Weihnachtsmänner im Datenanzug

Interview mit Tom HanksRobert Zemeckis zu Der Polarexpress

Gleichzeitig einen Achtjährigen, dessen Vater, einen Zugschaffner, einen Vagabunden und den Weihnachtsmann spielen - alles im selben Film? Wie das geht, bekam Klaus Hübner in L. A. von Tom Hanks und Robert Zemeckis vorgeführt.

SKIP: Robert, deine Liebe zu Spezialeffekten hat sich in Filmen wie Zurück in die Zukunftoder Forrest Gump schon gezeigt, aber was hat dich dazu bewogen, sozusagen einen reinen Animationsfilm zu drehen?

Robert Zemeckis: Der Polarexpress ist eigentlich kein reiner Computerfilm, auch wenn er zu 100 Prozent gerendert ist. Vor drei oder vier Jahren hat mir Tom das Buch zugeschickt. Ich kannte es - mein Sohn hat es auch. Es erzählt eine interessante Geschichte, aber seine Popularität in Amerika verdankt es glaube ich vor allem den außergewöhnlichen Illustrationen. Die Bilder von Chris Van Allsburg verleihen der Story eine ungewöhnlich starke Emotionalität. Diese Wirkung, diesen Look wollte ich im Film einfangen. Das hätte als Realfilm nicht funktioniert. Aber auch nicht als rein computergenerierter Film. Also haben wir unsere eigene Technik erfunden: Performance-Capturing.

SKIP: Ist das eine Weiterentwicklung von Motion-Capturing?

Tom Hanks: Dir ist sicher aufgefallen, dass der Film nicht die von Animationsfilmen gewohnte Optik hat. Das liegt daran, dass wir, die Schauspieler, alle Rollen selbst spielen und nicht nur unsere Stimmen dafür hergeben. Wir haben an richtigen Sets gedreht, wo alles mit Computersensoren gespickt war. Dasselbe galt für die Schauspieler: Wir hatten Anzüge mit Sensoren an, auf unseren Gesichtern klebten über 150 Sensoren. Unsere gesamte Gestik und Mimik wurde, während wir unsere Szenen spielten, detailgetreu in den Computer übertragen. Deshalb erkennt man uns in unseren Rollen auch wieder.

SKIP: Und die Rolle des Kindes? Wie hat man dich auf die passende Größe geschrumpft?

Tom Hanks: Man hat die Welt vergrößert. Das Set des Kinderzimmers zum Beispiel bestand aus Modellen aus Drahtgittern und Streben, es gab ein riesiges Bett und übergroße Möbel, alles mit Sensoren versehenen. Auch der Waggon im Polarexpress war ein übergroßer Nachbau. Und darin haben wir die Kinderrollen gespielt, in unseren Datenanzügen. Nur die Stimme ist nicht meine. Die stammt von Daryl Sabara, dem Buben aus Spy Kids.

Robert Zemeckis: Wir haben alles versucht, um Toms Stimme im Computer zu verändern, aber es hat nicht funktioniert. Nona Gaye hat auch in der Kinderrolle ihre eigene Stimme, genau wie Eddie Deezen. Aber bei Toms Stimmlage hat das einfach nicht funktioniert, also mussten wir ihn synchronisieren.

SKIP: Als Erwachsener ein Kind darstellen - war das schwieriger als sonst?

Tom Hanks: Es war mit Sicherheit eine Herausforderung. Aber auch eine äußerst rare Gelegenheit. Wann bekommt ein erwachsener Schauspieler schon die Gelegenheit, ein achtjähriges Kind zu spielen? Es war jedenfalls ein Riesenspaß, auch für Peter Scolari, Nona Gaye und Eddie Deezen, die die anderen Kinder spielen. Am wichtigsten sind Neugier und Angst. Das sind Kernmotive bei Kindern. Wir mussten vergessen, was wir als Erwachsener wissen. Und uns einlassen auf die Rückführung, die Robert am Set veranstaltet hat.

SKIP: Würdet ihr Der Polarexpress als Kinderfilm bezeichnen?

Tom Hanks: In Der Polarexpress geht es nicht bloß darum, rechtzeitig zum Beginn von Weihnachten zum Nordpol zu gelangen. Es gibt niemanden, der Weihnachten verhindern will, niemand versucht, irgendjemanden umzubringen, und keine Bombe ist irgendwo versteckt, um eine Brücke zu sprengen. Aber es ist eine spannende Geschichte mit vielen aufregenden Bildern und philosophischen Motiven.

Robert Zemeckis: Ich versuche immer, eine interessante Geschichte in einer Weise zu erzählen, die man noch nie zuvor gesehen hat. Und ich suche nach Mitteln, um sie so spektakulär wie möglich zu erzählen. Außerdem ist Der Polarexpress keines dieser Kinderbücher, die Kinder immer wieder von ihren Eltern vorgelesen bekommen wollen, ohne dass die Eltern verstehen, was so toll daran ist. Eltern lesen sie gerne vor und haben auch selbst etwas davon.

Tom Hanks: Und der Film behauptet nicht, dass der Weihnachtsmann nicht existiert. Das Wunder der Weihnacht ist einfach konstant. Und wir würden die Pro-Santa-Bewegung nie gegen uns aufbringen wollen.

Interview: Klaus Hübner / September 2004

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