Zartbitter

Interview mit Nicole Kidman zu Birth

Ihre Rolle in Birth verlangte Nicole Kidman derartig viel ab, dass sie erneut daran denkt, die Schauspielerei ganz aufzugeben. Kurt Zechner ist eindeutig dagegen.

SKIP:Schon lange vor dem Kinostart galt Birth als Skandalfilm, in dem Nicole Kidman eine Liebesszene mit einem Kind hätte. Haben Sie mit diesen Reaktionen gerechnet, als Sie bei diesem Projekt eingestiegen sind?

Nicole Kidman: Eigentlich nicht. Es war mir einfach zu weit hergeholt. Diese Gerüchte entstanden ganz offensichtlich, bevor irgendjemand den Film gesehen hat. In Birth ging es nie um Sex. Das merkt ja jeder schnell, der den Film sieht. Wäre dieser Stoff in den falschen Händen gewesen, hätte ich niemals mitgemacht. Aber Jonathan wäre nie so geschmacklos gewesen, diese Geschichte auszubeuten.

SKIP: Wie war die Arbeit mit Cameron Bright, dem kleinen Buben in Birth?

Nicole Kidman: Cameron ist ein wunderbarer Bub und ein beängstigend guter Schauspieler. Dennoch: Man muß sehr sensibel sein, wenn man mit Kindern arbeitet. Es ist kein Normalzustand für sie, auf einem Filmset zu sein. Man muss in erster Linie immer klar machen, dass das ein Film ist, und sie dann wieder zurück in ihr Leben gehen – und dass das ganz verschiedene Dinge sind. Man muss ihre kleinen Persönlichkeiten beschützen.

SKIP: Jonathan Glazer hat erzählt, dass Sie viel von dem Charakter abends mit nach Hause nahmen ...

Nicole Kidman: Ja, das stimmt. Ich wollte auch keine freien Wochenenden haben. Wenn man sich so in eine Rolle vertieft, sind Wochenenden sehr unangenehm. Freitag abend denkst du dir: "Wie bringe ich nur Samstag und Sonntag rum, um am Montag endlich weitermachen zu können?" Ich habe natürlich auch schon Filme gedreht, bei denen ich das Wochenende kaum erwarten konnte (lacht).

SKIP: Sie sind momentan wohl die Nummer 1 unter den Schauspielerinnen, jeder will mit Ihnen arbeiten. Setzt Sie das unter Druck?

Nicole Kidman: Also ich glaube nicht, dass ich die Nr. 1 bin. Ich empfinde es auch nicht so. Ganz im Gegenteil. Jeden Tag denk ich mir wieder aufs Neue: Ich hab echt keine Ahnung, warum mir das alles passiert! (lacht).

SKIP: Was Ihre Rollenwahl betrifft, beweisen Sie in den letzten Jahren viel Mut zum Risiko: The Hours war riskant, Dogville sowieso, Birth ebenfalls ...

Nicole Kidman: Ich suche mir Rollen nicht nach dem Risiko aus, sondern einfach danach, wie sehr sie mir gefallen. Das wird mir wohl eines Tages das Genick brechen – ich hab so gar kein Gefühl dafür, was ein kommerzieller Hit-Film wird und was nicht. Ich werde nie vergessen, wie ich das erste mal auf das Dogville-Set ging, und da gab´s gar kein richtiges Set! Ich dachte nur: "Oh mein Gott, worauf hab ich mich da schon wieder eingelassen!" Und dann ist das ein so großartiger Film geworden.

SKIP: Und worauf werden Sie sich als nächstes einlassen?

Nicole Kidman: Als nächstes mache ich einen Film mit Wong Kar-Wai. Wer weiß, ob ich dann von Shanghai, wo wir drehen, je zurückkommen werde (lacht). Momentan drehe ich allerdings noch an einer klassischen Hollywood-Komödie: Bewitched, das Kino-Remake der Fifties-TV-Serie Verliebt in eine Hexe, mit Will Ferrell als meinem Filmpartner. Eine sehr angenehme Abwechslung.

SKIP: Wie informieren Sie sich eigentlich über die Filmemacher, mit denen Sie arbeiten möchten?

Nicole Kidman: Ganz einfach: Ich versuche, so viele Filme wie möglich im Kino zu sehen.

SKIP: Bei ganz normalen Vorführungen mit Publikum?

Nicole Kidman: Ja, klar! Ich liebe die Erfahrung, mit einer Gruppe von Leuten gemeinsam einen Film zu sehen. Bei Videos und DVDs zuhause schlafe ich immer ein. Das Bild ist so klein, das ist so anstrengend. Kino ist ein gemeinsames Erlebnis. Ich habe mir gerade Fahrenheit 9/11 am Eröffnungstag in New York angeschaut. Die Leute gaben Zwischenapplaus und jubelten. Das fand ich großartig. Ich war so froh, das nicht zu Hause auf irgendeinem Mini-Screen zu sehen.

SKIP: Können Sie als Superstar überhaupt in eine normale Kinovorführung gehen, ohne einen Tumult zu verursachen?

Nicole Kidman: Sicher. In New York kümmert sich niemand darum. Ich komme immer ohne Entourage, möglichst unauffällig gestylt, gehe schnell hinein und setzte mich gleich hin. Die Leute schielen maximal kurz auf mich. Wenn ich mit meinen Kindern ins Kino gehe und jemand mich anspricht, erkläre ich freundlich, dass ich jetzt mit meinen Kids da bin und das keine gute Zeit ist. Die Leute sind da allermeist sehr respektvoll. Die eigene Einstellung ist bei dieser Problematik entscheidend. Wenn du den ganzen Trubel haben willst, kannst du ihn haben, indem du ständig 20 Bodyguards vor dir hermarschieren läßt, die brüllen "Alle aus dem Weg!" Ich käme mir da wie ein Idiot vor.

SKIP: Empfinden Sie den Glamour-Part Ihres Jobs eher als Belastung oder als Genuss?

Nicole Kidman: Um ganz ehrlich zu sein, das Ganze ist nie so glamourös wie es scheint. Selbst an dem Abend, an dem du einen Oscar gewinnst, sitzt du irgendwann allein in deinem Hotelzimmer und denkst dir: Wen könnte ich jetzt anrufen? Du machst den Reißverschluß des Kleides auf, ziehst es aus, und fühlst dich wie Aschenputtel nach dem Ball. Ich versuche zwar die Momente im Rampenlicht auch zu genießen, aber die größte Freude ist der Job, von einem genialen Regisseur geleitet, vor der Kamera einen Charakter zu erschaffen.

SKIP: Kürzlich haben Sie gemeint, dass Sie daran denken, den Job bald aufzugeben.

Nicole Kidman: Wissen Sie, wenn ich mir meine Filmpartnerin Lauren Bacall anschaue, denke ich mir: Cool, die arbeitet immer noch in dem Job! Ich habe da nicht so viel Ausdauer, fürchte ich. Ich finde die Schauspielerei sehr ermüdend, vor allem psychisch.

SKIP: Weil man soviel von sich hergibt?

Nicole Kidman: Ja, genau. Wenn du schauspielst, musst du alle deine Gefühle ganz unmittelbar ständig verfügbar haben, und dann wirst du wieder zurück ins normale Leben geworfen und sollst auf einmal wieder ganz diszipliniert und erwachsen sein. Das auszugleichen, ist psychische Schwerstarbeit.

Interview: September 2004

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