Koschere Komödie

Interview mit Dani Levy zu Alles auf Zucker

Dani Levy erklärte Peter Krobath, warum es gesellschaftlich geradezu notwendig ist, endlich auch wieder Witze über Juden zu machen.

SKIP: Billy Wilder hat einmal gesagt: "Wenn die Pointe gut ist, ist mir völlig egal, wer sich vom Witz beleidigt fühlt."

Dani Levy: Das hat er gesagt? Ja, das sehe ich auch so. Ich glaube, dass man innerhalb einer Komödie sogar die Verpflichtung hat, aus einer bestimmten Form von politischer Korrektheit auszubrechen. Als Spätfolge des Holocaust befinden wir uns derzeit in einer Art Kaltem Krieg zwischen Mitteleuropäern und Juden. In dieser Vereisung der Verhältnisse brauchst du eine Portion Subversivität und den Willen, bestimmten Leuten ruhig auch einmal auf die Füße zu treten und über gewisse Sensibilitäten hinwegzugehen - was aber alles sehr im Dienste der Komödie ist. Manchmal ist die Komödie das einzige Mittel, um bestimmte Dinge überhaupt noch in den Mund nehmen zu können. Wenn du das ernsthaft machen wolltest, würdest du wohl sofort exekutiert werden.

SKIP: Witze übers Judentum sind möglich, beim Islam schaut es schon ganz anders aus. Oder könntest du dir eine Komödie auch in diesem Umfeld vorstellen?

Dani Levy: Ich finde schon. Durch den Mord an Theo van Gogh werden solche Sachen natürlich zurückgeworfen. Andererseits war das auch ein Einzelfall, dass der auf beiden Seiten eine solche Sturmflut an Reaktionen ausgelöst hat, ist natürlich zutiefst tragisch. Da sieht man nur, wie explosiv das Pulverfass ist, auf dem wir alle sitzen. Offenbar ist die Front Liberalismus - Fundamentalismus doch gefährlicher als wir alle dachten. Das hat natürlich viel mit Armut, also mit sozialwirtschaftlichen Problemen zu tun, aber es gibt auch ein ethnisches Problem. Jede Möglichkeit, da zu irgendeiner Form von Entkrampfung zu führen, indem man Sturheiten, Dickköpfigkeiten und Dogmatismus im weitesten Sinne auf die Schippe nimmt und so ein Stück weit aufweicht, ist natürlich zu begrüßen. Das Schöne am Humor ist ja, das man sich in seinen eigenen Vorurteilen outet.

SKIP: Was bedeutet die Tatsache, dass eine Komödie wie Alles auf Zucker möglich ist, für die derzeitige Situation der Juden in Deutschland?

Dani Levy: Ich glaube nicht, dass so ein Film etwa vor 20 Jahren entstehen hätte können. Dazu hat es schon eine völlig neue Generation von Filmemachern und Zuschauern gebraucht. Trotzdem war es super kompliziert, diesen Film überhaupt zu finanzieren. Unser Konzept wurde mit aller Ängstlichkeit und Skepsis angesehen, bei etlichen Fernsehstationen mit geradezu widersinnigen Argumenten abgelehnt. Das fielen dann so komische Sätze wie: "Wir machen keine Minderheitenprogramme." Oder: "Unser Publikum kann sich mit solchen Menschen nicht identifizieren."

SKIP: Dabei scheint der Humor von Alles auf Zucker gar nicht unbedingt anecken oder gar provozieren zu wollen ...

Dani Levy: Da hätte ich ganz andere Filme machen können. Die Idee war schon, dass man die Leute an die komplexen psychologischen Strukturen einer Familie heran führt, die es durchaus überall anders auch geben könnte. Ich wollte den Leuten sagen: "Hey, das kennt ihr doch!" Erbschaftsstreitigkeiten, Kinder, die aus den Fugen geraten, der Sohn, der endlos Jungfrau bleibt, die Tochter, die statt dem Studieren lieber mit den Typen rummacht, die Frau, die irgendwie die Scheidung will, der Mann, der nach der Wende keinen Fuß mehr auf den Boden gekriegt hat, der irgendwie versucht, mit Tricks und Schlawinertum durchs Leben zu kommen - das kennen wir doch. Aber offensichtlich ist eine Komödie über Judentum in Deutschland doch sehr ungewöhnlich, im deutschsprachigem Raum ist das das erste Beispiel seit dem Nationalsozialismus. In Frankreich gab es Die Abenteuer des Rabbi Jacob mit Louis de Funes, es gab natürlich auch jüdische Komödien in Amerika oder Israel, aber eben nicht im deutschsprachigen Raum. Da ist es ein absolutes Novum, dass man Juden auch widersprüchlich und angreifbar zeigen kann.

SKIP: Alles auf Zucker ist nach c(r)ook nun schon der zweite Film innerhalb kürzester Zeit, in dem Henry Hübchen als Hauptdarsteller einer doch ziemlich schrägen Komödie brilliert. Was ist da passiert? Habt ihr den bisher übersehen?

Dani Levy: Nicht unbedingt übersehen, aber fürs Kino war er halt vorher nie richtig entdeckt worden. Dabei ist das ein ganz wunderbarer Schauspieler. Nur darf man sich nichts vormachen: Letztendlich ist Kino eine Teenie-Veranstaltung. Du kannst hundert magersüchtige Mädels nacheinander auf die Leinwand bringen und damit trotzdem immer wieder ein neues Publikum ansprechen. Aber alles, was ein bisschen älter ist - und Hübchen war halt schon Fünfzig bei der Wende - das landet beim Fernsehen. Fürs Kino müssen die wirklich erst neu entdeckt werden. Für Henry Hübchen waren diese beiden Filme ein echtes Coming Out.

Interview: November 2004

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