Filmfrühstück

Interview mit Marcus Mittermeier zu Muxmäuschenstill

Bei Kaffee und Kipferl unterhielt sich Dina Maestrelli mit Regisseur Marcus Mittermeier über einen ganz moralischen, ganz seltsamen, ganz gefährlichen Zeitgenossen: Mux, den psychopathischen Weltverbesserer.

SKIP: Dein erster Film ist gleich ein Riesenerfolg geworden. Beim Deutschen Filmpreis gab´s sogar eine Auszeichnung für euch.

Marcus Mittermeier: Ja, wir waren drei Mal nominiert: Bester Film, Beste Nebenrolle und Bester Schnitt, und den Schnitt haben wir gekriegt. Das ist deswegen sehr cool, weil wir den Film unter schwierigsten finanziellen Bedingungen gedreht hatten, und uns während der Post-Produktion die Cutter davongelaufen sind. Wir haben dann Sarah Clara Weber genommen, die im 2. Studienjahr an der Filmhochschule war. Sie hat sich ein Freisemester genommen und dann gleich diesen Preis gewonnen! Die Schule hat sie jetzt abgebrochen...

SKIP: Wie schaut´s mit euren nächsten Projekten aus. Wird es da mehr Geld geben?

Marcus Mittermeier: Ich dachte, es wird alles viel leichter jetzt, aber dem ist nicht ganz so. Man lernt zwar leichter Leute kennen und wird auch bei Produzenten vorgelassen, aber Filme machen und finanzieren ist nach wie vor schwierig.

SKIP: Schreibt Jan Henrik Stahlberg wieder das Buch?

Marcus Mittermeier: Die Idee ist, so wie bei Muxmäuschenstill, von ihm. In einem langen Hin und Her wird sie von uns beiden konkretisiert, aber er ist einfach der bessere Schreiber. Dafür werde ich im nächsten Film auch mitspielen, und er wird bei der Regie mithelfen. Wir probieren eine nahezu gleichberechtigte Art der Zusammenarbeit. Wir kennen uns ja schon seit über zehn Jahren und haben eine freundschaftliche Beziehung. Schauen wir, was das nächste Jahr bringt. Jan dreht gerade, und ich brauch Urlaub nach diesen wahnsinnigen 3 Jahren ...

SKIP: So lange habt ihr an Muxmäuschenstill gebastelt?

Marcus Mittermeier: Ja, so lange machen wir uns jetzt schon Gedanken über einen Weltverbesserer namens Mux!

SKIP: Mir war Mux spätestens nach zehn Minuten total unsympathisch. Habt ihr das gewollt? Oder empfindest du ganz anders?

Marcus Mittermeier: Das ist Gottseidank bei jedem unterschiedlich. Es gibt Leute, die finden ihn sogar am Ende noch sympathisch oder zumindest cool! Ich persönlich halt mich da raus. Ich hab den Film bewusst so gemacht, dass sich der Zuschauer selbst entscheiden muss. Das Spiel mit den Emotionen wird vom Film bewusst unterdrückt, da ist der Zuschauer mit sich alleine. Das ist auch das Interessante und wenn man will Neue an diesem Film.

SKIP: Der Charakter von Mux macht keinerlei Entwicklung durch. Er ist einfach von Beginn an ein Psychopath!

Marcus Mittermeier: Genau, er ändert sich nie. Immerhin hält er sich ja selbst für ein Genie. Er ist einfach so, wie er ist. Die Figur bleibt gleich, nur die Situationen werden unsympathischer, brutaler, heftiger. Am Anfang lacht man über die Lenkräder im Kofferaum, und dann liegen plötzlich Kinderleichen im Treppenhaus. Und man fragt sich: In welcher Welt leben wir eigentlich? Aber es gibt auch Leute, die lachen da drüber. Bei manchen Vorführungen denkst du, du bist in einem Bully-Herbig-Film. Die Leute lachen die ganze Zeit, und ich frage mich: Was hab ich für einen Scheiß-Film gemacht? Wenn man halbwegs normal gebaut ist, muss einem irgendwann mal der Atem wegbleiben. Zumindest muss man sich so schrecken, dass man zwar darüber lacht, aber gleichzeitig überlegt: Warum lache ich? Wo steh ich in diesem Wahnsinn zwischen Recht haben, Welt retten und Welt zerstören?

SKIP: Schockierend ist die Tatsache, dass ihm die Menschen nachlaufen und mit ihm das Mux-Imperium aufbauen.

Marcus Mittermeier: Beim Max-Ophüls-Festival haben wir den Publikumspreis gekriegt. Ich hab damals eine alte Dame gefragt, warum sie für uns gestimmt hat, und sie sagte: "Weil der Film total einfach erklärt, wie der Faschismus entsteht!" Es ist so plastisch und erschreckend echt, so distanzlos, auch durch die dokumentarische Art des Films jenseits jeglicher Historie. Und durch die ganz normalen Menschen. Es sind ja praktisch nur vier Schauspieler im Film, der Rest sind Laien und Leute, die wir auf der Straße angesprochen haben.

SKIP: Woher kommt der Name Mux?

Marcus Mittermeier: Ich glaube, das weiß keiner mehr. Es ging ja nicht darum, diese Figur naturalistisch zu zeigen oder psychologisch, sondern archetypisch. Das ist der Mux, der ist so, der verändert sich nicht, bewegt sich keinen Schritt, und die Geschichte schwirrt um ihn herum. Und selbst angesichts von Katastrophen bleibt er auf seiner Linie. Er sieht sie nur als kleine Irritationen. Aber er verändert sich nicht. Und dafür ging kein Name wie Meier oder Müller. Also haben wir was gesucht, was jenseits war. "Mux" klingt so harmlos, verniedlichend. Dabei geht der Film so sehr unter die Haut.

SKIP: Filmförderung gab´s keine für euch. Hat sich das im Endeffekt vielleicht als positiv herausgestellt?

Marcus Mittermeier: Für die Entstehungsgeschichte war es auf jeden Fall sehr positiv. Wir mussten sehr konsequent arbeiten und sehr billig sein. Darum haben wir mit Mini-DV-Kameras gedreht. Das wäre aufgrund der vielen Laiendarsteller aber auch gar nicht anders möglich gewesen. Dadurch hebt sich der Film meiner Meinung nach so positiv von anderen Produktionen ab. Die Sprachmelodie der Menschen in unserem Film ist so erfrischend anders als in den typischen Fernsehserien, wo ich mich ja auskenne (Anm.: Marcus Mittermeier ist Schauspieler, zum Beispiel bekannt aus der TV-Serie Samt und Seide). Wir wollten unkonventionell, improvisativ und inspriert arbeiten. Keine Sau in unserem Film ist zum Beispiel geschminkt, wir wollten keine Maskenbildner, Kostümbildner uns so. Ich hab einen Anfall gekriegt, als irgendwer einmal der Hauptdarstellerin eine Strähen wegbiegen wollte. Sie glänzt sogar, aber es ist perfekt und glaubhaft. Und das alles kam unserer Arbeitsweise sehr entgegen.

SKIP: Glaubst du, dass der Film mit Förderung auch so radikal ausgefallen wäre oder hätte da eine Kommission Einspruch gegen manche Szenen erhoben?

Marcus Mittermeier: Keine Ahnung, wie das abläuft. Ich bin ja noch nie gefördert worden! (lacht) Mit einer sehr realtitätsnahen Darstellung und wenn Grenzen überschritten werden, stößt man natürlich immer an. Aber einen richtigen Skandal hat Muxmäuschenstill auch nicht ausgelöst. Man ging nicht wegen der Provokation in den Film. Eher wegen der genauen, nüchternen Analyse unserer Zeit. Ich finde zum Beispiel Hundstage wesentlich ärger und drastischer. Die Österreicher haben da viel härtere Filme im eigenen Land!

SKIP: Wie viele Besucher habt ihr schon in Deutschland?

Marcus Mittermeier: Etwa 270.000, was ein Riesenerfolg für einen solchen Film ist. Und es ist so, dass jeder in Deutschland den Film kennt. Mux is ne Marke, man weiß was dieser Mensch macht. Deshalb sind wir sehr gespannt, was die DVD bringt.

SKIP: Mux sagt einmal: "Die Wahrheit ist stärker als die Quote" In diesem Punkt kann man sich als medienkritischer Mensch durchaus mit ihm identifizieren.

Marcus Mittermeier: Klar, seine Grundhaltung trifft im Prinzip in den meisten Fällen die des vernünftig denkenden Menschen. Nur das, was er tut, geht weit über das hinaus, was man sich trauen würde und gutheißen kann. Wir leben in einer Zeit, in der den Menschen nix mehr zugetraut wird. Man denkt, die Leute sind blöd, und man macht sie blöd. Und diese Spirale dreht sich nach unten. Es ist eine Zeit der Anti-Aufklärung. Bildung ist kein Anspruch mehr, durch den man sich aus der Unmündigkeit erretten kann. Man überschüttet den Konsumenten einfach mit Information, bis dieser nicht mehr in der Lage, alles zu deuten. Das, was man Medienkompetenz nennt, geht verloren. Aber es bleibt die Hoffnung der Filmemacher, dass man sicher irgendwann wieder eines Besseren besinnt.

SKIP: Mux scheitert mit seinem Ziel letztendlich daran, dass er ein Psychopath ist. Könnte ein vernünftiger Mensch die Welt sehr wohl verbessern?

Marcus Mittermeier: Mux ist zwar ein Weltverbesserer, aber das ist eine sehr zweischneidige Angelegenheit. Deshalb auch die Gratwanderung, auf die der Zuschauer geschickt wird. Ich glaube, dass es in unserer komplizierten Welt keine leichten Antworten gibt, einfaches Gut und Böse, Schwarz und Weiß muss scheitern. Mux hat keine Werte-Hierachie. Er kennt nur "das Böse" und reagiert darauf mit seiner Ansicht nach "Gutem". Die Welt ist für diesen Ansatz aber zu kompliziert. Deswegen scheitert er auch. Ich glaube, wir haben nur eine Chance: Nachdenken. Reflektieren der eigenen Situtation bringt uns viel weiter als pures in Kategorien Denken, wie es heute oft gemacht wird, gerade auch in der Politik. Das könnte auch zum Auflösen starrer Grenzen führen, wo jemand sagt: Ich mach normalerweise immer das und das, aber in diesem konkreten Fall geht es nicht, da muss ich anders reagieren. Mir persönlich war es wichtig, einen Film zu machen, der zum Nachdenken anregt und den Leuten zeigt, dass es nicht so geht, wie der George Bush es macht: Da ist das Böse, ich bin der Gute und dann funktioniert die Welt! Das kann einfach nicht funktionieren!

Interview: Dina Maestrelli / September 2004

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