wissen, für sie geschrieben. Alles an ihr stimmt – sogar ihre hellen Augen haben dieses unwirkliche Strahlen, das man sonst fast nur bei Blinden findet.

SKIP: Bryces Vater, Hollywood-Veteran Ron Howard, hatte beim Casting nicht etwa die Hand im Spiel?

M. Night Shyamalan: Absolut nicht! Ich erfuhr erst viel später, wessen Tochter Bryce ist. Das war dann das Tüpfelchen auf dem i.

Interview: Juli 2004

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