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Interview mit Kate Winslet zu Wenn Träume fliegen lernen

Auch wenn sie gerne abhebt, ist Kate Winslet gar nicht abgehoben. Die Rolle in Wenn Träume fliegen lernen übernahm sie aus Liebe zu Peter Pan – mit Johnny Depp zu drehen, war ein angenehmer Nebeneffekt.

Titanic wäre fast ihr eigener Untergang gewesen. Der Mega-Erfolg von James Camerons Epos schwemmte die bis dato fast unbekannte Britin Kate Winslet an der Seite von Leonardo DiCaprio ganz nach oben in den Hollywood-Himmel – "es war der pure Irrsinn, was da abgegangen ist. Ich musste mich mit aller Kraft aus dieser riesigen Maschinerie befreien, sonst wäre ich daran zugrunde gegangen!" Deshalb dreht Kate, die mit Leib und Seele Schauspielerin ist, aber kein Star sein möchte, nur noch Filme, die sie liebt, lebt mit Mann und Kids in London und kümmert sich nicht um Hollywoods Große Gs: Gewinn, Gewicht und Geltungsdrang.

SKIP: Kannst du dich noch erinnern, wie das war, als du die Geschichte von Peter Pan zum ersten Mal gehört hast?

Kate Winslet: Irgendwie kommt mir vor, als ob ich sie schon immer gekannt habe. Ich bin damit aufgewachsen. Als ich 14 war, hab ich in einer Theaterproduktion die Wendy gespielt, und jetzt ist das Lieblingsspiel meiner 5-jährigen Tochter Peter Pan und Captain Hook: Sie ist Peter, und Sam (der Regisseur Sam Mendes, Kates Ehemann, Anm.) muss mit seiner Hand einen Haken bilden und sie durch den Garten jagen.

SKIP: Mit welcher Figur aus der Geschichte hast du dich als Kind identifiziert?

Kate Winslet: Wendy und Peter, abwechselnd. Ich wollte unbedingt fliegen. Ich war völlig überzeugt davon, fliegen zu können – ich habe mich stundenlang vom Ende der Couch auf den Boden geworfen und war jedes Mal wieder ganz sicher, dass ich diesmal quer durch das Zimmer fliegen würde. Leider hat es nie geklappt.

SKIP: Es heißt, dass die meisten Männer ihr ganzes Leben lang Kinder bleiben. Gilt das nicht auch für Frauen?

Kate Winslet: Ich weiß nicht, ob Männer je in der gleichen Weise erwachsen werden wie Frauen. Immerhin sind wir es, die Kinder kriegen – und nichts verändert einen so sehr wie die Geburt eines Kindes. Frauen tragen meist viel mehr Verantwortung. Ich möchte nicht unterschätzen, was Vater sein bedeutet, trotzdem werden Frauen irgendwie schneller erwachsen. Andererseits braucht jeder von uns sein inneres Kind. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, dass wir den Sinn für Spaß, Abenteuer und Fantasie nicht verlieren – schon alleine wegen unserer eigenen Kinder. Bei mir zu Hause z. B. gibt es jede Menge Bücher, aber keine Computerspiele etc. Ich glaube an die Macht der Fantasie.

SKIP: Was wirst du tun, wenn deine Kinder selber einmal ins Showbiz wollen? Wirst du sie unterstützen oder ihnen davon abraten?

Kate Winslet: Ich glaube kaum, dass ich viel dagegen tun kann. Wenn Mia mir im Wohnzimmer ihre eigene Show vorspielt, denk mir immer "Na toll, sind wir jetzt schon soweit ..." Aber ich werde meine Kinder in jedem Fall in allem unterstützen, was sie machen wollen, ob das nun Schauspieler ist, Kriminalpsychologe oder was ganz anderes.

SKIP: Du kommst ja aus einer Künstlerfamilie ...

Kate Winslet: Aus einer total verrückten Familie triffts wohl eher (lacht).

SKIP: ... und bist bis nach Hollywood gekommen. Hat´s dort so ausgesehen, wie du dir das als Kind vorgestellt hast?

Kate Winslet: Als ich davon träumte, Schauspielerin zu werden, träumte ich vom Theater oder gerade mal vom Fernsehen – ich hätte nie gedacht, dass ich einmal beim Film landen würde. Ein Teil von mir denkt immer noch so: Oh mein Gott! Ich bin im Kino! Ich bin dankbar, dass ich so wundervolle Möglichkeiten geboten bekomme. Mir macht diese Welt auch gar keine Angst. Ich meine, Titanic war in seiner Gigantomanie eine ziemlich beeindruckende Erfahrung, und nach diesem Erlebnis musste ich mit aller Kraft daran arbeiten, wieder auf den Boden zu kommen. Deshalb habe ich dann ein paar kleine Independent-Filme gedreht, weil die für einen Schauspieler auch oft die viel besseren Rollen bieten. Ich bewundere ja auch Johnnys Art der Rollenwahl: Er dreht Blockbuster wie Fluch der Karibik und dann wieder ganz seltsame, kleine Dinge. Ich möchte nie, dass mein Job mich langweilt, dass ich in der Früh aufstehe und denke "Oh mein Gott, ich muss zur Arbeit!" Ich will aufgeregt und neugierig bleiben. Und ich liebe die Schauspielerei, nach wie vor. Viele Leute, die in jungen Jahren Erfolg haben, sind schnell ausgebrannt, verlieren den Bezug zur Realität und treffen absurde Entscheidungen.

SKIP: Aber du bist nach wie vor ein Star. Tom Hanks etwa hat gesagt, dass er sich nicht mehr daran erinnern kann, wann er zum letzten Mal mit einem Linienflugzeug geflogen ist. Wie normal ist dein Leben?

Kate Winslet: Es gibt Leute wie Tom, die einen einfach unglaublichen Erfolg haben. Ich bin nicht mal nahe dran. Und mein Leben ist ganz normal. Ich fahre mit der U-Bahn, gehe um die Ecke einkaufen, wie alle anderen Eltern auch. Nach Titanic gab es schon eine Zeit, in der das nicht so einfach war, und wo ich nicht U-Bahn fahren konnte. Aber ich wusste immer, dass das auch vobeigeht. Ich wollte mein Leben zurück – und es hat funktioniert.

SKIP: Gibt´s nie einen Moment, wo dir der Star-Rummel abgeht? Wo du dir ganz klammheimlich denkst: "Oh mein Gott, sie erkennen mich nicht mehr?!"

Kate Winslet: Niemals.

SKIP: Hat dein Familienleben zu dieser Normalität beigetragen?

Kate Winslet: Klar. Auch weil Sam das Showbiz auch aus nächster Nähe kennt. Wir haben dieselbe Wellenlänge, verstehen einander total und können über alles reden.

SKIP: Beeinflußt ihr euch gegenseitig auch beruflich?

Kate Winslet: Sam unterstützt und bestätigt mich. Aber er er könnte mit nie etwas einreden, was ich nicht tun will – und umgekehrt. Deshalb haben wir auch nicht vor, gemeinsam an einem Filmprojekt zu arbeiten. Ich will Sam als Mann und Geliebten sehen und nicht als Chef oder Berufskollege.

Interview: September 2004

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