Rechnen Sie mit Liebe

Interview mit François Ozon zu 5x2 - Fünf mal zwei

François Ozon ist die personifizierte Hoffnung des neuen französischen Kinos: Bunt, flippig, andersrum. Sogar wenn er ein ganz klassisches Liebesdrama dreht, muss er alles auf den Kopf stellen. Gini Brenner traf ihn in Venedig.

SKIP:In 5x2 lassen Sie eine Beziehung in fünf Szenen revuepassieren. Warum haben Sie sich genau für diese Stadien dieser Liebe entschieden?

François Ozon: Diese Momente zeigen für mich am besten das tägliche Leben der beiden Menschen einerseits und das Stadium andererseits, in dem sich diese Beziehung gerade befindet. Es sind keine außergewöhnlichen Momente. Außergewöhnlich sind nur die Reaktionen der beiden.

SKIP: Wieso haben Sie sich dafür entschieden, die Geschichte rückwärts zu erzählen?

François Ozon: Weil ich so gerne ein Happy-end haben wollte (lacht). Außerdem wollte ich einen analytischen Film drehen, und diese Art der Erzählstruktur schafft eine gewisse Distanz zwischen mir und dem Publikum.

SKIP: In welcher Reihenfolge wurde der Film eigentlich gedreht?

François Ozon: In der Ordnung des Filmes, also die Geschichte von hinten nach vorne. Sogar die Geschichte entstand auf diese Weise. Als wir die erste Szene mit der Scheidung drehten, wusste noch niemand – auch ich nicht – wie sich die beiden kennen gelernt haben. Das machte den Schauspielern anfangs Schwierigkeiten, aber ich finde, das trug sehr dazu bei, dass sie sich den Charakteren unvoreingenommen nähern konnten. Ich habe ihnen auch nicht erlaubt, dass sie den Figuren, wie sonst üblich, einen psychologischen "Unterbau" verpassen. Sie durften nur das verwenden, was gerade im Script steht. Ich finde, dass die Schauspieler so wahrhaftiger sind.

SKIP: Es gibt einige berühmte filmische Vorbilder für Ihre Geschichte …

François Ozon: Zwei Filme hatte ich besonders im Sinn, als ich an 5x2 arbeitete: Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe (1976, Anm.) und Maurice Pialats Wir werden nicht zusammen alt (1972, Anm.). Beide Filmtitel hätten auch gut auf 5x2 gepasst. Es ist schwierig, sich nicht von der zeitlos gültigen Vision Bergmans beeinflussen zu lassen. Besonders gut gefällt mir an seinem Film, dass er vor über dreißig Jahren schon seine Frauenfiguren derart stark gezeichnet hat.

SKIP: Im Film fällt der Satz "Homosexuelle Beziehungen sind nichts für die Ewigkeit." Glauben Sie persönlich daran, oder halten Sie das für ein leeres Klischee?

François Ozon: Ich habe keine Antworten zu Beziehungen, egal ob schwul, lesbisch oder hetero. Ich stelle Fragen. Ich glaube, dass alle Menschen verschiedene Arten der Liebe ausprobieren sollen, und wenn sie sehen, dass eine Liebe nicht das Wahre ist, sollte man bereit sein, neu anzufangen.

SKIP: Ist der Mensch an sich polygam?

François Ozon: Potenziell ja. Was ich glaube, ist, dass die Menschen von heute akzeptiert haben, dass sie mehrere Partner in einem Leben haben können. Nicht unbedingt nebeneinander, aber hintereinander.

SKIP: Ihr Film zeigt aber eine noch viel pessimistischere Sicht der Dinge: Jede Liebe scheint dazu verdammt, in einer schwarzen Wolke aus Frust und Hass zu verpuffen. Gibt es die ewige Liebe nicht mehr?

François Ozon: Das ist der Grund, warum ich mich entschieden habe, diesen Film von hinten nach vorne zu erzählen: Weil jede Geschichte mit ihrem Anfang auch schon ihr Ende in sich trägt. Was zählt, ist, dass sie überhaupt passiert. Auch jede Beziehung trägt ihr Ende in sich – aber auch einen wundervollen Beginn. Ich glaube nicht, dass das pessimistisch ist. Wir wissen doch alle, dass Liebe zu Ende geht.

SKIP: Sie scheinen die beiden Charaktere sehr gut ausbalanciert zu haben - fragt man nach dem Film Frauen, wer "Schuld" sei am Ende der Beziehung, bekommt man fast ausnahmslos die Antwort: "Er natürlich", und fragt man Männer, war definitiv sie die Böse.

François Ozon: Das ist auch ganz genau das, was ich wollte (lacht). Ich wollte keine Seite einnehmen, sondern dem Zuschauer Gelegenheit geben, selber zu urteilen. Ich wollte möglichst viel Interaktion zwischen den Menschen auf und vor der Leinwand.

SKIP: Sind Sie ein Zyniker?

François Ozon: Nein. Ich nehme meine Umwelt bewusst wahr, dass ist alles.

SKIP: Glauben Sie, dass Menschen zwischen Sex und Liebe unterscheiden können?

François Ozon: Auf jeden Fall. Bisher nahm man das ja nur von Männern an, aber Frauen können das genau so. Heute mehr als je zuvor. Mit meinem Film wollte ich das deutlich machen.

SKIP: Gegen Ende des Films fällt ein wunderschöner Satz: "Die See scheint ruhig, aber unter der Oberfläche toben die heftigsten Strömungen." Ihre philosophische Definition der menschlichen Seele?

François Ozon: Könnte sein (lacht) - ist aber ganz anders: Ursprünglich war der Dialog ein ganz anderer. Als wir an diesem Tag drehten, hätte ich ein wildes Meer mit hohen Wellen gebraucht - wie es die Tage zuvor gewesen war. Aber die See lag still und friedlich da. Und wir mussten diese Szene an diesem Tag in den Kasten bringen. Also improvisierten wir. Schön, dass Ihnen das jetzt so gut gefällt.

SKIP: Das Wasser spielt in allen Ihren Filmen eine große Rolle: In Swimming Pool, zu Schnee gefroren in 8 Frauen, nun das Meer. Was symbolisiert das Wasser für Sie?

François Ozon: Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Ich mag diese Idee der Unendlichkeit, der Stille, des Fließens ... aber ich interpretiere nicht. Wenn ich beginnen würde, meine Filme und meine Symbolik zu interpretieren, dann würde ich den unmittelbaren Zugang zum Filmen verlieren.

SKIP: Ihre Filme wirken mit ihrem teilweise schon surrealen Formalismus, als seien sie vollgestopft mit versteckter Symbolik. Und doch sagen Sie jetzt, dass Sie nichts interpretieren wollen ...

François Ozon: Stimmt (lacht). Ich glaube, dass man meine Filme auf viele verschiedene Arten interpretieren kann, ich möchte nichts vorgeben. Alles ist sehr komplex – wie im richtigen Leben.

Interview: September 2004

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