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Interview mit Woody Allen zu Anything Else

Stars kommen und gehen. Woody Allen bleibt. Gini Brenner traf den wohl größten Antihelden des Filmbiz zum Psycho-Talk in Venedig.

SKIP: Woody, stimmt es, dass Sie hier am Lido erstmals Johnny Depp getroffen haben?

Woody Allen: Seine Agentin hat mich angerufen und gefragt, ob ich ihn nicht treffen will - er sei ein großer Fan von mir. Ich war sehr geschmeichelt, ich verehre Johnny seit Jahren. Er ist einer der größten Schauspieler unserer Zeit.

SKIP: Wenn Sie ihn so gut finden, warum haben Sie ihn nicht längst selber kontaktiert?

Woody Allen: Das konnte ich nicht. Dazu bin ich viel zu neurotisch. Wenn ich einfach so Johnny Depp anrufen könnte, um zu sagen: "Hi Johnny, ich finde dich toll, lass uns zusammen drehen" – nun, dann wäre ich geheilt.

SKIP: Wenn Sie geistig völlig gesund wären, würden Sie dann immer noch Filme machen?

Woody Allen: Ja. Ich glaube fest daran, dass man umso besser arbeiten kann, je gesünder man im Kopf ist. Man ist produktiver. Ein Neurotiker bleibt mit seinen Gedanken immer bei den kleinen Dingen stecken. Ist man gesund, kann man viel weiter, größer denken und viel kreativer sein.

SKIP: Wie fast alle Ihrer Filme spielt auch Anything Else in Ihrer Heimatstadt Manhattan. Haben Sie eigentlich im Laufe Ihrer Karriere niemals überlegt, woandershin zu ziehen? Nach L. A. vielleicht?

Woody Allen: Ich hätte dort sicherlich mehr Mölichkeiten gehabt als in New York. Wenn mich junge Leute fragen, wie sie im Showbiz Fuß fassen sollen, rate ich ihnen immer: "Geht nach Kalifornien!" Ich selber bin aber nie gegangen - nicht etwa aus Stolz oder Loyalität, sondern weil ich viel zu neurotisch bin, um umzuziehen. Ich bleib gern zuhause.

SKIP: Was hat Ihnen an L. A. am meisten Angst gemacht?

Woody Allen: Der Lebensstil dort sagt mir überhaupt nicht zu. Ich mags schnell und hektisch, und ich geh gern zu Fuß. In Kalifornien ist alles so langsam und so weit auseinander. Und immer scheint die Sonne. Ich hasse Sonnenschein. Jeden Tag schönes Wetter - was für eine grauenhafte Vorstellung. Und man muss überall mit dem Auto hinfahren, auch wenn man sich nur die Zeitung holen will. Ich hasse Autofahren.

SKIP: Mr. Allen, manche Kritiker werfen ihnen vor, dass Sie in letzter Zeit, obwohl Sie eigentlich Filme für Erwachsene machen, ihre Hauptrollen immer mit sehr jungen, knackigen Darstellerinnen anstatt mir reifen Frauen besetzen ...

Woody Allen: Jason Biggs´ Filmfigur in Anything Else ist 25. Wen hätte ich denn als seine Freundin nehmen sollen? Etwa Meryl Streep?? Das macht doch keinen Sinn. Ich denke nicht an ein bestimmtes Publikum, wenn ich einen Film drehe. Wenn ich einen fertig habe, dann krame ich in der Lade, in der ich meine Ideen sammle, und suche für den nächsten Film diejenige aus, die mir am besten gefällt. Aber eins muss ich schon sagen: Die Filme, die heute in den USA für ein junges Publikum gemacht werden, sind keine schönen Filme. Blockbuster voll mit verrückten Special Effects, hirnlose Komödien voll Humor aus der tiefsten Schublade. Auf solche Sachen steht die Jugend von heute. Meine Generation damals - und glauben Sie mir, wir waren auch keine Genies, ich bin wegen meiner Noten sogar aus dem College geflogen -, wir freuten uns auf den neuen Truffaut, den neuen Bergman, Antonioni, De Sica, Fellini ... Wir hätten keine Geduld für derart dumme Filme gehabt. Wenn ich heute mit Kids spreche, mit durchaus intelligenten Kids, dann haben die keinen Schimmer vom Kino. Sie wissen nicht, wer Renoir ist oder Kurosawa. Wenn sie Citizen Kane gesehen haben, halten sie sich schon für Cineasten. Ich habe ehrlich gesagt keine sehr hohe Meinung von der heutigen Jugend.

SKIP: Mit Jason Biggs haben Sie aber ausgerechnet einen der Top-Stars der größten aller Teenie-Komödien zum Hauptdarsteller Ihres Films gemacht ...

Woody Allen: Das wusste ich ja nicht, als ich ihn besetzte. Ich kannte die American Pie-Filme nicht und habe sie bis heute nicht gesehen. Ich bin allerdings sicher, sie sind zu dumm, um es in Worte zu fassen. Alles, was ich von Jason kannte, war eine kurze Szene auf Video – ich fand ihn sehr talentiert, also hab ich ihn gecastet.

SKIP: Ihre Frauenfiguren werden mit den Jahren immer unsympathischer. Ist das Absicht? Neurotisch waren sie immer, aber in Ihren früheren Filmen wie Der Stadtneurotiker auf eine irgendwie liebenswerte Art ...

Woody Allen: Das ist schon ok so. Früher haben Frauen in meinen Filmen immer die besseren Rollen bekommen, die Männer - meist von mir selber gespielt - waren die Blöden. Und dafür haben die Frauen dann den Oscar gekriegt. Aber in Anything Else kommt ja keiner wirklich gut weg: Christina Ricci ist gnadenlos egozentrisch, Jason Biggs ein Waschlappen und ich selber völlig durchgeknallt (lacht).

SKIP: Ihr Charakter erklärt einmal lautstark: "Rache ist gerechtfertigt!" Finden Sie das auch?

Woody Allen: (lacht) Na ja, sein Credo ist, dass jedem Übergriff sofort etwas entgegengesetzt werden muss. Und im Prinzip hat er ja auch recht damit. Beim ersten Zeichen von Grausamkeit oder Rechtsradikalität ist es wichtig, sofort aufzuschreien und nicht zu warten, bis es zu spät ist. Aber bei ihm geht das etwas zu weit - aber er ist ja auch psychotisch. Sein Grundimpuls allerdings ist schon richtig: Sei nicht passiv. Lass dir nichts gefallen.

SKIP: Sind Sie selber auch schon mal so ausgerastet, weil Ihnen jemand einen Parkplatz weggeschnappt hat?

Woody Allen: Nein, nein. Ich würde niemals sowas tun. Wie ich in wirklichen Extremsituationen reagieren würde, weiß ich nicht - aber als Widerstandskämpfer sehe ich mich eigentlich weniger. Mir fehlt dazu der Mut. Ich bin ein ruhiger, gewaltloser Mensch, außerdem bin ich radikal gegen Schusswaffen. Ich finde, in den USA sollten ausnahmslos alle Schusswaffen verboten werden, nicht mal Jäger sollten welche haben dürfen.

Interview: September 2003

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