Ein Fall für zwei

Interview mit Robert De NiroAl Pacino zu Heat

Ein Film. Zwei Italo-Amerikaner. Sie denken an Der Pate 2? Falsch. Die beiden alten Kumpels Al Pacino und Robert De Niro haben mehr als 20 Jahre später endlich einen Film gemacht, in dem sie wirklich gemeinsam vor der Kamera stehen. Elisabeth Sereda bat die Legenden zum Interview-Duett.

SKIP: Wie haben Sie einander kennengelernt?

Robert De Niro: Al, du kannst das besser beantworten.

Al Pacino: Ich habe Bobby zum ersten Mal in seinem allerersten Film, The Wedding Party, gesehen. Später habe ich ihn dann öfters beim Spazierengehen auf der 14th Street erblick, aber nie mit ihm gesprochen.

SKIP: Und sie lernten einander auch bei den Dreharbeiten zu Der Pate 2 nicht wirklich kennen, oder?

Al Pacino: Genau. Wir sind ja nie in der gleichen Szene. Offiziell wurden wir einander erst bei der Premieren-Party vorgestellt. Seither sind wir Freunde.

SKIP: Warum hat das denn so lange gedauert, bis Sie endlich einen gemeinsamen Film machten?

Robert De Niro: Weil wir, wenn wir uns sehen, eigentlich nie über unseren Job reden.

Al Pacino: Aber manchmal kommen wir schon darauf zu sprechen, wenn zB einer von uns beiden sagt: "Die haben gesagt, daß sie dir diese oder jene Rolle zuerst angeboten haben", und dann der andere erwidert: "Witzig, aber mir haben sie gesagt, daß sie dir das zuerst angeboten haben!"

SKIP: Das heißt, anstatt miteinander engagiert zu werden, werden Sie als Konkurrenten um die selben Rollen ausgespielt?

Al Pacino: Leider ja. Aber ich glaube, wir müssen uns keine Sorgen um Jobs machen.

Robert De Niro: Es ist nicht so, daß der eine dem anderen den Job wegnimmt.

Al Pacino: (lacht) Nein, natürlich nicht! Ich spiele immer die Cops und du die Verbrecher.

SKIP: War es von vornherein klar, wer wen spielt?

Al Pacino: Ja, unsere Regisseur, Michael Mann, bestimmte das.

Robert De Niro: Er sagte, er könne es sich umgekehrt nicht vorstellen.

Al Pacino: Wir sind Schauspieler, und ja, natürlich ginge es auch andersrum, aber ich muß sagen, ich war sehr schnell von meiner Rolle fasziniert. Natürlich habe ich eine Menge Cop-Rollen gespeilt, aber diese war anders. In Der Duft der Frauen mußte ich lernen, wei man als Blinder mit Frauen umgeht. In Heat mußte ich lernen, wei man blind mit einem Revolver umgeht. Ich mußte mir beibringen, ohne hinzuschauen, einen Revolver zu laden und zu entladen. Am Schluß konnte ich das im Schlaf.

SKIP: Das ist nicht gerade eine Fähigkeit, die Sie im täglichen Leben brauchen werden.

Al Pacino: (lacht) Nein. Deshalb habe ich es auch gleich wieder vergesssen. Ich könnte es heute gar nicht mehr.

SKIP: Im Film stehen Sie einander emotionell sehr nahe, obwohl Sie auf zwei verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen ...

Robert De Niro: Ja, es gibt eine emotionelle Bindung ...

Al Pacino: ... die durch die Gemeinsamkeit im Leben der beiden gseteht. Mit Leben meine ich das Privatleben. Die Gefühlswelt beider Männer ist sehr ähnlich gestrickt.

Robert De Niro: Neil McCauley, der Dieb, hat keinerlei Bindungen. Er will und kann keine eingehen. Er ist beziehungsunfähig. Er will nichts in seinem Leben haben, daß er nicht binnen 30 Sekunden hinter sich lassen könnte.

Al Pacino: Und Vincent Hanna hat zwei gescheiterte Ehen hinter sich. Seine dritte ist in Schwierigkeiten, weil er der Jagd nach McCauley mehr Zeit und Energie widmet als seiner Frau. Er ist nur fähig, einen Bereich seines Lebens in Ordnung zu halten, und das ist seine Arbeit. Der Rest ist Chaos.

SKIP: In einer Szene des Films entdecken Hanna und McCauley, wie viele Gemeinsamkeiten sie eigentlich haben...

Al Pacino: Sie sind einander sympathisch. Deshalb ist es für Vincent Hanna auch so schwierig, das Richtige zu tun. Der Cop versteht den Dieb auf eine sehr tiefe emotionale Weise. Trotzdem ist es sein Lebensziel, den Dieb, der inzwischen auch zum Mörder geworden ist, hinter Gitter zu bringen.

SKIP: Los Angeles spielt eine große Rolle in Heat. Die Stadt wird beinahe zum dritten Hauptdarsteller. An welchen Schauplätzen haben Sie gedreht?

Robert De Niro: L.A. ist der dritte Hauptdarsteller. Michael Mann ist für seine stark visuelle Betrachtung bekannt.

Al Pacino: Und er hat alle Schauplätze ausgesucht. Ich finde, er hat ein fantastisches Auge für Hintergrund und Vordergrund. In Heat steht die Stadt im Vordergrund. Wir hatten 85 verschiedene Sets, alles die echten Schauplätze. Michael ist der Meister des filmischen Naturalismus. Wir haben unter anderem in Orange County, Bel Air, entlang des Los Angeles River bis nach Long Beach und in Inglewood gedreht, das im Volksmund auch der Junkyard (die Müllhald) genannt wird, weil dort mehr Verbrechen begangen werden als sonstwo in der Stadt.

Robert De Niro: Erinnere dich, Al, wir haben sogar darüber gewitzelt, daß wir, durch Michaels Augen betrachtet, L.A. sogar vielleicht noch einmal mögen werden.

SKIP: Der Film ist sehr brutal. Wie reagieren Sie persönlich als Zuschauer auf Gewalt in Filmen? Sie haben beide kleine Kinder. Wie erklären Sie denen, was sie sehen dürfen und was nicht und warum?

Robert De Niro: Meine Kinder sind noch zu klein - meine Tochter ist erwachsen, aber meine Zwillinge sind noch Babies. Daher kann ich dazu noch nichts sagen.

Al Pacino: Ich überlege mir natürlich sehr genau, was meine kleine Tochter sehen darf und was nicht. Mit Kinofilmen ist es einfach. Das kann ich leicht kontrollieren, weil ich sie ja ins Kino bringen muss. Schwierig wird es beim Fernsehen, das so viel Brutalität zeigt, und das zu jeder Tageszeit. Fernsehen ist mittlerweile für alle Eltern zum Fluch geworden. Wenn man seine Kinder wirklich schützen will, muß man den Fernseher zum Fenster raus schmeißen!

SKIP: Was haben Sie beide für Gemeinsamkeiten - abgesehen davon, dass Sie in Der Pate 2 mitgespielt haben und Italo-Amerikaner sind? Worauf basiert ihre Freundschaft?

Al Pacino: Wir haben beide die selbe spezielle Lebenssituation.

SKIP: Welche spezielle Lebenssituation?

Al Pacino: Diese hier. Jetzt. Wir nehmen eine Ausnahmestellung ein, wohin wir auch gehen. Wir sind Schauspieler in einem Land, das süchtig nach Stars ist.

Robert De Niro: Und dabei wäre es uns lieber, wenn wir unter Ausschluß der Öffentlichkeit arbeiten könnten.

SKIP: Dann wäre es aber nicht derselbe Beruf. Als Schauspieler brauchen Sie schließlich Publikum.

Robert De Niro: Natürlich. Aber was wir nicht brauchen, sind die dauernden Eingriffe in unser Privatleben.

Al Pacino: Keiner kann das verstehen, wenn er es nicht selbst erlebt, wenn er nicht mittendrin ist. Was Bobby und mich außer einer unbegrenzten Liebe zu unserem Beruf noch verbindet ist, daß wir beide wesentlich mehr daran interessiert sind, Schauspieler zu sein und als solche zu arbeiten, als als Stars verehrt zu werden. Letzteres war uns von Anfang an unbequem, aber das kommt eben mit dem Job.

Robert De Niro: Das ist eben der Preis, den wir bezahlen müssen.

Al Pacino: Und wenn man vom Lohn ausgeht, den wir erhalten, wenn wir einen guten Film gemacht haben, den die Leute mögen, dann kann man diesen Preis schon auf sich nehmen. Letztlich sind wir sehr glückliche Menschen. Menschen, die Glück gehabt haben.

Interview: Elisabeth Sereda / Dezember 1995

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