Prost Halleluja

Interview mit Billy Bob Thornton zu Bad Santa

Schlechtes Benehmen ist immer gefragt. In Bad Santa steht Billy Bob Thornton seinen Weihnachtsmann und zeigt, wie man in der stillsten Zeit des Jahres am besten die Sau rauslassen kann. Kurt Zechner traf Hollywoods liebenswertesten Rüpel in Cannes.

SKIP: Was war das schlimmste Weihnachtsgeschenk, dass du je bekommen hast?

Billy Bob Thornton: Die reiche Freundin meiner Mutter schenkte mir und meinem Bruder mal Hemden - die schrecklichsten Dinger, die du je im Leben gesehen hast. Kein Mensch hätte das je angezogen. Außer vielleicht ein durchgeknallter Holländer (lacht). Es war kotzgrün und hatte Segelboote drauf. Jedes Mal, wenn uns diese Lady besuchte, zwang uns unsere Mutter, die Hemden anzuziehen … Jahre später, fand ich diese Hemden plötzlich in den coolen Läden auf der Melrose Avenue für über 200 Dollar.

SKIP: Wie stehst du zu Weihnachten?

Billy Bob Thornton: Ich hasse den Kommerz. Gut, jeder muss Geld verdienen. Aber wenn man es auf Kosten von etwas macht, das vielen Leuten etwas bedeutet, dann bin ich schwer dagegen. Weihnachten ist da für mich genau gleich wie das Filmgeschäft. Deshalb mache ich ja hauptsächlich Independent-Filme. Normalerweise spiele ich nicht in Blockbustern, weil die meisten einfach Scheiße sind. Das mache ich nur, wenn mein Konto leer ist. Bei Armageddon z. B. habe ich nur mitgespielt, weil ich für meine Scheidung dringend Geld brauchte. Aber Werbung verweigere ich konsequent. Mir werden ständig Werbe-Deals angeboten - für Autos, Bier oder was auch immer. Aber das mache ich nicht.

SKIP: Bei den ersten internen Screenings von Bad Santa waren die Studio-Executives angeblich hellauf entsetzt und wollten sogar den Kinostart verhindern ...

Billy Bob Thornton: Ach, das ist doch alles nur ein Haufen Bullshit. Wenn heute ein Film gedreht wird, dann gibts morgen dazu eine Kontroverse - weil das den Film verkaufen hilft. Heutzutage gehts ja nur noch darum. Früher kämpften die Künstler gegen das System: die Studios, die Produzenten, die Leute mit der Kohle. Die waren die Bad Guys. Heute dagegen sind die Bad Guys das Publikum: Filmemacher und Geldgeber versuchen gemeinsam, die Zuschauer abzulenken. Und das funktioniert: Weil die Leute auf Scheiße stehen. Das System setzte ihnen Scheiße vor, die Leute fraßen die Scheiße, und jetzt wollen sie nur noch Scheiße haben. Früher kümmerten sich die Schauspieler nicht um die Journalisten, weil sie keine Macht hatten. Jimmy Stewart zum Beispiel konnte machen, was er wollte, er hätte schwul sein können oder mit einer Ziege zusammen leben, seiner Karriere hätte das nicht geschadet. Heute dagegen muss ich mich vor Journalisten setzen und die Filme in den Himmel loben, sonst bin ich im Arsch.

SKIP: Fällt dir das im Falle von Bad Santa denn schwer? Gefällt dir der Film nicht?

Billy Bob Thornton: Doch! Ich liebe ihn!! (lacht) Was soll ich denn sonst sagen? (grinst) Nein, ehrlich: Ich finde ihn ziemlich gelungen.

SKIP: Und es hat dir sichtlich viel Spaß gemacht, die Rolle des verkommenen Santa Claus zu spielen.

Billy Bob Thornton: Na sicher! Ein kettenrauchender, dauerfluchender Alkoholiker, der mit Vorliebe in der Umkleidekabine üppige Ladies vernascht - so sehr hab ich mich noch nie in einer Rolle wieder gefunden (lacht)! Und er ist ein Loser, genau wie ich (grinst). Nein ernsthaft, mein Leben war ja auch nicht gerade leicht. Es gibt Dinge in meinem Privatleben, die wirklich hart sind, über die ich noch nie öffentlich gesprochen habe. Wie ein Loser hab ich mich jedenfalls die meiste Zeit meines Lebens gefühlt. Eigentlich immer noch. Ich habe Kinder und Familie und bin trotzdem so selten zu Hause, das ist auch eine Niederlage. Ich denke mir oft, ich sollte Schuhmacher werden und zu Hause arbeiten.

SKIP: Hast du deinen Kindern Bad Santa gezeigt?

Billy Bob Thornton: Meine Kids sind neun, zehn, zweieinhalb, und eines ist gerade erst auf die Welt gekommen. Den Film habe ich ihnen nicht gezeigt, aber die beiden ältesten, Willie und Harry, waren am Set. Willie meinte dort einmal: "Dad, ich kann einfach nicht glauben, dass du den Hintern dieses Mädchens in aller Öffentlichkeit angefaßt hast!" Aber natürlich wollten die Jungs den Film sehen, ich sagte ihnen, das dürften sie frühestens mit 21. Da protestierte Harry: "Warum? Du hast jetzt am Set schon fünfmal "Fuck" gesagt, was soll da im Film noch viel schlimmer werden?" (lacht)

SKIP: Wie wichtig ist dir der Erfolg?

Billy Bob Thornton: Nun, ich würde nie so eitel sein und sagen "Erfolg ist mir völlig egal!" Aber seien wir uns doch mal ehrlich: Wenn man am Sterbebett liegt, will man dann sagen "Mein Film hat drei Box-Office-Rekorde gebrochen!" oder doch lieber "Ich habe stets mein Bestes gegeben!" Ich gebe mein Bestes und mache gute Filme. Ich habe kein Interesse daran, wie irgendeins dieser anderen Arschlöcher am Arm von Schauspielerin X glücklich über den roten Teppich zu segeln, und drei Monate später bist du geschieden, und drei Monate später mit Schauspielerin Y verheiratet und endlich wieder auf den Magazin-Covers ... Das geht mir doch am Arsch vorbei.

SKIP: Liest du eigentlich alles, was über dich geschrieben wird?

Billy Bob Thornton: Nicht immer, und ich nehme viel davon nicht sehr Ernst. Weißt du, was ich vor langer langer Zeit gelernt habe ist Folgendes: Man kann die Presse nicht so für blöd verkaufen wie viele Studios denken. Man kann Journalisten nicht so einfach einkochen. Ich zum Beispiel habe viele gute Journalisten-Freunde. Sie hängen mit mir ab, spielen bei mir zu Hause Pool - aber wenn sie meinen Film nicht mögen, dann schreiben sie das trotzdem. Und dann jubeln sie den Film irgendeines Arschlochs in den Himmel - und wenn ich sie danach frage, sagen sie: "Ich weiß, dass der Kerl ein menschlicher Fehlschuss ist - aber seinen Film fand ich gut!"

SKIP: Bist du denn manchmal auch ein ... ähem, Arschloch?

Billy Bob Thornton: Nein. Ich bin sehr nett und umgänglich. Nur wenn Crew-Mitglieder am Set mies behandelt werden, verliere ich die Beherrschung.

Interview: Kurt Zechner / Mai 2004

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